Nr. 14/2019 vom 04.04.2019

Flashback im Brockenhaus

Bettina Dyttrich sorgt sich um die Freiheiten der Konsumgesellschaft

Von Bettina Dyttrich

Die junge Frau schaut direkt in die Kamera. Ihr Blick ist offen, frech. Auf einem anderen Bild liegt sie auf dem Bauch, versteckt das Gesicht halb im Gras und grinst, spielt mit dem Blick des Fotografen – oder der Fotografin? Und da ist sie wieder, etwas älter jetzt, mit zwei Kindern an der Hand.

In fast jedem Brockenhaus gibt es solche alten Schwarzweissfotos. In diesem stosse ich auf immer neue Porträts der Frau mit dem selbstbewussten Blick. Sie müsste heute über achtzig sein. Ist sie allein gestorben? Hatte sie niemanden, dem sie diese fröhlichen Bilder vererben konnte?

Die ältesten Fotos hier sind kleinformatig, oft unscharf. Sie zeigen Menschen beim Heuen, auf Gruppenbildern nach getaner Arbeit, müde, aber stolz. Kinder unter Obstbäumen, Feste und Chöre. Dieses kleine Mädchen, das da etwa 1950 im Gras sitzt, könnte meine Mutter sein. Sie ist in dieser Welt aufgewachsen, in der es kaum Autos, aber jeden Tag Kartoffeln gab. Das Frauenstimmrecht lag noch in weiter Ferne.

Dann kommt der Wohlstand: Autos tauchen auf, man fährt auf Pässe. Das erste Farbfoto, nackter Rücken in der Badehose – beides kündigt eine neue Ära an. Die Konsumgesellschaft bringt ganz neue Freiheiten, von denen das kleine Mädchen im Gras wohl nie geträumt hat (die freche junge Frau hingegen schon). Alle Kurven zeigen steil nach oben: Weltbevölkerung, Ressourcenverbrauch, Reisewege … Und dann die grossartige Arbeitserleichterung, die die Waschmaschine bringt. Das aufregende Gefühl, nach Italien reisen zu können. Die erste Pizza, die wilde Musik, die rückenfreie Badehose – die Sehnsucht nach den sechziger Jahren ist die Sehnsucht nach dieser Aufregung. Aber das Gefühl nützt sich ab. Heute glauben wir, ein Recht auf all das zu haben: die Auslandsreisen, die grossen Wohnungen, das Fleisch.

Die Konsumgesellschaft brachte existenzielle Freiheiten: selbst Geld verdienen, in die anonyme Stadt ziehen können, nicht mehr von der Familie abhängig sein. Auch die Queerbewegung wäre undenkbar ohne die Konsumgesellschaft. Nur macht die leider die Welt kaputt. Der globale Ressourcenverbrauch hat sich in den letzten fünfzig Jahren fast vervierfacht – und er ist zu neunzig Prozent für das Artensterben verantwortlich. Das steht in einem neuen Bericht des Uno-Gremiums International Resource Panel. Es geht nicht nur ums Klima – der Kapitalismus frisst seine eigenen Grundlagen.

Wie lassen sich die Freiheiten der letzten Jahrzehnte erhalten, wenn die Konsumgesellschaft zu Ende geht? Wird das Patriarchat zurückschlagen, wenn Existenzielles wie Landbesitz wieder in den Vordergrund rückt?

Hoffnung macht auch hier die Klimabewegung. In ihr sind selbstbewusste junge Frauen auf allen Ebenen präsent: Sie reden an Demos, moderieren Sitzungen, geben der Presse Auskunft – mit einer Selbstverständlichkeit, die ich so noch nie gesehen habe.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin. Das International Resource Panel hat eine Website: resourcepanel.org.

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