Nr. 14/2019 vom 04.04.2019

Was er auslöst in uns

Hat er, oder hat er nicht? Die Frage, ob Michael Jackson Kinder missbraucht hat, steht nicht erst seit dem neuen TV-Dokumentarfilm «Leaving Neverland» im Raum. Klüger wäre es, unsere eigene Komplizenschaft mit dem wechselhaften Jackson-Spektakel zu hinterfragen.

Von Daniela Janser

Der «King of Pop» im Zentrum einer fiebrigen Massenhysterie: Michael Jackson bei einem Auftritt im Madison Square Garden, September 2001. Foto: Dave Hogan, Getty

«Jeder seiner Griffe in den Schritt jagte Schocks der Verzückung rund um den Globus, jede seiner ruckartigen Hüftbewegungen brachte die Welt ins Taumeln.» So beschreibt das Magazin «Timeout» noch im Sommer 2018 Michael Jacksons ekstatische Wirkung auf die Massen. Anlass war die Eröffnung der Londoner Wanderausstellung «Michael Jackson: On the Wall» in der renommierten National Portrait Gallery. Der Artikel, in dem die Ausstellung ausdrücklich gelobt wird, endet mit dem Satz: «Das ist die wahre Macht von Michael Jackson: Was er in dir auslöst.»

Als nun dieselbe Ausstellung am 22.  März in der Bundeskunsthalle Bonn eröffnet wurde, war das Echo in der Presse merklich gedämpfter. Die «Süddeutsche Zeitung» fragte im Vorfeld gar: «Brauchen wir Michael Jackson noch in der Bundeskunsthalle?» Was war passiert? Im März, nach der Weltpremiere am Sundance-Filmfestival, hatte der US-Bezahlsender HBO die knapp vierstündige Dokumentation «Leaving Neverland» des britischen Filmemachers Dan Reed ausgestrahlt. Darin erzählen der heute 37-jährige Choreograf Wade Robson und der 41-jährige Computerprogrammierer James Safechuck ausführlich, wie sie jahrelang von Michael Jackson sexuell missbraucht worden seien. Robson soll sieben, Safechuck zehn Jahre alt gewesen sein, als die Übergriffe begannen. Die beiden gehörten eine Zeit lang zur engsten Entourage des Stars, Safechuck spielte 1988 mit Jackson in einer Pepsi-Werbung mit.

Buben in seinem Bett

Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson sind nichts Neues – vor Gericht konnte er sie allerdings stets abschmettern. Bereits 1993 stoppten seine Anwälte eine erste Anklage wegen Kindesmissbrauch mit einer aussergerichtlichen Einigung: Jackson zahlte mindestens 15 Millionen Dollar an die Familie des Jugendlichen, der ihn beschuldigt hatte. Zehn Jahre später wurde Jackson erneut vorgeladen, festgenommen und später vor ein Geschworenengericht gestellt, das ihn 2005 freisprach – im Zweifel für den Angeklagten. Wade Robson hatte bei diesem Prozess von 2005 noch zugunsten von Michael Jackson ausgesagt und jeden Übergriff verneint.

Heute, zehn Jahre nach Jacksons Tod, erzählt Robson eine ganz andere Geschichte. Es ist eine Stärke von Reeds Film, wie ruhig und detailliert er die sehr ähnlich lautenden Missbrauchsbeschreibungen von Robson und Safechuck dokumentiert, ebenso wie die bizarren Liebesbekundungen, die Jackson den Knaben per Telefon und später per Fax hinterliess. «Leaving Neverland» beleuchtet auch die äusserst zweifelhafte Rolle der Eltern, die sich für ihre Kids eine grosse Karriere erhofften und jahrelang nichts dabei fanden, dass ihre kleinen Söhne mit dem Superstar in einem Bett schliefen, während sie selbst in anderen, oft weit entfernten Zimmern untergebracht waren.

Die offensichtliche Schwäche des Films: Er wirkt – abseits der Interviews – hastig zusammengestückelt. Und Dan Reed befragt ausschliesslich Robson und Safechuck, dazu ausführlich deren Mütter und ein paar andere Familienmitglieder. All diese Aussagen werden weder in weitere Nachforschungen eingebettet, noch hat der Regisseur andere Beteiligte interviewt, die nicht zu den beiden Familien gehören.

Mit wohligem Schauer

Plausibel und trotzdem fragwürdig: «Leaving Neverland» gehört in eine ganze Reihe von neueren US-Dokumentarfilmen, die sich als alternative Strafverfolger gebärden – mit der ganzen Wucht ihrer massenhaften Verbreitung. Sie sind jedoch oft nicht ganz durchsichtig, was die Beweisführung und Überprüfbarkeit angeht. Das Spektrum reicht von der Netflix-Serie «Making a Murderer», die zum teilweisen Freispruch eines bereits verurteilten Mörders führte, bis zur Dokumentation «Surviving R. Kelly», in der mehrere Frauen den R-’n’-B-Sänger des Missbrauchs beschuldigen, was zu seiner Verhaftung führte. Aber sollten juristische Fälle wirklich im unbeständigen medialen Scheinwerferlicht verhandelt werden? Was ist mit dem Opferschutz? Und kann ein Dokumentarfilm überhaupt ein Urteil von solcher Tragweite fällen?

Sicher ist: «Leaving Neverland» hat die öffentliche Wahrnehmung von Michael Jackson grundlegend verändert. Allerdings geschieht dies beileibe nicht zum ersten Mal. Nimmt man Jacksons ganze Karriere in den Blick, fällt auf, wie oft das mediale Urteil über ihn schon gekippt ist. Und mit welcher makabren Gier etwa die Boulevardpresse und ihre LeserInnen das beispiellose und sehr wechselhafte Spektakel um den «King of Pop» immer wieder angeheizt und ausgekostet haben. In der Schweiz berichtete etwa der «Blick» mit wohligem Schauer über die Matratzenlager, die Jackson als Gast in Zürcher Nobelhotels für sich und seine sehr jungen Begleiter einrichten liess. Auch US-Medien mokierten sich süffisant über «Wacko Jacko und seine Reisegefährten». Von Sensibilität gegenüber den möglichen Opfern keine Spur.

Es wird Eindeutigkeit gefordert

Doch man ergötzte sich nicht nur andeutungsreich an den latenten Missbrauchsvorwürfen, sondern stürzte sich auch auf Jacksons zahlreiche schönheitschirurgische Eingriffe, auf seine über die Jahre immer heller werdende Haut, auf seine Verschwendungssucht und beschwor ein ums andere Mal das Ende seiner Karriere – nur um ihn kurz darauf wieder als grössten Popstar aller Zeiten abzufeiern. Als er 2009 mit fünfzig Jahren an Herzversagen starb, verursacht durch einen von seinem Leibarzt verabreichten Medikamentencocktail, stand er drei Wochen vor einer ausverkauften Welttournee.

Seine Musik verkaufte sich nach seinem Tod besser als je zuvor, und in den Nachrufen war oft keine Rede mehr von den Missbrauchsvorwürfen, die ihn doch seit über fünfzehn Jahren begleitet hatten – auch nicht im Nachruf der WOZ. Stattdessen gab es Schlagzeilen zu lesen wie «Bambi ist tot» und Sätze wie «Sein Herz war schon lange gebrochen» und «Vermutlich ist Michael Jackson bis zuletzt das verstörte und misshandelte Kind geblieben, zu dem ihn sein tyrannischer Vater gemacht hatte».

Unverhohlen feierte man auch wieder Jacksons berühmte Hand im Tanzschritt, die im Licht der Vorwürfe von «Leaving Neverland» – einmal mehr – eine sehr abgründige Konnotation erhält. Die «mediale Gerichtsbarkeit», wie der «Spiegel» das Phänomen treffend nennt, schlägt heute erneut zu. Vehement wird plötzlich wieder Eindeutigkeit eingefordert, wo doch seit jeher Zwiespältigkeit herrscht und auch gefördert wurde. Und man diskutiert – wie schon bei früheren Missbrauchsvorwürfen – stirnrunzelnd darüber, ob Jacksons Songs noch am Radio gespielt werden dürfen oder ob die aktuelle Schau «Michael Jackson: On the Wall» in Bonn überhaupt noch gezeigt werden soll.

Dabei können gerade Ausstellungen wie diese, wo sich zeitgenössische KünstlerInnen wie David LaChapelle oder Candice Breitz und Autorinnen wie Zadie Smith mit Michael Jackson und seinen medialen Masken auseinandersetzen, sehr viel erkenntnisreicher sein als die oft scheinheilige öffentliche Gerichtsbarkeit. Mehrere der ausgestellten Werke machen klar, dass das Kippen zwischen Opfer und Täter bereits in der Kunstfigur Jackson selbst angelegt ist, wie auch in der verkitschten Peter-Pan-Märchenmythologie, die er zelebrierte. Vor allem aber zeigt «Michael Jackson: On the Wall» den Star als wandelbare Projektionsfläche und vielgestaltiges Produkt einer fiebrigen und ruhmsüchtigen Massenhysterie.

Eine der unbequemsten Ansichten der Ausstellung stammt vom US-Schriftsteller James Baldwin. Er hatte sie bereits 1985 für das Magazin «Playboy» formuliert: «Die Kakofonie rund um Michael Jackson ist faszinierend, weil sie eigentlich gar nicht von Michael Jackson handelt.» Und: «Freaks werden Freaks genannt und als solche behandelt – zumeist abscheulich behandelt –, weil sie menschliche Wesen sind, die tief in uns drin unsere abgründigsten Schrecken und Wünsche zum Klingen bringen.» Statt nun wieder reflexhaft nach dem Giftschrank für Jackson und seine Songs zu rufen, wäre es deshalb aufrichtiger, endlich unsere eigene Komplizenschaft mit diesem sprunghaften Spektakel zu begreifen.

SRF 2 zeigt «Leaving Neverland» am Samstag, 6.  April 2019, ab 21.55 Uhr. Thematisch begleitet wird der Film von einer «Club»-Diskussion (online ab 6.  April 2019, 21.15 Uhr; Ausstrahlung: Dienstag, 9.  April 2019, 22.25 Uhr) und einer «Kontext»-Radiosendung am 9.  April 2019, 9.02 Uhr auf SRF 2 Kultur.

Die Ausstellung «Michael Jackson: On the Wall» ist noch bis am 14.  Juli 2019 in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen. Der Katalog (auf Englisch) ist bei Thames & Hudson erschienen und kostet 60 Franken.

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