Nr. 14/2019 vom 04.04.2019

Danke für den Schmerz

Poetologie der Strasse: «Psychodrama», das Debüt des zwanzigjährigen Londoner Rappers Dave, ist ein brillantes Stück Gesellschaftskritik – und verflixt reflektiert.

Von David Hunziker

Rapper Dave hat die erzählerische Kraft, auch in seinen politischen Texten nicht in platte Parolen zu verfallen. Foto: Phil Fisk, «Observer» / Laif

In der Alltagstheologie der Strasse wird von Gott gar nicht erst erwartet, dass er alles zum Guten wendet, aber könnte man ihm wenigstens erklären, was hier abgeht? Er habe Dinge gesehen, die Gläubige zu Atheisten machen, erzählt uns der Londoner Rapper Dave in seinem Song «Drama». Für ihn selber gilt das offenbar noch nicht, aber er scheint Gott nur noch als rhetorische Stütze zu brauchen.

«Wenn du Gott sehen würdest, was würdest du zu ihm sagen?» Dave richtet die Frage an seinen älteren Bruder, die einzige Person, die er je vergöttert habe, und der nun lebenslänglich im Gefängnis sitzt. Er wurde verurteilt, zusammen mit einer Gang einen Fünfzehnjährigen in einer überfüllten Londoner U-Bahn-Station ermordet zu haben. Dave sucht keine höhere Rechtfertigung für dieses moralische Trauma – die Geschichte zu erzählen, muss Katharsis genug sein: «Ich danke Gott für den Schmerz, weil er aus mir das gemacht hat, was ich bin.»

So lautet die letzte Zeile von «Drama», es ist auch die letzte auf Daves Album «Psychodrama». Dieses ist nicht nur ein Höhepunkt britischer Rapkunst, sondern auch so verflixt reflektiert, dass man staunen mag, dass dieser David Orobosa Omoregie erst zwanzigjährig und das hier sein Debütalbum ist. Seine Texte sind nicht nur politisch von ungeheurer Dringlichkeit, in ihnen denkt er auch exzessiv über ihre Form und Wirkung nach. So meint «Drama» nicht nur eine tragische Geschichte, sondern auch deren Inszenierung im Guckkasten der Popmusik. Der Titel «Psychodrama» bezieht sich auf eine psychotherapeutische Methode, bei der die zu therapierende Person sich als Teil einer Konstellation von Figuren reflektiert, als Teil eines mentalen Theaterstücks.

Frauen, befreit euch!

Dass es sich dabei um eine Gruppen- und nicht eine Einzeltherapie handelt, ist entscheidend. Denn obwohl Dave seine harte Lebensgeschichte und seine Depressionen zum Ausgangspunkt nimmt, ist «Psychodrama» keine Nabelschau, sondern geschickte Gesellschaftskritik. In seinem eigenen Drama spiegelt sich die Brutalität, die für viele Menschen im neoliberal zugrunde gerichteten London Alltag ist: erbärmliche Lebensbedingungen, Rassismus, patriarchale Strukturen. Und so treibt den Rapper auch die Frage um, wie sich die vierte Wand durchbrechen lässt, die im Theater Bühne und Publikumsraum trennt, wie er es in «Drama» ausdrückt.

Wie um Ehrlichkeit und Dringlichkeit zu markieren, beginnt Dave die meisten seiner Songs mit einer Anrufung: «Look!» In «Lesley», einem neunminütigen Epos über eine Frau, die in einer missbräuchlichen Beziehung gefangen ist, gibt es einen fast schon brechtschen Moment, in dem alle Frauen, die unter gewalttätigen Männern leiden, direkt dazu aufgerufen werden, sich zu befreien. In ihrer unverblümten Art hat diese Ansprache etwas Rührendes, doch sie dient eben auch der Konfrontation mit dem Problem, wie ein Mann überhaupt über toxische Männlichkeit sprechen kann: «Ich verstehe, dass ich nie verstehen kann, und ich sage nicht, dass es einfach ist, aber es muss doch richtig sein».

Jedenfalls hat «Psychodrama» starke Reaktionen provoziert. Als «Black», ein Song über die verkannte Komplexität schwarzer Identitäten, auf Radio 1 der BBC gespielt wurde, fühlten sich zahlreiche HörerInnen dadurch tatsächlich gestört und beklagten sich über angeblichen Rassismus gegen Weisse. Derweil gibts durchs Band begeisterte Kritiken; der «Guardian» bezeichnete «Psychodrama» gar als das unerschrockenste und vielleicht beste Album der britischen Rap-Renaissance seit der Jahrtausendwende.

Drill geht anders

Diese Begeisterung hat auch damit zu tun, dass diese Musik zwar von der Strasse erzählt, ihrer Form nach aber eher Kunst- als Strassenrap ist. Das Storytelling ist poetisch versiert, die Beats bewegen sich zwischen britischen Raptraditionen wie Grime und cineastischen Pianoarrangements. Mit Fraser T. Smith hat Dave einen Produzenten engagiert, der auch bei Stormzy oder Adele hinter den Reglern sass. Mit was für einer Art von Rap wir es hier zu tun haben, zeigt auch der Vergleich mit UK Drill, einer in London völlig unabhängig von der Musikindustrie entstandenen, düsteren Mischung aus Chicago-Trap und britischem Rap, über die in den Medien vor allem im Zusammenhang mit Ganggewalt berichtet wird.

Gerade die politischen Texte zeigen, dass Dave nicht für das Milieu rappt, das seinem Bruder zum Verhängnis wurde. Ein Song wie «Black» richtet sich eher an eine weisse, musikaffine Mittelschicht. Ebenso «Question Time» von 2017, eine direkte Anklage des damals Neunzehnjährigen gegen Premierministerin Theresa May und ihre asoziale Politik. So etwas birgt auch die Gefahr, in Parolen und Botschaften zu verfallen, doch Dave hat, ähnlich wie die Londoner Rapperin Kate Tempest, die erzählerische Klasse, das Gewicht solcher Texte zu tragen.

Auf der anderen Seite hat auch der Gangsterrap sein Psychodrama, wie es auf dem Album einmal heisst, nur wird es nicht ausgesprochen: «Du siehst Goldketten und protzige Autos, ich sehe fehlende Selbstachtung und Kriegswunden». Doch es ist komplizierter, der Aufstieg in den Mainstream auch eine Flucht, wie es anderswo heisst: «Ich habe keine Vision von einer Hochzeit oder einem Ehering, es geht mir um die Weltherrschaft in der Musik und sonst gar nichts».

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