Nr. 14/2019 vom 04.04.2019

Der diffamierte Exilant

Von Brigitte Matern

Es war ein schwerer Gang am 27.  Juni 1954, doch der Präsident glaubte, das Richtige zu tun: Auf keinen Fall durfte zerbombt werden, was so schwungvoll aufgebaut worden war. Er dankte ab und verliess das Land (wobei ihn seine Gegner auf dem Flugfeld noch einer demütigenden Leibesvisitation unterzogen). Leider hatte sich der vierzigjährige Asylsuchende aber geirrt: Nichts war durch seinen Rücktritt gerettet – die Bürgerrechte wurden ausser Kraft gesetzt, die Reformen beseitigt. United Fruit triumphierte.

Zur Welt gekommen war der Apothekersohn 1913 im Südwesten Guatemalas. Sein Vater, mit sechzehn Jahren aus der Schweiz emigriert, hatte dort eine Guatemaltekin geheiratet und eine Familie gegründet, der es gut ging, bis er, morphinsüchtig, alle Habe verlor. Um sich seinen Wunsch nach einem Ingenieursdiplom zu erfüllen, blieb dem gescheiten Sohn nur die militärische Laufbahn. So wurde er Offizier und Dozent an der Militärakademie – und 1944 ein Anführer der guatemaltekischen Oktoberrevolution, die der Junta des korrupten Diktators Jorge Ubico ein Ende setzte.

Sechs Jahre hatte er dann als Minister Zeit, für das sozial zerrissene und wirtschaftlich desolate Land demokratische Reformen mit auf den Weg zu bringen. Als er jedoch, 1950 zum Präsidenten gewählt, das heikelste Projekt anging und den ungenutzten Boden der Grossgrundbesitzer umverteilte, schritten die USA ein. Im Verbund mit der United Fruit Company, der grössten Landeignerin und Arbeitgeberin Guatemalas – das US-Unternehmen dominierte nicht nur den Früchtehandel, sondern betrieb auch den einzigen Hafen und die Eisenbahn –, startete die CIA eine bis dahin beispiellose Kampagne, um den vermeintlichen «Kommunisten» loszuwerden.

Die Bevölkerung wurde mit Falschmeldungen überflutet und terrorisiert: Medien berichteten von einer breiten Aufstandsfront gegen die Regierung und bereits errungenen Siegen (was Radiosender mit simuliertem Gefechtslärm orchestrierten), während US-Flugzeuge reale Bomben abwarfen, nicht unbedingt, um zu treffen, sondern um möglichst viel Chaos anzurichten – bis das eigene Militär den Präsidenten zum Rücktritt drängte. Sechzehn Jahre zog er danach von Land zu Land, dann nahm ihn Mexiko auf, wo er 1971 starb.

Wer war der diffamierte Demokrat, der auf ein Einbürgerungsgesuch in der Schweiz verzichtete, weil ihn das seinen guatemaltekischen Pass gekostet hätte, und der erst 2011 rehabilitiert wurde?

Wir fragten wir nach dem guatemaltekischen Präsidenten Jacobo Árbenz Guzmán (1913–1971). Nach Árbenz’ Rücktritt als Präsident installierten die USA eine Marionettenregierung, die die Agrarreform rückgängig machte, Gewerkschaften und Parteien wieder verbot, Zehntausende verhaftete, Tausende ermordete; es folgte ein bis 1996 währender Bürgerkrieg. Die Destabilisierungskampagne der USA in Guatemala trug den Namen «Operation Success»; sie wurde Vorbild für weitere CIA-Interventionen weltweit.

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