Nr. 17/2019 vom 25.04.2019

Alles so schön vanillefarben hier

Klassenbewusstsein, leicht neurotisch: Anke Stellings Roman «Schäfchen im Trockenen» ist die Suada einer Berlinerin, die das neue alternative Grossbürgertum in ihrem Umfeld gnadenlos aufs Korn nimmt.

Von Raul Zelik

Mit Renitenz zum renommierten Buchpreis: Schriftstellerin Anke Stelling. Foto: Havanna Scriva

Die grossen deutschen Buchpreise, die zu den Messen in Frankfurt und Leipzig verliehen werden, haben in den vergangenen Jahren immer wieder mal dafür gesorgt, klugen Büchern zu einer grossen LeserInnenschaft zu verhelfen. 2012 gewann Wolfgang Herrndorf mit seiner abgedrehten Amnesie- und Geheimdienststory «Sand» in Leipzig, 2015 Frank Witzel mit dem sperrig-psychotischen «Die Erfindung der Roten Armee Fraktion …» in Frankfurt. Anke Stellings Roman «Schäfchen im Trockenen» ist nun wieder so ein Fall. Nicht nur, dass dieses Buch eigentlich für die deutsche Bestsellerliste viel zu renitent ist – nein, es ist auch das erste Mal überhaupt, dass ein Off-Verlag einen dieser beiden Preise gewinnt. Stelling ist nämlich beim Berliner Verbrecher-Verlag, der seit mehr als zwanzig Jahren konsequent mit Titeln überzeugt, die nicht zum Mainstream taugen.

Die 1971 in Ulm geborene Anke Stelling greift in «Schäfchen im Trockenen» das Motiv ihres Romans «Bodentiefe Fenster» (2015) wieder auf. Diesmal blickt sie allerdings von draussen auf die Hausgemeinschaft am Prenzlauer Berg. Stellings Ich-Erzählerin, Mutter von vier Kindern, will ihre älteste Tochter Bea aufklären; allerdings nicht über Sex, sondern über gesellschaftliche Verhältnisse. In einer 266 Seiten langen, wütend-witzigen Suada erzählt die Mutter, wie es ist, aus dem Freundeskreis herauszufallen und zu spüren, wie der soziale Absturz näher rückt.

Dabei ist Stellings Ich-Erzählerin Resi ziemlicher Durchschnitt. Als Tochter einer Buchhändlerin und eines technischen Zeichners in Süddeutschland geboren, wächst sie in zwar nicht wohlhabenden, aber doch abgesicherten Verhältnissen auf und zieht nach dem Abitur mit den FreundInnen nach Berlin, um sich selbst zu verwirklichen. Zunächst stellt natürlich niemand infrage, dass Resi dazugehört. Das Drama setzt erst ein, als die Ich-Erzählerin, die als freie Künstlerin lebt, das Angebot einer Tageszeitung annimmt, über die überall im Prenzlauer Berg spriessenden Baugruppen zu schreiben.

Ruhe vor den «Arschgesichtern»

Auch Resis FreundInnen haben sich nämlich zusammengetan, um ein Hausprojekt – mit basisdemokratischen Strukturen und vielleicht sogar einer Flüchtlingswohnung – zu gründen. Resi wird angeboten mitzumachen, die FreundInnen wollen ihr gar das nötige Geld leihen, doch sie, die als Einzige im Freundeskreis weder geerbt hat noch über einen gut bezahlten Job verfügt, will nicht zum progressiven Aushängeschild einer grossbürgerlichen Hausgemeinschaft werden. Ausserdem ist Resi, wie sie in ihrer kleinen Arbeitskammer neben der Küche an die Tochter gerichtet schreibt, auch ein wenig die Energie für derartige Projekte verloren gegangen: «Ich habe den Optimismus und die Neugier verloren, die ich noch hatte, als ich zu deinen Kita-Elternabenden ging: Da war ich Anfang dreissig und hatte Lust, Mutter zu sein. Jetzt bin ich Mitte vierzig und will meine Ruhe vor diesen Arschgesichtern, ehrlich, ich verachte sie.»

Dass die FreundInnen die Privatutopie ohne Resi errichtet und sich auf eine vanillefarbene Hausfassade verständigt haben, trifft sich also eigentlich ganz gut, denn Resi ist, wie sie selbst betont, viel zu negativ für das Gemeinschaftsprojekt. Es widerstrebt ihr, sich mit allen zu verstehen und immer das Gute zu sehen. Doch blöderweise finden die alten FreundInnen überhaupt nicht lustig, was Resi in der Zeitung über die Baugemeinschaft und die neue alternative Bürgerlichkeit geschrieben hat. Sie fühlen sich denunziert, laden Resi nicht mehr ein, die Schulfreundin Vera erklärt jeden Kontakt per E-Mail für beendet, und schliesslich wird Resis Familie dann auch noch die Wohnung gekündigt. Als Vera und ihr Mann das Hausprojekt K23 bezogen, übernahm Resi nämlich mit ihrer sechsköpfigen Familie deren Mietwohnung. Und so wird Anke Stellings Geschichte zum Unterschichtenroman.

Furios auf der Stelle

Das Charmante an «Schäfchen im Trockenen» ist, wie Resi, ausgehend von der drohenden Obdachlosigkeit, das Erwachen eines schlecht-gelaunt-ironischen Klassenbewusstseins an sich beobachtet. Ziemlich spät, wie sie selbst findet: «Ich bin ein echter Spätzünder. Oder geht das allen so, dass ihnen mitten im Leben plötzlich auffällt, was sie nicht kapiert haben, all die Jahre über, obwohl es doch mehr als offensichtlich ist?» Nämlich: «Fuck!, wenn meine Eltern woanders gewohnt hätten, hätten wir einen anderen Küchenfussboden gehabt.»

Es ist bemerkenswert, dass Stellings Roman funktioniert, denn inhaltlich tritt die Geschichte weitgehend auf der Stelle. Immer wieder gehts ums Frausein, die eigenen Neurosen, das Leben mit den Kindern, die ökonomische Unsicherheit und die Beknacktheit des neuen, alternativen Berliner Grossbürgertums. Dass der Roman trotzdem trägt, liegt an Stellings Ich-Erzählerin – einer in ihrer schrulligen Widersprüchlichkeit sehr vertrauten Person. «Ich beschliesse, mit dem Rauchen aufzuhören», heisst es programmatisch am Ende des Buchs. «Ich zünde mir noch eine Zigarette an.»

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