Nr. 17/2019 vom 25.04.2019

Feminismus über Generationen

Von Eva Pfister

«Feminismus hält jung», stellt Erica Fischer fest. Die Galionsfigur der österreichischen Frauenbewegung organisierte 1972 in Wien das erste feministische Treffen, angeregt übrigens durch die Schweizer Frauenbefreiungsbewegung (FBB). Der Saal war voll – als hätten die Frauen nur darauf gewartet, ihrem Unbehagen Ausdruck zu verleihen. Was sie bisher als Privatprobleme empfanden, wurde durch die politische Analyse zu einem gesellschaftlichen Kampf gegen das Patriarchat.

Dieser Kampf erreichte zwar einiges, erlahmte aber mit den Jahren. Umso erfreuter beobachtet Erica Fischer den neuen Feminismus, der seit der Jahrtausendwende auflebt. Für ihr Buch befragt sie neun Frauen, die ihre Töchter und Enkelinnen sein könnten: Politikerinnen, Journalistinnen, Genderaktivistinnen, eine Sexarbeiterin und Wissenschaftlerinnen. Dazwischen reflektiert sie ihren eigenen Werdegang. Entstanden ist so ein Gespräch zwischen den Generationen – über Sexualität und Politik, Gewalt und Prostitution, über Selbstbewusstsein und Identität.

Erica Fischers bekanntestes Buch, «Aimée und Jaguar», erzählt die lesbische Liebesgeschichte zwischen einer Jüdin und einer Nazimitläuferin im Berlin der NS-Zeit und erschien 1994. Damals besann sich die Autorin auf ihre jüdischen Wurzeln und erkannte, dass Identität aus mehreren Wurzeln (und Diskriminierungen) hervorgeht. In ihrem neuen Buch finden sich daher auch Aktivistinnen, die gegen Rassismus und normative Sexualität kämpfen, wie die 21-jährige Parisa Madani. Sie befindet sich in Transition vom Mann zu einer neuen Identität, aber sie will nicht einfach eine Frau werden, sondern nennt sich lieber «trans» oder «queer».

Die Avantgarde des neuen Feminismus ist radikal und multikulturell, sie kämpft gegen ein traditionelles Geschlechterverständnis ebenso wie gegen den globalen Kapitalismus. Dass viele Probleme fortbestehen – man denke nur an die unerfüllte Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit –, ist Erica Fischer bewusst. Aber sie ist wieder optimistisch.

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