Nr. 18/2019 vom 02.05.2019

«Allen, die postulieren, es gebe einen einzigen wahren Kern des Mythos, ist nicht zu trauen»

Vom dänischen Tölpel zum helvetischen Alpenrambo: Der Sage von Wilhelm Tell war schon immer eine infantile Tendenz eigen. Dabei wird der Mythos gerade von jenen beschädigt, die ihn am innigsten verteidigen.

Von Thomas Brunnschweiler (Text) und Marcel Bamert (Illustration)

Aber der wahre Gessler ist heute Wilhelm Tell.
Ludwig Hohl

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Der frühe Eindruck fängt den Sinn. Oder vielleicht doch nicht? «Wir wollen frei sein», lautete der Titel meines ersten Geschichtsbuchs. Der Satz ist ein Zitat aus dem Drama «Wilhelm Tell» von Friedrich Schiller, der unser Bild von Tell massgeblich geprägt hat. Als Kind hegte ich keinen Zweifel an der Historizität des tapferen Bogenschützen Tell, und meine Lehrer machten auch keinerlei Anstalten, etwas Licht in das Dickicht zwischen Geschichte und Mythos zu bringen.

Die SVP ist offenbar bis heute noch nicht weiter. In ihrem neuen Parteiprogramm zitiert sie dieselbe Passage aus Schillers Stück von 1804: «Wir wollen frei sein, wie die Väter waren», so heisst es gleich zu Beginn, unter einem Foto des Bundesbriefs. Allerdings weist die SVP als Quelle nicht den deutschen Dichter aus, sondern schreibt den Satz dem Bundesbrief von 1291 zu, wo er gar nirgends zu finden ist.

«Der Irrtum ist ein gefährlicher Gemeinschaftskitt», schrieb der deutsche Philosoph und Journalist Manfred Hinrich. Das gilt auch im Fall unseres Alpenhelden. Wilhelm Tell ist durchaus nicht ein Produkt der Innerschweizer Alpenwelt, sondern ein europäischer Import, auch wenn das einige in der Schweiz nicht so gerne hören. Alles, was die Sage von Tell im Kern ausmacht, stand schon in den «Gesta Danorum», die der dänische Historiker Saxo Grammaticus um 1210 geschrieben hatte: der Apfelschuss, der zweite Pfeil, der Tyrannenmord in einem Wald. Als 1760 der Ligerzer Pfarrer Uriel Freudenberger mit Gottlieb Emanuel von Haller den Tell als «ein Dänisches Mährgen» bezeichnete, liessen die Urner seine Schrift durch den Henker verbrennen.

Heute werden die Werke von Kritikern eines nationalkonservativen Geschichtsbilds zwar nicht mehr verbrannt, aber die Autoren müssen sich vom patriotischen Chefideologen Bezeichnungen wie «Schreiberlinge» oder «Professörchen» gefallen lassen. Obwohl Tell dem dänischen Helden Toko nachempfunden ist, dessen Sage in den Süden wanderte und sich für alle Zeiten in der Innerschweiz einnistete – obwohl also Tell ein Migrant ist und dann von einem Schwaben dramatisch geadelt wurde, muss er bis heute paradoxerweise als Prototyp des freien, souveränen Schweizers herhalten. Er ist – um in einem Doppelbegriff des Philosophen Günther Anders zu sprechen – «Phantom und Matrize» des schweizerischen Selbstbewusstseins, des Unabhängigkeitswillens und des Widerstands gegen alles, was von aussen kommt. Dieses Grundparadox sollte uns zu denken geben. Aus ihm erwächst letztlich auch die merkwürdig schweizerische Mischung von trotziger Überheblichkeit und Minderwertigkeitskomplexen. Phantom ist Tell deshalb, weil er geschichtlich nicht fassbar ist und erst im «Weissen Buch von Sarnen» um 1470 erscheint. Matrize kann man ihn nennen, weil er die Urform des schweizerischen Unabhängigkeitswillens repräsentiert.


Vergeltung mag eine Art wilder Gerechtigkeit sein, wie Francis Bacon schreibt, besser wird sie dadurch nicht. So, wie er aus dem Plot der Toko-Sage übernommen wurde, wirkt Wilhelm Tell nicht gerade sympathisch. Er erscheint eher als impulsiv agierender Alpenrambo denn als umsichtiger Revolutionär. Warum lässt sich Tell von Gessler anstiften, seinem Sohn den Apfel vom Kopf zu schiessen? Warum riskiert er, seinem Sohn den Bolzen in die Stirn zu bohren? Warum schiesst er mit seinem ersten Pfeil nicht gleich den Tyrannen vom hohen Ross herunter? Warum tötet er ihn später doch eher feige aus einem Hinterhalt? Gewiss, solche Fragen sind bei einem Mythos nicht statthaft. Es geht in Mythen nicht um Psychologie, sondern um den dramatischen Effekt. Mythen sind ja nicht historische Erzählungen, sondern sinnstiftende Geschichten; daher verbietet sich auch das psychologische Abklopfen der Protagonisten. Aber schon Goethe störte sich am Apfelschussmotiv und fand, Schiller solle wegen dessen Grausamkeit Abstand davon nehmen, es auf die Bühne zu bringen.

Schiller war zwar selbst nie in der Schweiz, aber er nutzte alle verfügbaren Quellen, insbesondere das von Aegidius Tschudi um 1570 geschriebene «Chronicon Helveticum» (die erste Druckausgabe erfolgte 1734–36). Zeitweilig war sein Arbeitszimmer mit Karten der Innerschweiz, Bildern und anderen Dokumenten zur älteren Schweizer Geschichte volltapeziert. Dass weder die Mär von Tell noch die Geschichten vom Burgenbruch und vom Bundesschwur auf dem Rütli geschichtlich verortet werden können, ist heute historisches Allgemeinwissen. «Was in den Jahren um 1300 im Gebiet der heutigen Schweiz passierte, ist weitgehend unbekannt», schreibt der Historiker Thomas Maissen. Also alles nur Mythen? Schon das «nur» in dieser Frage ist verräterisch. Christoph Blocher hat in seiner 1.-August-Rede auf dem Gotthardpass im Jahr 2011 den Staatsmythos beschworen und sagte: «Man kann viel Abschätziges hören und lesen über die Gründungsgeschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Das seien ja alles nur Mythen. Ja und?»

Dass die HistorikerInnen schlecht über den Mythos schrieben, ist selbst ein Mythos, der von der neuen Rechten gerne verbreitet wird. Weder Thomas Maissen noch Volker Reinhardt reden schlecht vom Mythos, weil sie wissen, dass Mythos und historische Ergebnisse auf einer völlig anderen Ebene liegen. Nachdem auch die Nationalkonservativen nicht mehr an der historischen Authentizität von Tell festhalten können, versuchen sie, die Deutungshoheit über den Mythos zu erringen. In einem grossen Interview rekurrierte Altbundesrat Blocher auf Gottfried Keller, der über die Tell-Sage Folgendes schrieb: «Ob sie geschehen, ist hier nicht zu fragen. Die Perle jeder Sage ist ihr Sinn. Der reife Kern von allen Völkersagen ruht hier frisch darin.» Dieses Zitat impliziert, dass jeder Mythos einen einzigen Sinn hat. Nun sind Mythen aber nie eindeutig, ja, bereits im Altertum gibt es mehrere Varianten eines Mythos, die jeweils auch anderen Interessen folgen. Die Nationalsozialisten haben mit der Instrumentalisierung der germanischen Mythologie und der Musik Richard Wagners gezeigt, wie rasch sich Mythen politisch aufladen und missbrauchen lassen. Dass es so etwas wie einen ewigen, überzeitlichen Sinn eines Mythos gibt, verkennt die Historizität seiner Entstehung. Allen, die postulieren, es gebe so etwas wie einen einzigen wahren Kern des Mythos, ist nicht zu trauen.


Interesse geht in den meisten Fällen vor Wahrheit. Bereits der Obwaldner Landschreiber Hans Schriber stellt um 1470 den Mythos von Tell in einem sehr durchschaubaren Interesse zusammen. Er reichert den Plot von Saxo Grammaticus mit Namen und Ereignissen seiner eigenen Zeit an. So ist das Ministerialengeschlecht der Gessler von Meienberg vom 13. bis 15.  Jahrhundert belegt. Vogt Hermann Gessler, der aber im zürcherischen Grüningen sass, war ein Freund der Habsburger und ein Gegner der Eidgenossenschaft; mit den Ereignissen um 1300 hat er nichts zu tun. Der Szene in der Hohlen Gasse bei Küssnacht liegt als Blaupause die Ermordung des habsburgischen Offiziers und Politikers Hans von Rechberg 1464 in einer «hohlen Gasse» im Schwarzwald zugrunde. Die Problematik des Gründungsmythos der Schweiz entspricht also nicht der Situation von 1300, sondern jener von 1460, als der Graf von Tirol der Gegenspieler der Eidgenossen war. Schriber verklärte im «Weissen Buch von Sarnen» den Ursprung der Eidgenossenschaft und milderte im Volk die Wahrnehmung der realen Herrschaftsverhältnisse. Der Kompilator des Gründungsmythos war selbst ein humanistisch Gebildeter und ein Vertreter der Oberschicht. Tell als einfachen Hirten aus dem Volke zum Helden zu machen, schmeichelte den einfachen Leuten und liess sie manches von den Entbehrungen und Ungerechtigkeiten des Alltags vergessen.

Seit Hans Schriber hat sich nichts an der interessegeleiteten Rezeption und Verwendung von Wilhelm Tell geändert. Aristokratische Oligarchien beriefen sich ebenso auf ihn wie Jakobiner, Vertreter der Restauration, Liberale, SozialistInnen und Nationalkonservative. Angesichts der Übermacht des Tell-Mythos wird auch geflissentlich übersehen, dass es bis Napoleon in der Schweiz ein Zweiklassensystem von Ständen und Untertanengebieten gab und die Stände mittels Vögten die Untertanengebiete ausplünderten. Ja, der Mythos wird hier oft dazu missbraucht, die Geschichte vergessen zu machen. Wenn hingegen der Mythos kritisch hinterleuchtet wird, heisst es aus nationalkonservativen Kreisen, die Schweiz sei geschichtsvergessen. Die reale Geschichte der Schweiz entspricht keineswegs dem hehren Bild des Freiheitshelden Tell. In der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Zürich gibt es aus dem 17. Jahrhundert sogar eine Liste, die die turnusmässige Bevogtung der Untertanengebiete bis ins Jahr 2000 (sic!) regelt. Das zeigt, dass in der Eidgenossenschaft zur Barockzeit niemand daran dachte, die undemokratischen Verhältnisse in einem Teil des Territoriums je zu verändern.


«Nomen est omen», der Name ist ein Vorzeichen. Er kann auch ein Menetekel sein. Der Name Tell hat mit dem schweizerdeutschen «Täll» zu tun, das «Einfältiger», «Tor» oder «Tölpel» heisst. «Täll» kommt von «talen», «einfältig, kindisch tun». Noch im 19.  Jahrhundert war in Basel ein «Däll» ein einfältiger Tor. Bereits in der dänischen Sage gibt es eine ähnliche Bedeutung im Namen Toko. Im Altdänischen bedeutet «tokke» so viel wie «albern tun», und im Schwedischen heisst «tok» «dummes Gerede». Tell wird also dem einfältigen Volk zugewiesen, und damit wird er eine Identifikationsfigur für alle. Er ist aber im Gegensatz etwa zu Attinghausen in Schillers «Tell» nicht besonnen, sondern handelt impulsiv und unbesonnen. Der Name Tell als Menetekel? Gewogen und als zu leicht befunden?


Kann der spontane Akt einer persönlich begründeten Vergeltungsaktion Grundlage einer Demokratie sein? Seit je hat man sich Mühe gegeben, die Tellengeschichte mit jener des Bundes zu verknüpfen. Laut Literaturwissenschaftler Georg-Michael Schulz lässt Schiller «Tells Tat zum entscheidenden Impuls für die Selbstbefreiung der Schweizer werden». Selbstbefreiung wohlverstanden als langfristige Befreiung von den Habsburgern, nicht als Selbstbefreiung im Innern, wo die Ständeordnung noch sehr lange Ungleichheit und Unfreiheit produzierte. Die nach 1848 einsetzende breite vaterländische Rezeption der Tellengeschichte wurde 1970 durch Max Frischs «Wilhelm Tell für die Schule» öffentlich jäh brüskiert. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Gessler, der hier Konrad von Tillendorf heisst, erzählt und als eine Abfolge von Irrtümern dargestellt, die auf dem stumpfen Charakter der Innerschweizer Bevölkerung beruht. Hier ist Tell wahrhaft der «tumbe Tor», der kein Gespür für Ironie besitzt.

Heute wirkt Frischs akribisch geschriebenes Werklein eher spröde und akademisch. Seine politischen GegnerInnen übersahen damals jedoch, dass der Autor mit diesem Werk eine grosse Liebe zum Mythos bewies. Sie zeigt sich auch im Lied «Si hei dr Wilhälm Täll ufgfüert im Löie z’Nottiswil» von Mani Matter oder in den Bemerkungen Robert Walsers zum Volkshelden: «Sollte man nicht beinah mit der Idee einiggehen dürfen, Landvogt und Tell seien eine einzige widerspruchsvolle Persönlichkeit?» Also die eidgenössische Variante von Dr. Jekyll und Mr. Hyde?


Traurig ist, wenn die angeblichen VerteidigerInnen der «richtigen» Interpretation des Mythos diesen selbst am meisten beschädigen. 2015 erteilte die SVP dem Volksrocker Willy Tell den Auftrag, einen Freiheitssong zu schreiben. Zu einer belanglosen Melodie sieht man im Videoclip junge Leute in einer Disco herumhüpfen. Die gesamte Parteispitze trällert darauf mit: «Wo e Willy isch, isch ou e Wäg.» Mit Willy ist das Parteimaskottchen, ein Berner Sennenhund, gemeint, aber natürlich auch Wilhelm Tell. Da heisst es: «Wo e Willy isch, isch ou e Wäg, i bi stolz, gib alles jede Tag, i wott frei blibe, denn bi i zwäg.» Worauf, bitte, soll man bei so einem dümmlichen Text stolz sein? Und warum soll man guter Laune sein, nur schon darum, weil man frei bleiben will? Und frei von was? Oder frei zu was? Mit dieser Inszenierung des Maskottchens Willy ist die Infantilisierung des Mythos an sein vorläufig ultimatives Ende gekommen. Gegen die dünngeistige Willymania der SVP war selbst Max Frisch noch ein strammerer Patriot.

Die Tendenz zur Infantilisierung liegt aber vielleicht schon in der Sage von Tell selbst. Obwohl sie einst von Intellektuellen geschaffen wurde, enthält sie mit dem Toren Tell eine antiintellektuelle Tendenz, die in den letzten Jahren vermehrt von der neuen Rechten bewirtschaftet wird. Vielleicht möchten einige PolitikerInnen ja auch lieber kritiklose, hüpfende Voralpentölpel als aufgeklärte BürgerInnen mit einem wachen und differenzierten Sinn für Geschichte und Mythos.

Thomas Brunnschweiler (64) ist freier Schriftsteller und Journalist. Er schreibt Erzählungen und Anagrammgedichte und hat über die Theaterfeindlichkeit im Alten Zürich promoviert.

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