Nr. 21/2019 vom 23.05.2019

Ikea unter dem schönsten Himmel

Von Alice Galizia

In den besten Gedichten von Michelle Steinbeck ist man mittendrin in der Stimmung, die sie mit wenigen Worten beschreibt. Dann ist man auch am Meer, auch verkatert am Sonntagnachmittag, auch unterwegs in der Stadt und schaut die Vögel am Himmel an. Wenige Zeilen Steinbeck-Atmosphäre, angereichert mit der eigenen Erinnerung. Manchmal lässt sie einen darin schweben, so schön und leicht; oft aber auch abstürzen. Im kurzen «wir sitzen auf der piazza von nettuno» zum Beispiel lassen die ersten vier Zeilen die eigenen Italienferien aufblitzen: «schwalben krieksen über den flaumigen himmel / kinder jagen um die kirche / die jungfrau ist gekommen mit rauch und schiffen/ nun warten wir auf wein» – und dann: «er sagt es gab eine zeit / in der mich dieser augenblick / kirre gemacht hätte vor glück.» Was ist passiert? Eben noch in der Hitze des Ferragosto, wunderbare Urlaubsträge, und jetzt das? Beziehungsunglück, Traurigkeit? Wir wissen es nicht genau, Steinbeck löst nicht weiter auf. Viele ihrer Gedichte sind so, konzentrierte Momentbeschreibungen, die einen grösseren Raum im Kopf auftun, die Möglichkeit einer Geschichte zumindest anbieten. Die ganze Feriensonnenuntergangsromantik kriegt man aber nicht, zum Glück. Ohne Melancholie gehts nicht, denn auch unter dem schönsten Himmel gibt es noch Whatsapp, Möbelhäuser und Beziehungskisten: «er bestellt ikeaeinbauschränke / ich schreibe: mit jedem möbel das du kaufst, baust du unsere zukunft zu // er hat es noch nicht gelesen / der mond steht über den ruinen.»

«Eingesperrte Vögel singen mehr. Gedichtet und geträumt» heisst der erste Gedichtband der 29-jährigen Autorin und WOZ-Kolumnistin Michelle Steinbeck. Alltagsbeobachtungen, ab und zu eine groteske Figur, die einen Vogel in der Bratpfanne hochwirft wie einen Pfannkuchen, surreal wirkende Träume. Und man kann nie sicher sein, wo die Grenzen zwischen all dem verwischen: «es ist ein fest in einem wald / es gibt mit samt behängte bühnen / ganze wände voll hühner am stiel / der zirkusdirektor hebt mich hoch / in die badewanne / er sagt / jetzt wird gespielt.» Ein sommerliches Festival? Ein Kindheitstraum? Eine Hommage an Aglaja Veteranyi? Vielleicht von allem ein bisschen. Es macht Spass, die Welt so zu sehen, umschrieben mit Leichtigkeit, oft mit Humor. Der Alltag bleibt Alltag, aber erzählen lässt sich immer etwas. Und umgekehrt kann auch mal der Ausnahmezustand normalisiert werden: «helikopter flattern / von irgendwoher knallts // die lichter der bullenautos zucken / anyone messes with you they’re dead» wird schulterzuckend abgeschlossen: «zusammen / singen wir despacito».

Veranstaltungen in Solothurn: Fr, 31. Mai 2019, 21.30 Uhr; Sa, 1. Juni 2019, 11 und 13 Uhr.

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