Nr. 22/2019 vom 30.05.2019

Grau mit Schatten

Von Alice Galizia

Arno kann nicht schlafen, mag nicht essen: Arno hat Liebeskummer. Zu viel Zeit hat er in seine Masterarbeit investiert, zu wenig in seine Beziehung. Irgendwann in dieser Zeit hat er sich bei der NGO Erzfeind beworben, die sich gegen Menschenrechtsverletzungen von grossen Rohstoffkonzernen einsetzt. Und als diese ihn nun anfragt, an einer gefährlichen Mission in Lagos teilzunehmen, zögert er nicht lange. Besser als Nichtstun, besser raus aus dem eigenen Elend, um gegen ein grösseres anzukämpfen. Zusammen mit Paula, die ebenfalls für Erzfeind arbeitet, und Anthony, einem nigerianischen Blogger, soll er Beweise sicherstellen: dass Boromondo, ein Grosskonzern mit Sitz in Zug, in Lagos illegal hochgiftigen Abfall entsorgt. Die AkteurInnen in Matthias Gnehms «Salzhunger» sind fiktiv, doch erzählt wird im Grunde eine wahre Geschichte: wie Schweizer Konzerne auf der Welt Menschenrechtsverletzungen begehen und dafür in der Schweiz (noch) nicht belangt werden können.

Für Arno, Paula und Anthony will in Lagos nichts so wirklich funktionieren, die Behörden arbeiten mit Boromondo zusammen, die drei AktivistInnen werden bedroht. Und dann scheint es auch noch einen Spitzel innerhalb ihrer Gruppe zu geben: Es ist eine Stärke von «Salzhunger», dass die LeserInnen nie ganz darüber aufgeklärt werden, was eigentlich abgeht. Und dass eben nie ganz auskommt, wer «gut» ist und wer nicht – auch der Geschäftsleiter von Erzfeind ist ein unangenehmer, machthungriger Typ. Die bedrückende Stimmung wird unterstützt von Gnehms düsteren Bildern, in denen die wenigen Farben inmitten des Graus aussehen wie mit Schatten überzogen.

Manchmal rutscht Gnehm ins Moralische, wenn etwa alle möglichen Verfehlungen von Rohstoffkonzernen anklagend im Gespräch runtergebetet werden – das dadurch nicht gerade natürlich wirkt. Abgesehen vom etwas übertriebenen pädagogischen Eifer ist Gnehm mit «Salzhunger» aber ein spannendes – und sehr aktuelles – Buch gelungen.

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