Nr. 22/2019 vom 30.05.2019

Gegen die Anbetung der Maschinen

In seinem neuen Buch schreibt Paul Mason gegen den Antihumanismus in Politik, Theorie und Technik an. Der Widerstand dagegen ist für ihn auch ein Kampf um die menschliche Natur.

Von Raul Zelik

Aktivist im Autorenpelz: Paul Mason an einer Demonstration gegen den rechtsradikalen Brexit-Befürworter Tommy Robinson im Dezember. FOTO: MATTHEW CHATTLE, ALAMY

Als Paul Mason 2016 sein Buch «Postkapitalismus» veröffentlichte, war die Aufregung gross. Endlich mal kein linkes Lamento, sondern ein Bekenntnis zur Zukunft. Denn Mason, der sich als BBC-Journalist einen Namen gemacht hatte, vertrat darin die These, die technische Entwicklung stelle den Kapitalismus vor unlösbare Probleme. Durch die Automatisierung fielen die Grenzkosten so stark, dass sich nicht mehr richtig Geld verdienen lasse. Nur die – volkswirtschaftlich unsinnige – Aufrechterhaltung von Monopolen und die Verlängerung von Lizenzen und Patenten ermöglichten es den Konzernen, weiterhin Profite zu machen.

Mit Masons Buch kehrte der marxsche Geschichtsoptimismus zurück – mit all seinen Verheissungen, aber auch Widersprüchen. Das scheint nun auch Mason bewusst geworden zu sein. Sein neues Buch «Klare, lichte Zukunft» sagt uns trotz des Titels nämlich alles andere als ein strahlendes Morgen voraus. Mason warnt vielmehr vor den katastrophalen Folgen neuer Technologien.

Mensch, Marx, Spinoza

Ausgangspunkt seiner Analyse ist der autoritäre Rechtsruck, der die USA und andere westliche Länder erfasst hat. «Ein Bündnis ethnischer Nationalisten, Frauenhasser und Autoritärer zertrümmert die Weltordnung. Gemeinsam sind ihnen die Geringschätzung für die universellen Menschenrechte und die Furcht vor der Freiheit. Sie lieben die Vorstellung von der Maschinenkontrolle, und wenn wir sie lassen, werden sie intelligente Maschinen einsetzen, um ihren Reichtum und ihre Macht zu sichern und zu verhindern, dass jemand sie zur Rechenschaft zieht.»

Mason sieht eine Verbindung von technischen Machbarkeitsfantasien, faschistoiden Ideologien und staatlichem Autoritarismus heraufziehen. Von anderen Linken unterscheidet ihn, dass er die Führungen Chinas und Russlands ausdrücklich zu diesem Lager zählt. Immer wieder werden Putin, Trump und Xi Jinping in einer Reihe genannt, womit auch angezeigt ist, was Mason für ein mögliches Gegenprojekt hält. «Um wirksamen Widerstand zu leisten, brauchen wir eine Theorie der menschlichen Natur, die sich im Kampf mit der freien Marktwirtschaft, der Anbetung der Maschinen und dem Antihumanismus der akademischen Linken behaupten kann.» Diese Theorie ist für ihn der radikale Humanismus in der Tradition von Karl Marx und Baruch Spinoza.

Das liest sich erst einmal ganz vernünftig, denn nach der Technikbegeisterung der ersten Jahre des Internets dürfte mittlerweile allen klar geworden sein, dass technischer Fortschritt kein Garant für Emanzipation ist. In Abänderung eines beliebten Antifa-Mottos könnte man sagen: Gesellschaftliche Veränderung bleibt Handarbeit.

Mason skizziert überzeugend, was das politisch bedeutet. Er stellt zum Beispiel klar, dass der Rechtsruck in den USA oder Grossbritannien keineswegs als Notwehrreaktion «der Arbeiterklasse» zu sehen sei, wie Teile der Linken behaupteten. Vielmehr handle es sich um den reaktionären Versuch, relative Privilegien zu verteidigen: Weisse Männer mobilisieren gegen die Ansprüche von Frauen und MigrantInnen. Das Trump-Phänomen ist demnach als Wiederkehr des Bündnisses aus Mob und Eliten zu verstehen, wie Hannah Arendt es einst für den Nationalsozialismus formulierte.

Die andere grosse Gefahr neben der Rechten ist für Paul Mason der Antihumanismus, wie er sich unter den Superreichen des Silicon Valley ausgebreitet hat. Statt gesellschaftliche und ökologische Probleme zu lösen, träumen diese Leute davon, die eigene Persönlichkeit auf eine Festplatte zu laden. Mason interpretiert das völlig zu Recht als faschistoide Ideologie, die auf der Verachtung des Lebens beruht.

Wider die «Postmoderne»

So weit, so vernünftig. Doch beim Entwickeln dieses politischen Programms vergaloppiert sich Mason in weitschweifigen Feuilletonlektüren. Für den Antihumanismus verantwortlich sind bei ihm die Quantentheorie, Nietzsche oder postmoderne TheoretikerInnen, die zur Auflösung rationaler Systeme beigetragen hätten. Wenn das menschliche Subjekt infrage gestellt und alle Aussagen relativiert würden, so Mason, werde dem Antihumanismus das Feld bereitet. Eine solche These kann man schon aufstellen, doch die Begründung ist hier eher abenteuerlich. Nietzsche wird im Handumdrehen wieder zum reaktionären Denker des Übermenschentums und die gesamte Foucault-Nachfolge zur monolithischen «Postmoderne», obwohl zu beiden Themen schon Bibliotheken gefüllt und zahlreiche Gegenargumente vorgebracht wurden. Hier baut sich Mason Pappkameraden auf, auf die sich leicht eindreschen lässt.

Vermutlich liegt das daran, dass Masons Stärke auch sein grösstes Problem ist: Er ist immer politischer Aktivist geblieben. Dass er die Grundlagen seines politisch-ökonomischen Wissens dem Trotzkismus verdankt, verheimlicht er nicht. Selbst der Buchtitel «Klare, lichte Zukunft» ist eine kleine Hommage an den russischen Revolutionär. Dagegen spricht nichts, die trotzkistische Denktradition ist sehr viel besser als ihr Ruf. Doch in Masons Buch bleibt davon vor allem eine streckenweise nervige agitatorische Leichtfertigkeit.

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