Nr. 23/2019 vom 06.06.2019

Bäuerin, nicht erwerbstätig, mit Vollzeitjob

In der Landwirtschaft gibt es immer noch den «Frauenberuf» Bäuerin und den «Männerberuf» Landwirt. Doch immer mehr Frauen lernen Landwirtin – und Bäuerinnen fordern mehr Rechte. Manche machen auch beim Frauenstreik mit.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Ursula Häne (Fotos)

Da stehen sie im Frühlingswind, die eine hat ihren Kopf freundschaftlich auf den Rücken der anderen gelegt. «Das ist Laura, die Chefin», erklärt Jarka Haueter. «Und dahinter die Vizechefin. Solange diese beiden nicht am Fressen sind, gibt es keine Ruhe im Stall.»

Haueter ist Bäuerin im Simmental, und auch die Kühe sind Simmentalerinnen: stämmig, mit weissen Köpfen, braunrot oder gelblich gescheckten Bäuchen und elegant geschwungenen Hörnern. Die Bäuerin dagegen kommt von weither: Sie ist in Prag aufgewachsen.

Dort sah sie kaum je eine Kuh aus der Nähe, nur die Kaninchen und Hühner, die die Grossmutter hielt. Wenn sie heute geschickt und fast beiläufig mit der Gabel das Heu zu den Fressplätzen der Kühe stösst, dann den Melkeimer umschnallt und der ersten Kuh die Melkmaschine ansetzt, sieht es aus, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Auf der Alp Morgeten, wo die Familie Haueter eigene und fremde Kühe sömmert – alle mit Hörnern –, ist sie die Käserin. «Das habe ich mir unter den Nagel gerissen. Ich käse wahnsinnig gern.»

Haueter hat die Bäuerinnenschule in Langenthal besucht und mit dem eidgenössischen Fachausweis abgeschlossen. Bis heute gibt es in der Landwirtschaft einen Frauen- und einen Männerberuf. In der Bäuerinnenausbildung steht der bäuerliche Haushalt im Zentrum: Kochen, Waschen und Reinigen, der Garten, die Verarbeitung von hofeigenen Produkten, Direktvermarktung, Buchhaltung und Recht.

In der Ausbildung der LandwirtInnen dreht sich hingegen alles um Betriebsführung, Feld und Stall, vor allem um Ackerbau und Kühe. Vieles Weitere wie Schweine- und Geflügelhaltung, Obst- und Gemüsebau oder Holzen können die angehenden LandwirtInnen in Wahlfächern dazulernen. Beide Berufsabschlüsse, Bäuerin und LandwirtIn, berechtigen dazu, einen Hof zu führen und Direktzahlungen zu beziehen.

Ganz klassisch im Simmental

Heute lernen immer mehr Frauen Landwirtin. Dass die Männer im Gegenzug nicht die Bäuerinnenschulen erobern, liegt wohl nicht nur an der Berufsbezeichnung. Immerhin hat diesen Frühling ein erster Mann die «Frauenausbildung» abgeschlossen. Er führt im Kanton Schaffhausen einen Hof mit Kleintieren.

Jarka Haueter und ihr Mann Alex arbeiten gern gemeinsam im Stall. Da haben sie Zeit, den Familienalltag zu besprechen. Sonst sei die Arbeitsteilung «ganz klassisch», sagt die 35-Jährige: «Ich bin glücklich als Bäuerin und Mutter.» Sie kümmert sich um Haushalt und Garten, kocht für Alex und die beiden Kinder Johanna (11) und Ferdinand (10). Am Mittag sitzen drei Generationen am Tisch, sie kocht abwechselnd mit der Schwiegermutter Anne. Alex kümmert sich um Wiesen, Weiden und Wald. Wenn im Sommer das Heuen ansteht, bleibt sie oben auf der Alp. «Ich fahre keine Maschinen. Und ich bin froh, dass ich im Winter nicht holzen muss. Alex muss dafür nicht waschen. Es gibt Dinge, bei denen wir uns nicht ersetzen können.»

Haueter ist es wichtig, dass die Kinder auf dem Hof mitarbeiten: Beide helfen im Stall, Ferdinand auch beim Käsen und Buttern. «Johanna ist sehr stark mit den Tieren; sie sieht sofort, wenn etwas nicht stimmt», erzählt die Bäuerin. «Wir neigen heute dazu, Kinder zu unterschätzen. Unsere platzen fast vor Stolz, wenn sie auf der Alp anderen zeigen dürfen, was sie können.»

Es sieht aus wie gemalt, dieses Simmental: Grosse, sonnenverbrannte Holzhäuser stehen verstreut am Hang. Manche sind mit Schnitzereien und farbigen Ornamenten verziert: Käse- und Viehhandel brachten schon vor Jahrhunderten Wohlstand in die Region. Auf den Wiesen blühen violetter Storchschnabel und gelber Hahnenfuss, weiter oben leuchtet hellgrünes Buchenlaub zwischen dunklen Fichten hervor. Und noch weiter oben liegt Schnee: Der Bergfrühling kommt spät dieses Jahr. Der Alpaufzug wird sich verzögern. «Alle Männer sind oben», erklärt Jarka Haueter: Alex, der Schwiegervater Christian, zwei Zivildienstleistende und weitere HelferInnen bereiten die Alp, zu der auch eine beliebte Beiz mit Übernachtungsmöglichkeiten gehört, auf den Sommer vor. Dazu mussten sie zuerst eine Gasse in den Schnee schaufeln.

Alex’ Eltern pflegten schon lange vor dem Mauerfall Freundschaften in den Ostblockländern. Eine tschechische Freundin von Jarka verbrachte als Kind die Sommerferien auf Morgeten, und eines Tages im Jahr 2004 tauchte Alex bei ihr in Brünn auf. Jarka hatte gerade ihr Studium abgebrochen, war stadtmüde, und die Geschichten aus den Bergen klangen verlockend. Der junge Mann gefiel ihr auch. Sie reiste zu Alex in die Schweiz, ging «z Alp» und blieb.

Am Anfang war es nicht einfach. Mangels landwirtschaftlicher Erfahrung blieben Jarka die Hilfsarbeiten: Sie mistete, während die Männer molken. Und trotz Deutschintensivkurs verstand sie am Familientisch oft kein Wort: Man gab sich zwar Mühe, mit ihr Hochdeutsch zu sprechen, fiel aber doch immer wieder zurück ins Berndeutsche. «Mehrmals ging ich vom Tisch und knallte die Tür zu.» Doch sie lernte melken und begann, Christian beim Käsen zu helfen: «Ich arbeitete mich hoch.» Heute käst sie längst alleine und spricht lupenreines Berndeutsch. «Die Sprache war ganz wichtig. Seither fühle ich mich nicht mehr als Ausländerin», sagt sie und braucht eine typische Berner Wendung: «Ich bin wohl.»

Ohne Lohn und kaum versichert

Am 5. Mai lud die Frauenstreikkoordination Berner Oberland zum «Bäuerinnen- und Landfrauen-Zmorge» ein: in den «Hirschen» in Erlenbach, die einzige alternative Beiz im Tal. Christine Bühler, die kürzlich zurückgetretene Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbands (SBLV), hielt ein Referat. «Sie ist differenziert», sagt Jarka Haueter, «die Rede gefiel mir sehr.»

Die Fakten sind erschütternd: Nur etwa ein Drittel der Schweizer Bäuerinnen erhalten für die Arbeit auf dem Hof einen Lohn oder sind als selbstständig gemeldet. Die anderen gelten als «nicht erwerbstätig» – es sei denn, sie haben einen auswärtigen Nebenjob. Doch dort sind die Pensen meistens klein.

«Nicht erwerbstätige» Bäuerinnen haben keine Mutterschaftsversicherung, sind bei Invalidität ungenügend abgesichert, haben meistens nur das AHV-Minimum und keine zweite oder dritte Säule – sind also im Alter akut armutsgefährdet. Noch prekärer kann es bei einer Scheidung werden, denn dabei verlässt meistens die Bäuerin den Hof und verliert so auch ihre Lebensgrundlage. Nur gut sechs Prozent der Betriebe werden von Frauen geführt.

Der SBLV fordert eine bessere soziale Absicherung der Bäuerinnen: Entweder eine zweite oder eine dritte Säule, Krankentaggeld- und Unfallversicherung sollen obligatorisch werden. Das plant der Bundesrat als Teil der nächsten agrarpolitischen Reformetappe, der AP 22+. Wenn sich ein Betrieb nicht daran hält, sollen ihm die Direktzahlungen gekürzt werden.

Bei der Geburt der beiden Kinder führte noch Schwiegervater Christian den Hof. Jarka Haueter war bei ihm angestellt und hatte darum auch eine Mutterschaftsversicherung. Eine Krankentaggeldversicherung hat sie bis heute – doch seit ihr Mann den Hof übernommen hat, ist sie nicht mehr angestellt und auch nicht als Selbstständige angemeldet. Auch eine zweite Säule fehlt ihr. «Ich bin selbst zu wenig informiert. Ich erinnere mich nicht, dass das Thema in der Bäuerinnenschule eine grosse Rolle gespielt hätte.» Sie hat nun einen Termin mit einem Berater vereinbart.

Am besten sollten Bäuerin und Bauer noch vor der Heirat über Versicherungen, Altersvorsorge und eine mögliche Scheidung sprechen, rät der SBLV – und weiss, dass er oft auf taube Ohren stösst. «Wenn man frisch verliebt ist, ist es unangenehm, über Trennung oder Todesfall zu reden», weiss Jarka Haueter. «Es klingt, als denke man schon an Scheidung. Aber es könnte ja auch ein Unfall passieren. Und ich bin selbst ein Scheidungskind …»

Als die Kinder klein waren, kaufte die junge Familie einen Hausteil in der Nähe, zehn Minuten zu Fuss. Für die Arbeit und zum Essen waren trotzdem alle dauernd auf dem Hof. Irgendwann wurde das ganze Hin und Her der jungen Bäuerin zu viel: «Ich sagte: ‹Entweder ziehe ich mich vom Betrieb zurück und arbeite etwas anderes, oder wir ziehen hierher.› Die Schwiegereltern wollten aber nicht weg – also wurde gebaut.» Das neue Stöckli passt gut zum alten Bau. «Wir sind immer noch nahe, aber jeder hat Raum.»

«Die Ausbildung zementiert Rollenmuster»

Unterstützt der SBLV den Frauenstreik? «Wir unterstützen die Anliegen, aber organisieren keine zentrale Veranstaltung», sagt die neue Präsidentin Anne Challandes. «Die Mitglieder und die Sektionen sind frei, teilzunehmen oder selbst etwas zu organisieren.» Das klingt vorsichtig, und das sei auch Absicht, sagt die Bäuerin und Juristin. «Der Streik gehört nicht unbedingt zur bäuerlichen Mentalität. Manche Frauen haben Mühe mit dem Wort – wir wollen die unterschiedlichen Empfindlichkeiten berücksichtigen.»

Konflikte hat der SBLV nämlich schon ausserhalb der Organisation genug: mit dem «grossen Bruder», dem Schweizer Bauernverband (SBV), in dessen Präsidium der SBLV einen Sitz hat. Die Bäuerinnen und Landfrauen unterstützen den Bundesrat, der den Betrieben die Direktzahlungen kürzen will, wenn sie die Bäuerinnen nicht sozial absichern. Der SBV ist dagegen: Die Landwirtschaftskammer, das Parlament des SBV, hat das Vorhaben haushoch abgelehnt. Es sei «eine öffentliche Einmischung in die privaten Angelegenheiten der Bauernfamilien» und verursache «einen beträchtlichen Verwaltungsaufwand sowohl bei Bund und Kantonen als auch bei den Bauernfamilien selbst», schreibt der SBV. Er möchte stattdessen eine Beratung zum Thema obligatorisch machen, wenn ein Betrieb einen Investitionskredit oder Starthilfe vom Bund erhält. Dem SBLV reicht das nicht. «Wir informieren seit Jahren, aber es geht nicht vorwärts», sagt Anne Challandes. «Freiwilligkeit genügt offensichtlich nicht.»

Liegt das Problem tiefer: bei den in der Landwirtschaft immer noch tief verankerten Rollenbildern? Die Aufteilung in einen Männer- und einen Frauenberuf setzt eine heterosexuelle Partnerschaft mit klarer Arbeitsteilung als selbstverständlich voraus.

Ist die Bäuerinnenausbildung noch zeitgemäss? Ja, findet Challandes: «Viele angehende Bäuerinnen haben das Bedürfnis nach Bildung in diesem Bereich, zum Beispiel zu Selbstversorgung und Agrotourismus.» Sie erzählt von einem Austausch zwischen französischen und Schweizer Bäuerinnen: «In Frankreich gibt es keine vergleichbare Ausbildung. Viele der Französinnen waren anfangs erstaunt über unser Modell. Als sie es besser kannten, fanden sie es aber sehr interessant. Sie sagten: ‹Jetzt haben wir fast Lust, diese Arbeiten im Haushalt und in der Selbstversorgung wiederzuentdecken.›»

Es stimmt: Vermutlich ist die Wertschätzung für die typischen «Frauenarbeiten» wie Selbstversorgung und handwerkliche Lebensmittelverarbeitung grösser, wenn es dafür eigens eine Ausbildung gibt. In den letzten Jahren haben zunehmend auch Frauen, die selbstständig einen Kleinbetrieb mit Direktvermarktung führen wollen, die Bäuerinnenschulen besucht.

Doch problematisch ist nicht die Arbeitsteilung an sich, sondern die klare Hierarchie zwischen Männer- und Frauenarbeiten – und ihre Bezahlung. Die Bäuerinnen hätten ja Kost und Logis: Dieses «Argument» musste sich Christine Bühler als SBLV-Präsidentin allen Ernstes anhören, wie sie im März an einer Pressekonferenz erzählte.

Sandra Contzen, die an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (Hafl) in Zollikofen BE über Geschlechterbeziehungen in der Schweizer Landwirtschaft forscht, ist denn auch skeptisch: «Ich glaube, dass die Bäuerinnenausbildung, obwohl sie seit der Reform in den neunziger Jahren auch betriebswirtschaftliche Inhalte hat, die Gleichstellung eher behindert als fördert. Sie stellt den Haushalt ins Zentrum und zementiert damit Rollenmuster.» Die Bäuerin werde zu einer Superhausfrau stilisiert: «Den Haushalt so zu führen, wie es an den Bäuerinnenschulen gelehrt wird, ist sehr aufwendig. Der Zopf am Sonntagmorgen muss selbstverständlich selbstgebacken sein, das Gemüse aus dem eigenen Garten kommen und nicht etwa vom Grossverteiler. Solche Normen setzen Frauen stark unter Druck.»

Die klare Trennung – und Hierarchie – zwischen Erwerbsarbeit und allen anderen Arbeiten etablierte sich erst im 19. Jahrhundert. Damit verbunden war eine Abwertung der Care- und Reproduktionsarbeiten von Frauen: Feministische Forscherinnen wie Maria Mies sprechen von «Hausfrauisierung». Bauernhöfe gab es lange vor dieser Trennung, und bis heute vermischen sich dort Arbeiten, die als «Wirtschaft» gelten, mit sogenannter Hausarbeit. Eine Bäuerin bereitet vielleicht am Morgen das Frühstück für die Familie, aber auch für den Lehrling vor, behandelt anschliessend eine kranke Kuh im Stall, geht dann im Garten jäten und wird dabei von einer Kundin unterbrochen, die im Hofladen einkaufen will. Bei dieser Gelegenheit führt sie noch die Buchhaltung des Ladens nach und kocht danach das Mittagessen. Die Arbeit für die Familie vermischt sich dauernd mit der Arbeit für den Hof. Sandra Contzen betont: «Wenn eine Bäuerin die Arbeitskleidung des Lehrlings wäscht oder für Leute kocht, die bei der Kirschenernte mithelfen, ist das keine ‹Familienarbeit›! Das ist vielen Männern nicht bewusst.»

Geteilte Hausarbeit in Lenzburg

Immer mehr Frauen wollen zwar in die Landwirtschaft, aber nicht in der traditionellen Frauenrolle: Sie lernen den «Männerberuf» Landwirtin. 2018 schlossen 166 Frauen (und 894 Männer) die LandwirtInnenlehre mit dem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis ab.

Manche übernehmen den Hof der Eltern, andere sind Quereinsteigerinnen. Zum Beispiel Marion Sonderegger. Während des Gymnasiums in Zürich verbrachte sie ein Austauschjahr in Neuseeland, war viel draussen und verlor die Lust an der Schule. «Ich wollte mich bewegen, mit den Händen arbeiten.» Nach der Matura machte sie die Lehre als Biolandwirtin. Dann wollte sie auf die Alp. Am ÄlplerInnentreffen in Landquart, einer wichtigen Stellenbörse für Alpjobs, traf sie Lukas Häusler: Er suchte eine Mitälplerin. Der Bauernsohn hatte Agronomie studiert, war aber unschlüssig, ob er den Hof der Eltern übernehmen sollte. Schon während des Alpsommers begannen die beiden, über eine gemeinsame Zukunft nachzudenken. «Mir war es wichtig, dass es seine Entscheidung ist», sagt Sonderegger. «Dass es nicht davon abhängt, ob eine Frau da ist.» Lukas entschied sich für den Hof – und Marion wurde schwanger. «Mir ging das alles fast zu schnell – wollte ich mit 25 schon sesshaft werden?» Die beiden zogen auf den Hof von Lukas’ Eltern bei Lenzburg im Aargau, 2012 kam Juri auf die Welt.

Hinter der Kurve bricht der Stadtlärm ab. Gerade war da noch Lenzburg mit seinen Baustellen, der Berufsschule und der viel befahrenen Strasse Richtung Wohlen. Jetzt führt das Strässchen zwischen Obstbäumen hindurch, am Steilhang weidet eine bunt gemischte Kuhherde mit Kälbern. Grillen zirpen, ein Grünspecht fliegt ins Gebüsch. Als wäre man irgendwo in der tiefsten Provinz – dabei liegt der Mooshof auf der Hinterseite des Lenzburger Doppelhügels, auf dem auch das Schloss steht.

Marion Sonderegger und Lukas Häusler sind beide selbstständig erwerbend und führen den Mooshof gemeinsam als einfache Gesellschaft – ein noch sehr unübliches Modell. «Ich finde es krass, wie ich in diesem Beruf immer zuerst als Frau wahrgenommen werde», sagt Sonderegger. «Ich bin nicht einfach ein Mensch, der gewisse Tätigkeiten ausübt. Es steht immer im Vordergrund, dass ich eine Frau bin. Und wenn es um Bereiche geht, die als Männerarbeit gelten, sprechen Kunden oder andere Bauern selbstverständlich Lukas an und nicht mich.»

Lukas ist einen, sie zwei Tage in der Woche für Juri und seine vierjährige Schwester Paula zuständig. Zwei Tage werden die Kinder auswärts betreut. Obwohl sich auf einem Hof Erwerbsarbeit und Familie gut vereinbaren lassen, vermisst Sonderegger manchmal die räumliche Trennung: «Wenn Lukas Kindertag hat, bin ich trotzdem in der Nähe und für die Kinder erreichbar. Die Abgrenzung kann schwierig sein.»

Schon Sondereggers Eltern teilten sich Erwerbs- und Hausarbeit. Für sie war klar, dass sie das auch wollte. «Aber als die Kinder klein waren, hatte ich Angst, dass ich ins Hintertreffen geraten könnte: Lukas kann seine beruflichen Erfahrungen vertiefen, während der Haushalt an mir hängen bleibt. Heute sind die Kinder selbstständiger, wir bekommen wieder mehr Schlaf, und alles ist entspannter.»

Vor allem in stressigen Zeiten sei die Gefahr aber immer noch gross, in traditionelle Rollen zu verfallen: «Lukas ist bei vielen Arbeiten auf dem Hof schneller als ich, er hat sie schon als Kind gelernt. Umgekehrt brauche ich nur halb so lange, um die Küche aufzuräumen. Wenn es nur darum geht, möglichst effizient zu sein, bietet sich eine traditionelle Arbeitsteilung tatsächlich an. Wir machen das bewusst nicht – und haben dafür einen vielfältigeren Alltag.»

Sonderegger backt jeden Dienstag aus dem hofeigenen Getreide Brot, das die LenzburgerInnen abonnieren und auf dem Markt kaufen können, und baut Gemüse an, das ein befreundeter Gemüsegärtner im Abo vertreibt. Dadurch übernimmt sie mehr Handarbeit als Häusler, der für den Ackerbau zuständig ist. «Aber ich mache zwischendurch auch gern Maschinenarbeit, denn die Handarbeit schlaucht ganz schön, vor allem in der prallen Sonne.»

Viele Landwirtinnen erzählen von ähnlichen Erfahrungen wie Marion Sonderegger. Etwa Maria Jakob, die in Worb bei Bern beim solidarischen Landwirtschaftsprojekt Radiesli angestellt ist. «Als Landwirtin werde ich oft nicht ernst genommen: Wenn es um den Ackerbau oder die Rinder geht, wenden sich die Nachbarn lieber an meinen Kollegen, den einzigen Mann auf dem Hof.» Sie fände es schön, als Landwirtin sichtbarer zu werden, vielleicht auch mit einer eigenen Organisation. Sonderegger stimmt zu: «Ich hätte auch gern mehr Austausch. Und vom Bäuerinnenverband fühlen sich Landwirtinnen nicht repräsentiert.»

In einem Bereich lässt sich die Gleichstellung aber auch auf dem Mooshof nicht verwirklichen: beim Eigentum. Häusler hat den Betrieb von den Eltern übernommen, Sonderegger hat einen Teil ihres Erbes als Darlehen hineingesteckt. Bei einer Trennung würde sie dieses Geld wohl kaum zurückfordern, sagt sie, «das würde den Betrieb sprengen». Ein Problem nicht nur auf dem Mooshof: In der Landwirtschaft vermischen sich Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft. Der Wohnsitz ist gleichzeitig Produktionsgrundlage. Bei einer Trennung lässt sich ein Betrieb nicht einfach teilen – das verbietet das bäuerliche Bodenrecht, und es wäre auch kaum je praktikabel.

«Umso wichtiger wäre es, dass die Bäuerin selbstständig gemeldet ist oder vom Mann angestellt wird», sagt SBLV-Präsidentin Anne Challandes. «Und dass sie die eingebrachten Güter inventarisiert und die Belege behält.» Heute hat eine Bäuerin oder Landwirtin, die nicht Eigentümerin ist, bei einer Scheidung oder wenn der Mann stirbt, schlechtere Chancen, den Betrieb zu übernehmen, als die Verwandten des Mannes. Mit der neuen AP 22+ soll sie nun zumindest beim Tod des Eigentümers das Vorkaufsrecht haben.

Ein Feuer zum Streik

Marion Sonderegger wird in Zürich am Frauenstreik teilnehmen. «Ich streike dafür, dass unsere Kinder – ob Mädchen oder Buben – das machen können, was sie wollen. Auch die Buben: Sie werden oft noch stärker in Rollen gedrängt als die Mädchen.»

Am 7. Juni, eine Woche vor dem grossen Tag, brennt im Berner Oberland ein Höhenfeuer zum Frauenstreik. Die Idee kam am Bäuerinnen-Zmorge in Erlenbach auf; Baselbieter und Zürcher Oberländer Bäuerinnen organisieren etwas Ähnliches (vgl. «Bäuerinnen im Frauenstreik» im Anschluss an diesen Text). Ursprünglich war Haueters Alp Morgeten als Ort im Gespräch, nun findet das Feuer aber im besser erreichbaren Sigriswil statt.

Sie sei ja eigentlich keine Aktivistin, sagt Jarka Haueter, und auch nicht mit allen Forderungen der nationalen Frauenstreikkoordination einverstanden. Aber Lohngleichheit finde sie wichtig: «Ich habe sogar von einer Ärztin gehört, die als Frau weniger verdient!» Und sie freut sich darauf, mit anderen Frauen zusammenzustehen. «Das fehlt mir bisher.»

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