Nr. 23/2019 vom 06.06.2019

«Wir kriegen das alles ab»

Die Physiotherapeutin Sarah Casutt engagiert sich in den Frauenstreikkollektiven Zürich und Winterthur und bereitet zudem den Streiktag in ihrer Klinik aktiv vor. Zentrales Thema ist nicht zuletzt der Sexismus, dem Therapeutinnen bei ihrer Arbeit immer wieder ausgesetzt sind.

Von Noëmi Landolt (Text) und Ursula Häne (Foto)

Sarah Casutt: «Beim Frauenstreik wollte ich unbedingt dabei sein: Er betrifft meine Arbeit und mein Privatleben sowie die Gesellschaft und die Politik als Ganzes.»

Sarah Casutt trägt einen pinken Pullover mit einem gezeichneten Sujet zum Frauenstreik: fünf Frauen, entschlossen die Arme verschränkt oder die Faust erhoben, jung, alt, mit Kopftuch, kurzen oder langen Haaren – ein Siebdruck vom 1.-Mai-Fest in Zürich. Sie kommt direkt von einer Weiterbildung zum Gespräch mit der WOZ: «Im Kurs konnte ich reinsitzen und einfach einmal zuhören, ohne selbst etwas beizutragen.» Casutt war in den letzten Monaten kaum in der Rolle der passiven Zuhörerin. Sie engagiert sich in den Frauenstreikkollektiven Zürich und Winterthur und bereitet den Streik auch an ihrem Arbeitsort aktiv vor. Die 25-Jährige arbeitet zu hundert Prozent als Physiotherapeutin in einer Aargauer Privatklinik. Ihren Arbeitgeber möchte sie lieber nicht nennen: «Ich selbst habe zwar bereits gekündigt, da ich im Sommer auf Reisen gehen werde. Doch ich möchte nicht, dass meine Arbeitskolleginnen Ärger bekommen.»

Zum ersten Mal vom Frauenstreik gehört hat Casutt vergangenen August von ihrem Bruder, der bei der Bewegung für den Sozialismus aktiv ist. «Ich hatte bisher keine Kapazitäten, mich politisch zu engagieren, obwohl ich schon lange das Bedürfnis hatte. Doch beim Frauenstreik wollte ich unbedingt dabei sein: Er betrifft meine Arbeit und mein Privatleben sowie die Gesellschaft und die Politik als Ganzes.»

Übergriffige Patienten

Sarah Casutt ging zunächst nur als Zuhörerin zu den Sitzungen des Frauenstreikkollektivs Zürich, «die ersten Male habe ich höchstens zwei Sätze gesagt». Es seien viele erfahrene Frauen dort gewesen – von der Alternativen Liste, der SP, dem Revolutionären Aufbau –, die schon zahlreiche politische Aktionen organisiert hatten und das Sprechen vor anderen gewohnt waren. Doch das Kollektiv vereinigt auch Frauen, die keiner politischen Organisation angehören. Casutt schloss sich schliesslich der Administrationsgruppe an, die die Sitzungen vorbereitet und leitet. «Ich bin immer sicherer geworden und habe gemerkt, dass ich ohne Ende erzählen kann. Und dass ich die Themen, die der Frauenstreik aufgreift, auch bei uns in die Klinik reinbringen muss. Die Unzufriedenheit und die Machtlosigkeit sind so gross bei uns.»

Im Januar hielt Casutt bei der Arbeit zwei Vorträge in der Mittagspause, zu denen je etwa zwanzig Frauen, alles Therapeutinnen, gekommen waren – und kein einziger Mann, obwohl Männer explizit auch eingeladen waren. Sie erzählte vom Frauenstreik 1991, den Forderungen von 2019 und den Problemen bei der Arbeit in der Klinik. Nach einem Vortrag sei eine Bewegungstherapeutin zu ihr gekommen, die sich fast überschwänglich für Casutts Engagement bedankte. Die Frau hatte schon 1991 am Streik teilnehmen wollen, aber die Klinikleitung hatte es ihr damals verboten. «Einzelne Kolleginnen haben während meines Vortrags auch mit den Augen gerollt. Doch nach und nach sind viele spannende Gespräche entstanden. Es ging vor allem darum, dass in unserem Beruf die persönlichen Grenzen oft nicht respektiert werden.»

Übergriffe von Patienten auf das Personal sind in Kliniken keine Seltenheit. Nicht nur Pflegende, die ihre PatientInnen beispielsweise beim Waschen auch im Intimbereich berühren müssen, sondern auch TherapeutInnen sind davon betroffen. Wenn eine Physiotherapeutin etwa mit einer schwer gelähmten Person arbeitet, geht das nicht ohne intensiven Körperkontakt. «Du wirst oft angefasst ohne dein Einverständnis», erzählt Sarah Casutt. «Dabei wirst du als reine Dienstleisterin und nicht als Mensch wahrgenommen. Ich muss bei fast jedem älteren Herrn als Erstes klarstellen, dass ich eine Fachkraft bin und Respekt verdiene.» Bei ihrer Arbeit ist sie auch immer wieder mit verbalem Sexismus konfrontiert. Sprüche sind an der Tagesordnung, wenn sich ein Patient auf die «junge, hübsche Therapeutin» freut. Komme stattdessen eine ältere Kollegin, heisse es oft: «Oh nein, jetzt kommt die Alte wieder.» Hinzu komme der emotionale Ballast, der bei Pflegenden und TherapeutInnen abgeladen werde, denn PatientInnen litten oft unter Verlustängsten oder Anpassungsstörungen. «Wir kriegen das alles ab und müssen die Schicksale eigenständig verarbeiten», so Casutt. «Wir erhalten dabei von niemandem psychologische Unterstützung.»

Viele von Casutts Kolleginnen beklagen zudem, dass es an der Klinik so gut wie keine Teilzeitpensen für TherapeutInnen gebe. Die Argumentation: Es müsse gewährleistet sein, dass die PatientInnen immer gleich weitertherapiert würden. «Die Devise ist, dass man zuerst dem Unternehmen und den Kunden, also den Patienten, dienen muss.»

Lohngleichheit und Weiterbildung

Sarah Casutt hat schliesslich zusammen mit fünf Arbeitskolleginnen einen Forderungskatalog und einen Brief an die Geschäftsleitung der Klinik ausformuliert. Viele andere Frauen können bei den Streikvorbereitungen nicht mitmachen, da sie über Mittag mit der Therapiedokumentation beschäftigt sind und so nur eine halbe Stunde Mittagspause haben. In ihrem Brief fordern die Therapeutinnen von der Geschäftsleitung unter anderem Lohngleichheit und Lohntransparenz, die Ermöglichung von Teilzeitpensen mit gleichbleibenden Chancen auf Aufstieg und Weiterbildung sowie psychologische Unterstützung bei der Verarbeitung von PatientInnenschicksalen. Zentrale Forderung ist zudem ein Verhaltenskodex zu verbaler und physischer sexueller Belästigung. «Wir wollen Weiterbildungen zu dem Thema. Zum Beispiel zur Frage, wie wir uns schützen und dabei dennoch professionell bleiben können. Wir wollen wissen, dass die Klinik in solchen Fällen hinter uns steht, denn bisher steht die Patientenzufriedenheit über allem.» Bei schwerwiegenderen Vorfällen könne man sich zwar bei der Vorgesetzten melden, und dann gebe es ein gemeinsames Gespräch mit dem Patienten und allenfalls sogar der CEO. Doch die Hürde sei ziemlich hoch, und die meisten Frauen verzichteten darauf. «Viele sagen dann: ‹Es war doch gar nicht so schlimm.› Und oft handelt es sich auch um sehr niederschwelligen verbalen Sexismus. Aber ich habe in jedem Fall ein Recht auf Schutz, auch wenn mein Patient unter grossen Schmerzen leidet», sagt Sarah Casutt.

«Wir bleiben gerne per Sie»

Sarah Casutt und ihre Kolleginnen haben auf allen Stationen Flyer und Buttons für den Frauenstreik verteilt. In der Pflege sei der Frauenstreik jetzt bekannt, bei den Ärztinnen seien sie aber noch nicht ganz durchgedrungen. Gar keinen Kontakt gab es bisher zu Hotellerie und Küche sowie zum Reinigungspersonal, das von einem anderen Unternehmen angestellt ist. «Mit diesen Mitarbeiterinnen gibt es nur ganz wenige Berührungspunkte, und bei ihnen stellen sich wohl auch ganz andere Fragen als bei uns», sagt Casutt. «Wir Therapeutinnen haben zudem ein kleineres Risiko, Repressionen zu erfahren. Mit unserem Fachhochschulabschluss haben wir eine grössere Jobsicherheit und können es uns leisten, etwas lauter zu sein.» Die etwas mutigeren Kolleginnen hätten vorgeschlagen, am 14. Juni «Sonntagsdienst» zu machen, sodass nur Männer arbeiten würden. Das ging anderen zu weit, und so einigte man sich auf eine Streikpause von 11 bis 12 Uhr, in der Flyer verteilt werden sollen. «In meinem Team hätten wir um diese Zeit Teamrapport. Der fällt dann aus, was in erster Linie ein Nachteil für uns ist und nicht für die Klinik oder die Patienten.» Die CEO der Klinik habe den Therapeutinnen bei einem persönlichen Gespräch zwar aufmerksam zugehört und ihre Anliegen ernst genommen, streiken müssten sie aber dennoch in ihrer Freizeit, und sie müssten die freigenommene Stunde kompensieren.

Auf dem Flyer halten die Therapeutinnen fest, wie sie von PatientInnen und Angehörigen gesehen werden wollen: «Wir zeigen viel (Körper-)Einsatz bei unserer Arbeit und arbeiten nahe mit ihnen zusammen, dabei wahren wir eine professionelle Distanz und bleiben gerne ‹per Sie›.» Auch nach dem Streik wollen sich die Therapeutinnen weiterhin treffen, um dafür zu sorgen, dass ihre Forderungen auch umgesetzt werden.

Sarah Casutt ist gespannt auf den grossen Tag: «Ich hoffe, dass wir die Pflege mobilisieren können. Viele Frauen haben keine Kapazitäten für die Vorbereitung. Aber hoffentlich können sie trotzdem an der Verteilaktion teilnehmen.» Um 17 Uhr will Casutt dann an die Demo in Winterthur gehen. Und irgendwie sei sie auch froh, wenn der 14. Juni dann mal vorbei sei. Neben ihrem Engagement an der Klinik und dem Hundertprozentjob organisiert sie auch die Sitzungen des Streikkollektivs Winterthur, beantwortet alle E-Mails und geht nach wie vor an die Sitzungen des Zürcher Kollektivs. «Ich weiss gar nicht, wie ich im Moment funktioniere», sagt sie und wirkt dabei kein bisschen müde. Auf die Frage nach dem Privatleben lacht sie und sagt, dass sie nach den Sitzungen manchmal etwas mit den anderen Frauen trinken gehe. «Das Schöne an der Bewegung ist, dass ich persönliche Beziehungen zu gleichgesinnten Frauen aufbauen konnte. Und dass ich gemerkt habe, dass ich nicht alleine bin.»

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