Nr. 23/2019 vom 06.06.2019

Vorsicht, Climatewashing!

Die Bedrohung durch die Erderhitzung wird von der Atomlobby benutzt, um die Akzeptanz der Atomkraft zu erhöhen, Dabei ist ein ganz anderer Ansatz nötig.

Von Nils Epprecht

Nils Epprecht (33) ist Umweltnaturwissenschaftler und Geschäftsleiter der Schweizerischen Energie-Stiftung.

Trittbrett fahren, auf einer Welle mitsurfen – die grossen Sorgen der Bevölkerung laden dazu ein, sie zu missbrauchen. Im Umweltschutz hat sich mit «Greenwashing» ein eigener Begriff dafür etabliert: Firmen oder PolitikerInnen stellen sich umweltbewusster dar, als sie es eigentlich sind, und polieren damit ihr Image auf. Der jüngste Trend heisst «Climatewashing», die Sorge gegenüber dem Klimawandel für die eigene Sache nutzen.

AKWs nicht konkurrenzfähig

In den letzten Monaten sind in diversen Medien Stimmen laut geworden, die Atomkraftwerke als Teillösung gegen den Klimawandel sehen – auch in der Schweiz. Keiner der Beiträge hält einer fundierten Prüfung stand. Selbst wenn wir die Sicherheitsprobleme und die ungelöste Entsorgung ausblenden, sind neue AKWs vor allem eines: unrealistisch.

Die vier AKWs, die derzeit in der westlichen Welt gebaut werden, haben alle mit jahrzehntelangen Verzögerungen zu kämpfen. Firmen gingen aufgrund der Projekte Konkurs, in den USA wurde ein Neubau ganz aufgegeben. Ohne Milliardengarantien des französischen Staatskonzerns EDF gäbe es in Westeuropa kein einziges Projekt. Die Subventionen betragen von der Hälfte bis zu drei Viertel der Baukosten. Gegenüber den immer günstiger werdenden erneuerbaren Energieträgern sind sie nicht konkurrenzfähig. Weltweit werden Neubauten fast nur noch von Staaten angestrebt, die das Know-how aus ganz anderen Gründen suchen: wegen der Atomwaffen.

Laufzeiten von bis zu achtzig Jahren

Hierzulande müsste die Politik eine 180-Grad-Wende vollziehen, um wieder auf Atomkraft zu setzen. Die Eignerstrategie der Axpo, der grössten Schweizer AKW-Betreiberin, sieht mittelfristig den Atomausstieg vor. Alpiq und BKW haben neuen AKWs längst abgeschworen. Selbst wenn morgen mit der Planung neuer AKWs begonnen würde, bräuchte es Jahrzehnte, bis sie ans Netz gingen – sofern sie die zwingenden Volksabstimmungen überstehen. Das ist zu lang für eine wirkungsvolle Bekämpfung des Klimawandels.

Doch warum neue AKWs fordern, wenn sie gar nicht realistisch sind? Die Antwort lautet «Climatewashing». Es geht darum, das Image der Meiler in Beznau, Leibstadt oder Gösgen zu verbessern. Ihre relativen Vorteile beim CO2-Ausstoss gegenüber Kohle- und Gaskraftwerken sollen darüber hinwegtäuschen, dass der älteste AKW-Park der Welt vor allem eines produziert: offene Fragen und Pannen am Laufmeter.

Das Climatewashing soll den Boden dafür ebnen, die Kraftwerke noch lange laufen zu lassen. Die «NZZ am Sonntag» legte letzten Sonntag offen, dass solche Gedanken mittlerweile auch in der Bundesverwaltung angekommen sind. Vierzig Jahre alt wird heuer das AKW Gösgen, gar fünfzig der Reaktor Beznau I. Ein stattliches Alter für Kraftwerke, die auf einen Betrieb von dreissig bis vierzig Jahren ausgelegt wurden. Da hilft es wenig, gebetsmühlenartig zu verlautbaren, die AKWs seien perfekt nachgerüstet und im besten Lebensalter. Denn das Kraftwerksdesign stammt aus den sechziger Jahren: Reservesysteme fehlen, sicherheitsrelevante Gebäude sind zu schwach ausgelegt, und Anlagen mit hohem Gefährdungspotenzial wie das Brennelementbecken liegen in Beznau ausserhalb der Schutzbarrieren. Zentrale Elemente sind nicht austauschbar und, wie der Druckbehälter in Beznau oder die Brennstäbe in Leibstadt, fehlerbehaftet. Auch wenn die Nuklearaufsicht die Sicherheit bescheinigt: Es bleibt eine Wette auf Zeit. Was bei einem Unfall im dicht besiedelten Mittelland drohen würde, wurde erst kürzlich wieder in einer Studie dargelegt.

Das Climatewashing soll darüber hinwegtäuschen, dass auf dem Verordnungsweg innert Kürze optimale Rahmenbedingungen für Laufzeiten bis sechzig oder achtzig Jahre geschaffen werden: Strenge Vorschriften, die den Betrieb in Beznau infrage stellten, wurden abgeschafft; finanzielle Rückstellungen für ein sicheres Endlager sollen herabgesetzt werden.

Zukunft: Bottom-up

In der Energiewelt von morgen sind AKWs ein anachronistisches Element aus einer Zeit, in der Energie «top-down» durch von Grossinvestoren erbaute Grosskraftwerke geliefert wurde. Doch die Herausforderung, binnen weniger Jahrzehnte von fossilen Energieträgern unabhängig zu werden, können einzelne profitorientierte Konzerne mit begrenztem Kapital nicht bewältigen. Dazu braucht es, wie die Klimastreikbewegung zeigt, den Beitrag von uns allen. Die Politik soll diesen Beitrag fördern und belohnen. Ein Energiesystem, bestehend aus erneuerbaren Energieträgern, in dem jede und jeder in eine Fotovoltaikanlage investiert, den Austausch mit seinen NachbarInnen pflegt und mit einem sorgsamen und smarten Energiekonsum «bottom-up» seinen Beitrag dazu leistet, könnte dem Zeitgeist nicht besser entsprechen.

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