Nr. 23/2019 vom 06.06.2019

Die volle Dröhnung

Musik, die fast ohne Melodie und Rhythmus auskommt, ja eigentlich nur aus Zwischentönen besteht: Wer Sunn O))) noch nie live erlebt hat, kann die erschütternde Wirkung eines solchen Soundrituals auf ihrer faszinierenden neuen Platte erahnen.

Von David Hunziker

Zum Schluss eine Verneigung vor der Verstärkerwand: Zu ihrem vollen Recht kommt die Musik von Sunn O))), wenn man sie live erlebt. FOTO: RONALD DICK

Dann, die dröhnenden Gitarren haben sich gerade noch mal zu einer mächtigen Gewitterwolke aufgetürmt, ist das Cello plötzlich ganz alleine. Es war schon die ganze Zeit da, nur hat sich sein sanftes Brummen zuvor so geschmeidig an den verzerrten Sound geschmiegt. Vielleicht ist das nun das Solo, denkt man sich, denn auf einem Album, das fast nur aus frei schwebenden Gitarrendrones besteht, kann es ja kein Gitarrensolo geben. Doch das Cello will sich nicht abheben, verharrt in langsamen Strichen minutenlang auf demselben Ton und lässt seinen Klang genüsslich schimmern. Dann tastet sich eine Gitarre wieder an, das Cello weicht aus, reagiert wie in einem Paartanz auf die Bewegungen des leise heulenden Feedbacks, bevor die volle Dröhnung der Soundwand wieder hereinbricht.

«Novae» heisst der 25-minütige Track, in dessen Mitte sich diese intime Begegnung zwischen der Drone-Metal-Band Sunn O))) und der isländischen Cellistin und Komponistin Hildur Gudnadottir abspielt. Daran, wie Sunn O))) auf ihrem neuen Album, «Life Metal», mit ihren GastmusikerInnen umgehen, lässt sich gut beobachten, wie diese Musik funktioniert. Es gibt darin keinen Platz für virtuose Kapriolen, gemeinsam lässt man sich auf einen ritualhaften Prozess ein, auf ein zügelloses und assoziatives Spiel der Sounds und Frequenzen. Diese Musik ist regelmässig genug, um meditative Versenkung auszulösen, und frei genug, dass keine rhythmische Figur vom reinen Klang ablenkt.

An den Sound gekoppelt

Aus der Distanz betrachtet, machen Sunn O))) im Kern immer das Gleiche: Zwei tief gestimmte, stark verzerrte und sehr laute Gitarren werden in Zeitlupentempo angeschlagen. Es gibt kein Schlagzeug, an dem man sich orientieren könnte; in der Zeitwahrnehmung sind wir zurückgeworfen auf die Momente, in denen eine Gitarre zu einem Drone oder einer Feedbackfigur ansetzt. Folgt man den grossen Bögen, die sich daraus formen, werden zwar Wiederholungen erkennbar, manchmal sogar eine rudimentäre Melodie, doch zu einem vollständigen Riff oder nur schon einem Rhythmus mag sich der zähflüssige Strom nicht verdichten. Ein scheinbar formloses Spektakel – Musik, die nur aus Zwischentönen besteht.

Zu ihrem vollen Recht kommt diese Musik, wenn man sie live erlebt. Für manche kann ein Konzert von Sunn O))) die Intensität eines spirituellen Erlebnisses annehmen. Was man denn eigentlich an einem solchen Konzert mache, fragte jemand in einem Reddit-Forum und erhielt eine kurze, treffende Antwort: «Vibrieren.» Dass einem ein Sound nicht nur in die Ohren, sondern direkt in den Körper fährt, kennt man auch von anderer basslastiger Musik wie Techno, nur ist dieser Effekt bei Sunn O))) quasi total. Das fühlt sich dann so an, als wäre der Körper unmittelbar an den Sound gekoppelt, als wäre jede seiner Fasern den wiegenden Bewegungen und schroffen Brüchen ausgesetzt.

Klar, ein solches Erlebnis ist überwältigend; wenn man ihm unfreiwillig ausgesetzt würde, vielleicht sogar verstörend. Das hat neben der Intensität des Klangs vor allem mit der Lautstärke zu tun; live werden die beiden Gitarren durch mindestens zwölf Verstärker gelenkt. Stephen O’Malley und Greg Anderson, die einzigen festen Bandmitglieder, bringen ihr Konzept auf eine einfache Formel: «Maximale Lautstärke bringt maximale Resultate.» Das klingt nach machoidem Dominanzgehabe und erinnert an einen programmatischen Albumtitel der rabaukigen Motörhead: «Everything Louder than Everyone Else». Doch der Soundmaximalismus von Sunn O))) ist komplexer gestrickt – man könnte sogar sagen, dass er solches Gehabe gerade unterwandert.

Maschinenarbeit

Vom heroischen «Gitarrengott» der Rockmusik haben sich Sunn O))) so weit entfernt, wie es eben geht, wenn man noch Gitarre spielt. Sie verkörpern eine Haltung der radikalen Entschleunigung und des Kontrollverlusts gegenüber der Eigendynamik des Sounds, und ihre Liveshows sind Dekonstruktionen des autonomen Musikersubjekts. O’Malley und Anderson sind in schwarze Roben gehüllt, die ihre Gestalten und Gesichter verbergen; durch den dichten Nebel ist nicht mehr zu erkennen, was sie mit ihren Händen machen. Abgeschlossen wird das Spektakel jeweils von einer kleinen, aber entscheidenden Geste: einer dankenden Verneigung in Richtung der Wand aus Verstärkern. Die Bedeutung ist klar: Wir spielen hier ein bisschen Gitarre, aber die wahre Arbeit machen die brummenden Maschinen hinter uns.

Die religiösen Anspielungen – mit ihren Roben sehen die Musiker aus wie Priester, und die im Halbkreis angeordneten Verstärkertürme gleichen den Megalithen von Stonehenge – kann man als ernsthafte Hingabe an die transzendente Wirkung des Rituals verstehen. Oder auch als materialistischen Witz auf die technischen Verstrickungen, denen die Popmusik immer ausgesetzt ist. Diese Lesarten spiegeln sich auch in den Geschichten, in die sich die Band einschreibt.

Sinnigerweise bezieht sich der Name «Sunn O)))», der wie englisch «sun» ausgesprochen wird, auf eine gleichnamige Verstärkermarke. Die Entwicklung des Sunn-Verstärkers (das O mit den drei Klammern gehört zum Firmenlogo und stellt einen Lautsprecher mit Schallwellen dar) geht zurück auf Norm Sundholm, den Bassisten der US-Beat-Gruppe The Kingsmen, die 1963 mit dem Song «Louie, Louie» einen Hit landeten. Plötzlich spielte die Gruppe in riesigen Konzerthallen, und weil die verfügbaren Bassverstärker zu wenig laut waren, bastelte Sundholm mit seinem Bruder einen eigenen. Das sprach sich herum, bald bediente eine Firma die wachsende Nachfrage. Um 1970 waren Sunn-Verstärker vor allem bei Bands und Musikern beliebt, die gehörig Druck brauchten: The Who, Jimi Hendrix, The Stooges.

Mit der Sonne im Bandnamen spielen Sunn O))) aber auch auf die 1989 vom Gitarristen Dylan Carlson gegründete Band Earth an, für die Sunn O))) zunächst nur eine Tributband sein sollten. Mit dem Album «Earth 2. Special Low Frequency Version» hatten Earth bereits 1993 die Blaupause für das geschaffen, was O’Malley und Anderson 1999 zum Konzept erhoben: ein ganzes Album fast nur aus dröhnenden, in Zeitlupe gespielten Gitarrenriffs.

Earth gehörten zu einer kleinen Gruppe dissidenter Bands, die sich dem im Heavy Metal der achtziger Jahre vorherrschenden Wettkampf um Geschwindigkeit und Härte radikal verweigerten. Carlson, der gut mit Kurt Cobain befreundet war, kombinierte die rohe Kraft des frühen Grunge mit den schweren Grooves von Black Sabbath und dem Minimalismus von Avantgardekomponisten wie La Monte Young und Terry Riley. Der Drone Doom, wie dieses Genre in der Folge genannt wurde, kommt zwar aus dem Heavy Metal, aber dessen Streben nach Kontrolle und Präzision lässt er geradewegs ins Leere laufen. Er treibt den Metal an den Rand seiner Auflösung.

Mehr Hardware geht kaum

Tot ist diese Musik deswegen keineswegs. Live sowieso nicht, da ist alles ständig in Bewegung, und nicht einmal die MusikerInnen wissen, wie sich die Geräte genau verhalten und die Frequenzen aufeinander reagieren. Ein Album ist da immer nur eine Annäherung. Doch «Life Metal» ist gerade darum so faszinierend, weil der Livesound der Band, wie es sein Titel verspricht, darauf in bisher unerreichter Tiefe eingefangen ist. Beim Produzenten Steve Albini haben Sunn O))) erstmals ein ganzes Album tatsächlich live eingespielt, also keine nachträglichen Spuren hinzugefügt, und komplett analog produziert. Mehr Hardware geht kaum.

Dabei bleibt diese Musik, trotz ihrer Lautstärke, ganz und gar unaufdringlich. So fügen sich die ausladenden Tracks von Sunn O))) wunderbar in die Gegenwart ein: Körperlichkeit und Entschleunigung als Antithesen zu einer laufend aufdatierten digitalen Welt und zur Klickjagd im Pop mit seinen Salven von kurzen Singles. Da kann ein bisschen Vibrieren nur guttun.

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