Nr. 25/2019 vom 20.06.2019

Schluss mit dem Patriarkater!

Die Frauenstreik-Bewegung entwickelte eine Wucht, die man(n) nicht mehr ignorieren kann.

Von Noëmi Landolt

Am 14. Juni in Sion. Foto: Anja Wurm, die Frauenstreikfotografinnen

Der Satz klingt verrückt, doch in meinem Kopf drehte er an diesem Tag Kreise: «Ich wusste nicht, dass es in der Schweiz so viele Frauen gibt.» Natürlich weiss ich, dass auch hierzulande, so wie fast überall auf der Welt, gut fünfzig Prozent der Bevölkerung Frauen sind. Nur kriegt man das nicht wirklich mit, nicht im öffentlichen Raum, nicht wenn man die Zeitung aufschlägt oder den Fernseher anschaltet, wenn man ins Parlament hineinschaut, in die Teppichetagen, die Literaturfestivals, überall dort, wo jemand die Klappe aufmacht und etwas vermeintlich Wichtiges zu sagen hat. Seit letztem Freitag, dem Frauenstreik vom 14. Juni 2019, wissen wir, dass es mehrere Hunderttausend Frauen gibt, die wirklich etwas zu sagen haben, die wütend sind, die genug haben von Lohnungleichheit und Sexismus, von prekären Arbeitsbedingungen, der Geringschätzung von unbezahlter Arbeit, von Diskriminierung und sexualisierter Gewalt. Hunderttausende Frauen, die auch solidarisch sind.

Es protestierten junge und alte Frauen, wie zum Beispiel jene Frau, die im Rollstuhl an die Demo in Zürich kam und – geschoben von einem Mann – ein Schild in den Händen hielt: «Jahrgang 1929. Es eilt!» Es kamen Archäologinnen und Hebammen. Katholikinnen, Musliminnen und Anarchistinnen. Busfahrerinnen und Kita-Mitarbeiterinnen. Hausfrauen, Migrantinnen, Bio-Schweizerinnen, Politikerinnen. Mütter, Grossmütter, Enkelinnen, die wohl wiederum ihren Enkelinnen noch von diesem Tag erzählen werden. Es war ein polyfoner Protestchor verschiedenster Stimmen und Forderungen. Und gerade aus dieser Vielfältigkeit zieht diese Bewegung ihre Kraft. Es gibt keine zentrale Figur, keine zentrale Organisation, die diese Bewegung für sich alleine beanspruchen könnte. Sie entwickelte so eine Wucht, dass man(n) sie nicht länger ignorieren kann.

Sie zeigt auch, wie die institutionelle Politik in diesem satten, trägen Land den Kontakt zur Realität verloren hat. So wird in der Woche nach dem Frauenstreik am Erscheinungstag dieser WOZ im Ständerat über einen Vaterschaftsurlaub von zwei (!) Wochen debattiert (vgl. «Über Macht statt über Geld reden»), was für die rechte Ratsmehrheit zu viel des Guten und (Achtung, Totschlagargument!) viel zu teuer ist – während sich die DemonstrantInnen vom vergangenen Freitag schon lange darüber im Klaren sind, dass diese Vorlage ein Witz ist, da die erste Zeit nach der Geburt eines Kindes nichts mit Urlaub zu tun hat und es dringend eine anständige Elternzeit braucht. Am Mittwoch waren nach WOZ-Redaktionsschluss ebenfalls in der kleinen Kammer «Richtwerte für die Vertretung beider Geschlechter» in Verwaltungsrat (30 Prozent Frauen) und Geschäftsleitung (20 Prozent) von börsenkotierten Unternehmen ein Thema. Sanktionen für Firmen, die die Richtwerte nicht einhalten, sind dabei keine vorgesehen. Auch das ist ein Zeichen von Privilegiertheit: dafür bezahlt zu werden, die Zeit mit dem Diskutieren von unwirksamen Massnahmen zu verplempern. Einerseits ist die Vorlage, die manchem Ständerat noch zu radikal ist, so lahm, dass sie kaum Wirkung zeigen wird. Andererseits dürfen wir uns auch dann nicht zufriedengeben, wenn es privilegierten, gut ausgebildeten Frauen gelingt, die gläserne Decke zu durchbrechen. Denn was nützen uns Frauen an den Spitzen der Konzerne, wenn sie dort ein System aufrechterhalten, das auf Ausbeutung und unbezahlter Care-Arbeit von Frauen basiert?

Denn auch das hat der Frauenstreik 2019 gezeigt: Ein Feminismus, der sich nur an den Bedürfnissen einer weissen Mittelschicht mit Schweizer Pass orientiert, ist nicht nur inkonsequent, sondern auch kraftlos. Feminismus muss intersektional sein, er muss auch People of Color einschliessen, illegalisierte Frauen, Sexarbeiterinnen, Musliminnen, Behinderte, Lesben, Queers, Trans- und Interpersonen. Dem Frauenstreik 2019 ist das gelungen. Sie alle hatten Platz auf den Bühnen, um ihre Forderungen zu formulieren, allen stand die Euphorie ins Gesicht geschrieben.

Und manch einer stiegen die Tränen in die Augen. Tränen der Rührung und Überwältigung. Berührt, weil für einen Tag aufscheint, was möglich wäre. Überwältigt davon, dass wir so viele sind. So viele wie noch nie in diesem Land, das so reich ist wie kaum ein anderes und es dennoch nicht schafft, der Hälfte seiner Bevölkerung zu wahrer Gleichberechtigung zu verhelfen. Der Frauenstreik 2019 wird, das ist jetzt schon klar, eines der prägenden Erlebnisse einer jungen, bewegten Generation sein, die endlich keinen «Patriarkater» mehr haben will, wie auf einem Demotransparent stand.

Diese Bewegung ist wütend, solidarisch und zugleich unglaublich gut gelaunt. Wie skandieren die Kita-Mitarbeiterinnen? «Eure Kinder, die erziehen wir. Eure Kinder werden so wie wir.» Es könnte uns nichts Besseres passieren.

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