Nr. 27/2019 vom 04.07.2019

Total versaut in den Klassenkampf

Wie halten wirs mit den Tieren, die wir halten? Zwei Bücher, die unterschiedlicher nicht sein könnten, suchen Antworten bei Schweinen und anderen menschlich verseuchten Kreaturen.

Von Florian Keller

Der Schlachthof als Forschungslabor der kapitalistischen Moderne: Ein Schwein hängt zum Ausbluten über einem Trichter. Foto: Christoph Gödan, Laif

Reglos liegt der Schweinezüchter auf dem Boden. Die Tiere im Stall nehmen Witterung auf, kommen langsam näher, dann spürt er «ihren warmen Atem auf seinen Wangen, ihre Schnauze in seinem Nacken». Bahnt sich hier ein Austausch von interkreatürlichen Zärtlichkeiten an? Ein Moment der Innigkeit zwischen Mensch und Tier, der alltäglichen Ausbeutung in der Nutztierhaltung enthoben, jenseits aller Routinen von Macht und Unterwerfung?

Aber nein, dies ist nur ein Traum. Es ist der wiederkehrende Albtraum des Bauern, der die Rache seiner Schweine fürchtet, in dem grossen, ungeheuren Roman «Tierreich» von Jean-Baptiste Del Amo. Und wie der Mann so im Stall auf dem Boden liegt, traut sich eins der Schweine, die an ihm schnuppern, sein Gesicht anzuknabbern. Der Bauer empfindet keinen Schmerz in seinem Traum, «aber er spürt den Hautfetzen, den das Tier ihm mit einer seitlichen Kopfbewegung ausreisst, dadurch den Instinkt der anderen entfesselt, die sich nach und nach gemeinsam über sein Gesicht hermachen, seine Nase, die Lippen hinunterschlingen, seine Knorpel unter ihren Backenzähnen zermahlen».

Der lebendige Rohstoff Fleisch, der sich an seinem Züchter vergeht: Es mag eine etwas krude Vergeltungsfantasie sein, die der Autor hier einer seiner Figuren ins Bewusstsein pflanzt. Aber diese Schreckensvision ist auch nur so monströs wie der Alltag auf der Schweinefarm, der sich in dieser geträumten Umkehrung der Verhältnisse spiegelt.

Fleisch, nicht Scheisse!

Über fünf Generationen spannt Jean-Baptiste Del Amo sein bäuerliches Familienepos auf, angesiedelt im Südwesten Frankreichs. Und die letzte Generation, die dann auf dem Hof wirkt, im Jahr 1981, müht sich immer hilfloser ab angesichts einer auf Expansion getrimmten Fleischproduktion, die ihr zusehends über den Kopf wächst. Die Frauen haben still die Vorhänge zugezogen oder sind gleich depressiv geworden, die Väter und Söhne dagegen ertrinken förmlich in der «fäkalen Lava», die sie mit der Schweinemast selbst heraufbeschworen haben. Einzig Jérôme, der kleine Bastard der Familie, pflegt auf seinen Streifzügen durch die Gegend eine ganz andere, zärtlichere Neugier auf die Kreatur – nur folgerichtig, dass er bei den Leuten im Dorf drum als Idiot gilt.

Die Parole aber, die der Patron seinen erwachsenen Söhnen in die Köpfe gehämmert hat, verhallt da wie ein lächerlicher frommer Wunsch: Hier werde Fleisch produziert, nicht Scheisse! Tagtäglich kämpfen die Männer fieberhaft aufs Neue gegen die Ausscheidungen an. Der Schweinestall erscheint ihnen buchstäblich als Arsch der Welt, wo sie tagsüber mit Drahtbesen und Wasserstrahl die schweinischen Fluten zurückzudrängen versuchen, die sich nachts dann in ihre Träume ergiessen: «Ströme von Scheisse, die sie mit sich reissen, überschwemmen, ihnen aus den Mägen, den Ärschen oder den Geschlechtsteilen treten, sich aus allen Körperöffnungen auskotzen oder herausquälen, als hätten sie ein Eigenleben.»

Man sieht schon: Jean-Baptiste Del Amo scheut keinerlei Drastik, wo es um die grobstofflichen Elemente der Tierhaltung geht. Er suhlt sich in der obszönen Materie, die er beschwört. In seiner Heimat engagiert sich der 37-Jährige bei L214, einem Verein, der für den Schutz von Nutztieren in der Lebensmittelproduktion kämpft und vor allem mit heimlich gefilmten Videos aus Schlachthöfen für Aufsehen sorgt. Del Amo hat auch schon ein Buch über die Geschichte von L214 geschrieben, und manche Passagen in seinem Roman «Tierreich» erwecken unweigerlich den Eindruck, dass sein Gewissen als Aktivist vorübergehend auch seine Literatur gekapert hat – wenn er etwa die Schweinezucht als eine einzige Kloake zeichnet, als unseligen Kreislauf, «in dem Scheisse und Fleisch nicht mehr voneinander zu trennen sind».

Fleisch ist Scheisse: Diesen vegetarischen Slogan nimmt Del Amo in seinem Roman quasi beim Wort. Sprachgewaltig, ungemein plastisch und mit beträchtlicher Lust am Obszönen setzt er ihn ins Werk. Der Schweinestall erscheint hier als tierisches Triebwerk einer unkontrollierbaren, «festgefressenen Maschine» namens Kapitalismus und überhaupt als Wiege der Bestialität der Menschen.

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht mit dem Verhältnis zwischen dem Menschen und den Tieren, die er hält. Dieses «Tierreich», zu dem auch der Mensch gehört, ist ambivalent und widerspenstig genug, dass sich das Buch nicht auf solche tierschützerischen Botschaften reduzieren lässt. Del Amo bündelt das gleich zu Beginn in einer Reihe von Bildern, in denen Mensch und Schwein, Geburt und Tod, Grauen und Fürsorge aufs Innigste miteinander verwoben sind. Er zeigt da gewissermassen die Ursünde seines Bauerngeschlechts, in der die ganze unselige Abhängigkeit von Mensch und Tier vorgezeichnet ist.

Wir sind im Jahr 1898, die bigotte Urmutter der Familie hat schon zwei Fehlgeburten erlitten, ihre leblose Frucht hat sie jeweils heimlich den Sauen zum Frass hingeworfen. Als sie nun ein gesundes Töchterchen zur Welt bringt, legt sie dieses, einer alten Fabel folgend, zwischen die Ferkel ins Heu. So wird das Menschenkind dann von der Muttersau gesäugt, als wärs eins der ihren. Dem überzähligen Ferkel aber, das nun an Kindes statt im Babykorb liegt, dreht die Mutter schnell den Hals um.

Haben wir, so fragt sich Generationen später der Zweifler unter den Söhnen, die Monstrosität der Schweinezucht hervorgebracht? Oder sind wir selbst erst durch die Schweinezucht so monströs geworden?

Ein bürgerliches Phantasma

Die Schweinezucht als Triebwerk der kapitalistischen Maschinerie: Es ist mehr als eine literarische Behauptung, was der Roman «Tierreich» hier so sprachmächtig ausmalt. Denn die moderne Fleischindustrie, so schreibt der österreichische Philosoph Fahim Amir in seiner Streitschrift «Schwein und Zeit», hat sich nicht etwa aus der industriellen Massenproduktion entwickelt – eher umgekehrt, sie hat dem Fordismus ein Stück weit Modell gestanden. Das hat schon der Schweizer Ingenieur und Historiker Siegfried Giedion in seinem Buch «Die Herrschaft der Mechanisierung» (1948) gezeigt, auf das sich Amir beruft: Der Schlachthof ist nicht einfach ein Auswuchs der kapitalistischen Moderne, sondern deren Forschungslabor.

Als nämlich Henry Ford die erste moderne Fliessbandanlage erbaut, die im Jahr 1913 in Michigan ihren Betrieb aufnimmt, ist er inspiriert von einer anderen maschinellen Anlage – einer Anlage, in der keine Dinge zusammengesetzt, sondern tote Tiere zerlegt werden. Gesehen hat er diesen Prototyp in den Schlachthöfen von Chicago: Um etwa 1870 wird dort die Fleischverarbeitung rationalisiert, indem die Kadaver aufgehängt und über Schienen an der Decke weitergereicht werden. Am Ursprung der «assembly line», des modernen Fliessbands, steht also die «disassembly line», das Zerlegeband in den Fleischfabriken, das Henry Ford überhaupt erst auf die Idee brachte: die arbeitsteilige Demontage der Tierkörper als Vorbild für die Montage von Maschinen.

Auch «Schwein und Zeit» ist ein Buch, das unser Verhältnis zum Tier radikal herausfordert. Aber wo Jean-Baptiste Del Amo dies mit dem Pathos der Überwältigung in ein ländliches Familienepos einbettet, setzt Fahim Amir in seinem furiosen Essay auf politische Theorie. Er provoziert nicht mit starken Affekten, sondern mit dem smarten Blick des Marxisten, der die Geschichte der Tiere aus einer «Perspektive der Kämpfe» erzählen will. Marx soll Hegels Dialektik vom Kopf auf die Füsse gestellt haben, wie man gewöhnlich sagt? Mag sein, aber damit sei es noch nicht getan, schreibt Amir, «sie muss auf die Hufe und Pfoten gestellt werden».

Das klingt erst mal lustig. Auch die Kapitel im Buch tragen humoristische Überschriften wie «Friedrich Engels entschuldigt sich beim Schnabeltier» oder «Mit der Kraft der Taube: Auf alles scheissen». Aber es ist dem Autor durchaus ernst mit seiner Polemik. Dabei entzündet sich sein Denken in erster Linie daran, dass die Linke, wie er das formuliert, bei Tieren «rechts» werde. Was meint er damit? Zu grossen Teilen hänge die Linke immer noch der romantischen Idee von einer unberührten Natur an. Das sei erstens, so Amir, eine durch und durch bourgeoise Vorstellung, aufgebracht von genau den Menschen, «die es sich leisten konnten, die Natur nicht zu berühren, weil sie nicht in und mit ihr arbeiten mussten». Und zweitens werde dieser Mythos von einer reinen Natur, zu der es sowieso kein Zurück geben kann, längst untergraben – und zwar von den Tieren selbst, die uns umgeben.

Gegen die Reinheitsideen einer Ökopolizei, die «aus der Natur einen moralischen Garten» machen will, schärft Fahim Amir also den Blick für alternative Ökologien, die in den «verschmutzten» Räumen unserer Gegenwart spriessen. So führt er etwa die verblüffende Artenvielfalt ins Feld, die man in urbanen Gebieten und sogar in verseuchten Sperrzonen vorfindet. Er erfreut sich an einer Studie, die nachweisen konnte, dass Singvögel nicht nur ausdauernder singen können, sondern auch ein grösseres Gesangsrepertoire zeigen, wenn sie sich von hormonell verseuchten Kleintieren ernährt haben. Und er zeichnet nach, wie es dazu kam, dass Stadttauben aus politischen Gründen als «Ratten der Lüfte» abgestempelt wurden – eine ideologische Metapher, die nicht so sehr auf hygienischen Standards beruhe, sondern vielmehr mit kommerziellem Interesse und der ordnungspolitischen Säuberung städtischer Konsumzonen zu tun habe: «Nicht weil die Taube schmutzig ist, soll sie aus dem urbanen Raum entfernt werden, sondern weil sie die Raumordnung stört, erscheint sie als schmutzig.»

Amir argumentiert selber nicht immer ganz sauber, aber das sieht man ihm nach, wo er gegen den reaktionären Reinheitskult ja gerade solche «schmutzigen» Ökologien in Stellung bringt. Tierschutz? Das wäre ihm viel zu paternalistisch gedacht. Wer in Tieren vor allem schutzbedürftige Opfer sieht, verkennt ihr Potenzial zur Revolte, das ja nur schon bezeugt wird von dem ganzen Apparat aus Zäunen, Käfigen und Gehegen, die zu ihrer Kontrolle errichtet werden. Jeder Fluchtversuch eines Tiers unterwegs zum Schlachthof, so Amir, sei letztlich eine praktische Kritik an den Verhältnissen. Für ihn gilt es darum, Tiere als «politische Akteure des Widerstands» zu begreifen. Bloss dass Tiere ihren Kampf eben nicht mit Petitionen oder Referenden führen und sich auch sonst nicht an die Etikette zivilgesellschaftlicher Teilhabe halten.

Aber was ist politisch daran? Amir vergleicht das mit brennenden Strassen in der Banlieue, man könnte aber auch an die öffentliche Wahrnehmung von Aktionen wie «Tanz dich frei» erinnern: Nur wer solchen Formen von Protest jeden politischen Gehalt abspreche, weil sie sich nicht in den repräsentativen politischen Horizont einordnen liessen, könne auch die Renitenz von Tieren als «unpolitisch» abtun. Und gerade bei den Schweinen erkennt er eine historische Allianz zur revolutionären Klasse.

Richtig konkret formiert sich diese Allianz bei den New Yorker «hog riots» in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ab 1816 gibt es dort immer wieder politische Bestrebungen, die frei laufenden Schweine in Manhattan per Verbot aus dem Stadtbild zu entfernen – ein Kampf gegen die Schweine, der auch ein Kampf der besseren Kreise gegen die Armen ist, die dank der Tiere einen Teil ihres Auskommens bestreiten.

Über mehrere Jahre hinweg kommt es deswegen immer wieder zu Unruhen. Jeder Versuch, die Schweine zu vertreiben, löst Proteste aus, und in den Zeitungen macht ein neues Feindbild die Runde: Man empört sich über die «schweinische Multitude» in den Strassen. Der Begriff geht auf Edmund Burke zurück, der 1790 die Französische Revolution abschätzig als Aufmarsch einer «schweinischen Multitude» beschrieb. Als diese Metapher nun bei den New Yorker «hog riots» wieder auftaucht, dient sie dazu, die aufmüpfigen Menschen der Unterschicht und die Tiere, für die sie sich starkmachen, zu einer einzigen revoltierenden Macht zu verschmelzen. Ein bürgerliches Phantasma: Das «schweinische» Proletariat verbündet sich mit den Schweinen!

So gesehen waren die New Yorker Stadtschweine selber Teil der Arbeiterklasse, sie standen im Mittelpunkt des Konflikts zwischen herrschender Klasse und Unterschicht. Und wie später bei der Taube spielte man schon bei den «hog riots» die Angst vor Krankheiten aus, um die Tiere politisch auszugrenzen: Als 1832 die Cholera ausbrach, hatte das mit den Schweinen zwar nichts zu tun – aber für die Stadt war die Seuchenpanik eine willkommene ideologische Waffe, um nun endlich auch die Schweine zu vertreiben.

Ist das schon Sodomie?

«Schwein und Zeit» ist keins dieser neueren Bücher zur Tierethik, die mehr Achtsamkeit im Umgang mit der Kreatur predigen. Der Essay mündet zwar in einem Loblied auf Vegetarismus und Veganismus, aber Fahim Amir begründet das gerade nicht mit den einschlägigen Argumenten – also keine Aufforderung zum «gesunden» Leben, kein moralischer Appell zu einem «besseren» Konsum, nicht einmal ein ökologisches Plädoyer für einen schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen (das sei auch nur kapitalistische Buchhalterlogik). Nicht aus Gründen der Ethik oder Ökologie plädiert Amir also für ein veganes Leben, sondern weil er sich von dessen sozialrevolutionären Kräften eine wahrhaft politische Utopie verspricht: einen exzessiven Bruch mit den herrschenden Verhältnissen, einen materiellen und symbolischen Aufstand gegen den Normalzustand.

Man mag ihm hier folgen oder auch nicht – wieso er diesen fundamentalen Bruch mit den Verhältnissen gerade im Veganismus sieht, kann Amir jedenfalls nicht schlüssig darlegen. Am Ende liegt für ihn alles in der Macht des Blicks, es scheidet sich alles an der Frage, wie wir die Welt um uns herum betrachten: mit den Augen der Einverleibung oder als Quelle der Faszination? Beides zusammen schliesst sich für Amir offenbar aus, was dann wieder seltsam undialektisch gedacht ist. Stattdessen bringt er mit dem britischen Ökotheoretiker Timothy Morton die Idee einer ganzheitlichen Solidarität ins Spiel, einer geteilten Humanität, die sich nicht auf die Menschen beschränkt – und die eben gerade nicht auf Askese und Lustverzicht hinauslaufe, sondern darauf, sich «an der Lust des anderen» zu erfreuen.

Etwa so vielleicht, wie das der Bub Jérôme im Roman «Tierreich» vorlebt, wenn er einem Hund arglos einen runterholt? Dieser Junge erfreut sich an der Lust von allem, was ihn umgibt: «Nichts trennt seinen Körper vom Körper der Tiere, den Pflanzen, den Steinen. Er begehrt sie alle gleichermassen.» Pansexuell oder ganzheitlich solidarisch, wo verlaufen da die Grenzen? Nun, dieser Jérôme ist dann doch nicht einfach der reine kindliche Tor, der, unbefleckt von der Ausbeutung der Schweine, ein innigeres Verhältnis zur Natur gefunden hat. An diesem Kind zeigt sich auch, wie durch die Schweinezucht auch die sittlichen Massstäbe verrutscht sind.

Wie könne man nur wissen, was gut und was böse ist, so fragt sich der Bub. «Warum ist es nicht böse, Tiere zu schlagen, ihnen ganze Stücke aus ihrem Fleisch zu reissen, ihren Schädel an einer Mauer zu zertrümmern oder sie in einem Eimer zu ertränken, und warum ist es böse, ihnen Lust zu bereiten …?» Und wenn die Männer dem Zuchteber helfen, das Weibchen zu besteigen, wenn sie dabei, halb auf dem Rücken des Ebers liegend, sein Glied fassen und es ins Geschlecht der Sau einführen, sieht es aus, «als wären sie es, die mit den weiblichen Tieren kopulieren, anstelle des Ebers». Ist das noch Schweinezucht oder schon Sodomie? Da muss man sich nicht wundern, wenn sich der kleinste Spross vom Alltag im Stall inspirieren lässt.

Halt sehr französisch, dieser Roman: Selbst in der Schweinemast lauert hier immer auch der Sex. Jenseits solcher fleischlicher Übergriffe findet man in «Tierreich» aber noch ein anderes Motiv, das vielleicht doch eine Ahnung gibt, wie diese solidarische Humanität aussehen könnte, von der bei Fahim Amir die Rede ist. Immer wieder geht hier der Blick in die Pupillen der Tiere. Das kleine Kalb, die Schweine im Stall, eine Ringelnatter im Teich: In jedem tierischen Auge sehen die Menschen im Roman ihr eigenes Antlitz gespiegelt. Das wirkt anfänglich etwas manieriert, wie ein literarischer Trick, geliehen aus dem Kino. Später im Buch aber bekommt dieser Kniff ein Gewicht, als der alte Bauer, schon halb dem Wahn verfallen, seinem erwachsenen Sohn den Raum beschreibt, der sich eröffnet, wenn er in die Pupillen seiner Schweine blickt: «Du siehst dich darin, aber du siehst noch etwas anderes, etwas, was darunter zuckt, als ob … Als ob du auch so sehen könntest, wie sie dich sehen, mit ihren Tieraugen.» Albernes Zeug, denkt sich der Sohn, der es nicht gewohnt ist, dass sein Vater so mystisch daherredet.

Albern, vielleicht, und auch ein bisschen kitschig. Aber vielleicht birgt diese Beobachtung doch die Voraussetzung für einen anderen Blick. Und für eine neue, solidarische Ordnung zwischen Mensch und Tier. Sich solidarisch an der Lust des anderen zu erfreuen: Das könnte ja vielleicht auch heissen, dass ich das Kotelett vom angeblich glücklichen Schwein in meinem Teller mit der Hauskatze oder dem Stadtfuchs teile, die um meinen Tisch streunen.

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