Nr. 27/2019 vom 04.07.2019

«Historischer Durchbruch»

Immer mehr Versicherungsgesellschaften reduzieren ihre Geschäfte mit Kohleunternehmen. Sie beugen sich einer weltweiten Kampagne von KlimaschützerInnen und dem Druck Kaliforniens. Weitere Schritte müssen folgen.

Von Daniel Stern

Es wird immer teurer für die Versicherungen: Waldbrand im November 2018 in Kalifornien. Foto: Gene Blevins, Reuters

Am Montag war Chubb an der Reihe. Eine der grössten Versicherungsgesellschaften der Welt kündigte an, dass sie künftig keine neuen Kohlekraftwerke und -minen versichern wolle. Zudem werde sie die Geschäftsbeziehungen mit Firmen beenden, die mehr als dreissig Prozent ihrer Einkünfte im Kohlegeschäft erzielten.

Chubb gilt als US-Versicherung, auch wenn sie ihren Hauptsitz in Zürich hat. Ihre Ankündigung kam, just nachdem die Zurich-Versicherung – ebenfalls ein Schwergewicht in der Branche – eine Woche zuvor eine noch weitreichendere Erklärung abgegeben hatte: Neben dem Ausstieg aus dem Kohlegeschäft sowie weiteren besonders klimaschädigenden Bereichen will sich Zurich aktiv dafür einsetzen, die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad zu beschränken.

Es geht derzeit Schlag auf Schlag: Zumindest die westlichen Versicherungen verabschieden sich nach jahrelangem Zögern jetzt plötzlich schon fast im Eiltempo aus dem dreckigen Kohlegeschäft – und bekennen sich zum Klimaschutz. Was ist passiert?

Peter Bosshard verfolgt die Aktivitäten der Versicherungsbranche seit längerem. Der frühere Mitarbeiter der Schweizer Entwicklungsorganisation Erklärung von Bern (heute Public Eye) arbeitet für die australische Umweltorganisation Sunrise Project in der internationalen Kampagne Unfriend Coal mit. «Die Ankündigung von Chubb ist ein historischer Durchbruch», sagt er. «Das wird den Druck auf die anderen US-Versicherungen erhöhen und das Ende der Kohle beschleunigen.» Bislang kamen die Ankündigungen vor allem von den europäischen Versicherern.

Die WOZ erreicht Bosshard per Skype in Beijing, wo er derzeit versucht, die Kampagne auch auf den chinesischen Markt auszuweiten. China sei ein schwieriges Pflaster. Mit den Versicherungsunternehmen selber habe er bislang nicht reden können. «Ziel muss es vorerst sein, dass die Chinesen nicht in die Lücke springen, die die anderen Versicherungen hinterlassen.»

Und die Banken?

Das Verbrennen von Kohle gilt als grösster Treiber des Klimawandels. Dabei wären viele Kohlekraftwerke dank immer günstigerer Wind- und Solaranlagen schnell zu ersetzen. Doch ganz im Gegenteil sind laut Umweltorganisationen weltweit Hunderte von zusätzlichen Kohlekraftwerken bereits im Bau oder in Planung. Mit Druck auf die Versicherungsunternehmen soll das gestoppt werden. Denn diese spielen in diesem Geschäft eine Schlüsselrolle. Ohne Versicherung kann keine Kohlemine betrieben werden und kein Kohlekraftwerk laufen. Zudem gehören die Versicherungen neben den Pensionskassen zu den weltweit grössten Investoren. Wenn sie ihr Kapital aus den Kohlefirmen abziehen, kann das diese entscheidend schwächen.

«Die Versicherungen sind für Klimakampagnen tiefhängende Früchte», sagt Asti Roesle, Campaignerin von Greenpeace Schweiz. «Man muss ihnen nichts vom Klimawandel erzählen, die wissen sehr genau, was läuft.» Im Gegensatz dazu seien die Banken – mit ihren Krediten und Kapitalbeschaffungsaktionen ebenso wichtig für die fossile Industrie – viel abweisender. Die Versicherungen spürten die Erderhitzung ganz direkt in Form von höheren Schadenssummen.

Umso erstaunlicher, dass sich die so auf Voraussicht bedachten Unternehmen erst seit wenigen Jahren bewegen: Noch Mitte 2017 wollte die Zurich-Versicherung nichts von Ausschlussaktionen gegenüber der Kohleindustrie wissen. Ein Sprecher sagte damals der WOZ, dass man sie vielmehr im Gespräch davon überzeugen wolle, ihren Treibhausgasausstoss zu reduzieren (siehe WOZ Nr. 27/2017). Ein halbes Jahr später machte Zurich eine Kehrtwende. Wer die Hälfte seines Umsatzes mit Kohle erwirtschafte, werde nicht mehr als Kunde akzeptiert, hiess es.

Mit ihrer neusten Erklärung hat Zurich diese Politik nochmals stark verschärft. Wie bei Chubb sind nun bereits dreissig Prozent Umsatz im Kohlegeschäft ein Ausschlusskriterium. Firmensprecher Thomas Baer nennt als Grund für die Verschärfung, dass «die Fortschritte bei der Erreichung der Ziele des Pariser Klimaabkommens zu langsam vorangehen». Der Bericht des Uno-Klimarats vom Oktober 2018 habe aufgezeigt, dass eine starke Reduzierung des Kohleeinsatzes erforderlich sei.

Was Roesle von Greenpeace besonders freut: Die Zurich-Versicherung will neben Kohleunternehmen auch viele Betriebe im besonders dreckigen Geschäft mit Teersand und Ölschiefer ausschliessen. Sie sei in Sachen Klimaschutz nun zusammen mit Swiss Re «führend in der Branche», sagt Roesle.

Kalifornien will Klarheit

Eine grosse Rolle beim Druck auf die Versicherungen spielt auch der Bundesstaat Kalifornien – der weltweit sechstgrösste Versicherungsmarkt. Seit 2016 müssen dort grosse Versicherungen angeben, wie viel Kapital sie in der fossilen Industrie insgesamt und wie viel speziell in der Kohleindustrie investiert haben. Zudem sind sie von Kalifornien aufgefordert worden, «freiwillig» aus dem Geschäft mit Kohle auszusteigen. «Das war ein Paukenschlag», sagt Peter Bosshard, und habe das Thema in die Chefetagen getragen. Das Beispiel Kalifornien zeigt, dass einzelne Staaten und Länder in der Lage wären, mehr Druck auf die Finanzindustrie aufzubauen – wenn sie denn wollten.

Unfriend Coal verlangte kürzlich, dass Kalifornien seine Transparenzbestimmungen weiter verschärft. So sollten die Versicherungen künftig auch angeben müssen, wie hoch das Total der Versicherungsprämien ist, die sie mit den fossilen Unternehmen ausgehandelt haben. Doch mit dieser Forderung ist die Kampagne bislang nicht durchgedrungen. Dafür gelang es Unfriend Coal, die kalifornische Stadt San Francisco dazu zu bewegen, den Druck auf die Versicherungsbranche weiter zu erhöhen. Die Stadt will gemäss einem im letzten Jahr gefällten Beschluss künftig keine Verträge mehr mit Versicherungen abschliessen, die nicht Schritte unternehmen, um aus dem Kohle- und Teersandgeschäft auszusteigen. Weitere Städte sollen dem Beispiel folgen, hofft Bosshard.

Dass die Versicherungen derzeit vorab wegen ihres Kohlegeschäfts unter Druck gesetzt werden, bezeichnet Bosshard als «Taktik» der Umweltorganisationen. Hier könne man am meisten bewirken. «Später werden wir die Kampagne aber ausweiten», sagt er.

Denn klar ist: Um die Erderhitzung aufzuhalten, muss auch die restliche fossile Industrie gestoppt werden. Ansonsten werden Kohlekraftwerke einfach durch Gaskraftwerke ersetzt, was für das Klima nicht viel besser ist. Denn die Versicherungen zeigen bislang kein Interesse, von alleine aus diesem Geschäft auszusteigen. Zurich-Sprecher Baer schreibt dazu: «Fossile Brennstoffe werden noch Jahrzehnte Teil des Energiemixes bleiben.»

Finanzplatz Schweiz

Runter vom fossilen Trip

Für die SP Schweiz ist klar: Den Banken soll es künftig verboten werden, «Kredite oder andere Finanzierungsvehikel» für die Erschliessung oder Förderung fossiler Energien zu gewähren. Die SP will damit Öl-, Gas- und Kohleunternehmen den «Finanzhahn zudrehen». Dies ist eine Kernforderung, die im Marshallplan der Partei zur Klimakrise genannt wird, der am Dienstag vorgestellt wurde. Schliesslich sollen die Banken nicht die Ziele des Milliardeninvestitionsprogramms torpedieren, das die SP vorschlägt. Dieses soll die Schweiz bis zum Jahr 2050 sozialverträglich auf einen Treibhausgasausstoss von netto null herunterbringen.

Tatsächlich spielt der Schweizer Finanzplatz eine verheerende Rolle in Sachen Klimaerhitzung. Die Gelder der Pensionskassen, der Versicherungen und der Banken, die in die fossile Industrie investiert werden, tragen laut einer Studie des Bundesamts für Umwelt zu einer Erderwärmung von vier bis sechs Grad bei. Doch von «Verbot» wollte bislang kaum jemand sprechen.

Auch in der EU, in Sachen Klimaschutz weiter als die Schweiz, will man primär positive Anreize setzen. So hat sich die EU-Kommission im März 2018 auf einen Aktionsplan geeinigt, mit dem das «nachhaltige Investieren» gefördert werden soll. Aus diesem Grund soll in der EU künftig gesetzlich definiert werden, was «nachhaltig» ist. Zudem wird die Finanzindustrie dazu verpflichtet, die Bedürfnisse der KundInnen in Bezug auf Nachhaltigkeit zu eruieren und die Beratung darauf auszurichten.

Matthias Betsche vom Beratungsunternehmen LCR Services glaubt, dass diese neuen Regeln viel bewirken werden: «Es werden Anreize gesetzt, das Kapital weg von klimaschädigenden Projekten zu leiten. Profitieren werden Unternehmen, die dem Klima guttun.» Ausserdem müssen Vermögensverwalter (wie Banken) und institutionelle Anleger (wie Pensionskassen und Versicherungen) künftig nachweisen, inwieweit ihre Investitionen den Nachhaltigkeitszielen förderlich sind.

Rechtsanwalt Betsche berät Firmen und Umweltorganisationen wie den WWF. Er ist Präsident von Pro Natura Aargau und Nationalratskandidat der Grünliberalen. Die neuen EU-Regeln haben laut Betsche auch den Druck auf die Schweiz erhöht. Tatsächlich hat der Bundesrat vergangene Woche angekündigt, dass eine Arbeitsgruppe die Auswirkungen des EU-Aktionsplans auf die Schweiz prüfen soll. Von neuen Gesetzen will er allerdings vorerst nichts wissen: Die Arbeitsgruppe soll vielmehr auf eine Branchenvereinbarung mit den Finanzakteuren hinwirken. Ziel sei es dabei, mehr Transparenz und eine Art Selbstverpflichtung zu erreichen.

Klar ist: Die Finanzindustrie wird sich gegen neue Regulierungen wehren – gegen Verbote sowieso. So schrieb die Bankiervereinigung kürzlich, dass nachhaltiges Anlegen schon heute eine «strategische Priorität» des Finanzplatzes sei. Doch die Banken investierten nicht eigenes Geld, sondern verwalteten Kapital «im Auftrag ihrer Anleger» und seien an deren Anweisungen gebunden. Es gehe dabei darum, die «grösstmögliche Rentabilität zu erzielen und nicht am klimafreundlichsten anzulegen».

Daniel Stern

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