Nr. 29/2019 vom 18.07.2019

Heraus zum 1. August!

Stefan Gärtner entwirft eine viel beachtete Rede zum Nationalfeiertag

Von Stefan Gärtner

Liebe Schweizerinnen, liebe Schweizer

Sieht man wachen Blicks auf unser herrliches Land, fällt einem so vieles auf: die gut gesicherten Grenzen; die pünktlich verkehrenden Züge; die Waffenschmieden, die in aller Welt Frieden schaffen; unser modernes Frauenwahlrecht; die Tatsache, dass, fügt man die populären Namen Ruedi (z. B. Widmer) und Reto zusammen, sich unweigerlich und wie von der Vorsehung bestimmt «Ruetli» ergibt, also (fast) genau der Name jenes Schwurs, den so viele Schweizerinnen und Schweizer auf Verlangen, ja sogar gegen Geld und im Fernsehen hersagen können: «Wir wollen sein ein einzig Volk von bla, bla, bla», und darum geht es heute, muss es heute gehen: um unsere Einigkeit. Darum, dass wir alle Brüder und Schwestern sind, überdies Eltern, Opas und alte Tanten (NZZ). Und dass wir es gern sind, mit stolzer Brust und hartem Kinn. Wir, das Schweizervolk, wie es stand und immer stehen wird hinter den Farben der Nation: Rot für das Blut, das wir jederzeit für unser Land vergiessen wollen, Weiss für die Milch, aus der Schoggi und Käse sind, ein Kreuz, weil es ein Kreuz ist mit allen, die unsere nationale Eigenart nicht respektieren, unsere Kultur und unser Recht auf Selbstbestimmung, auf Recht und Freiheit und das Recht, so etwas vollkommen Idiotisches wie die SVP nicht nur zu erfinden, sondern auch noch zu wählen.

Die Schweiz, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist so viel mehr als nur ein Land. Sie ist auch ein Gemeinwesen und ein Staat (zusammen: Gstaad!), geachtet und respektiert von vielen nationalen und internationalen Gremien. Die Schweiz, um es mit einem Wort zu sagen, ist unsere Heimat. Heimat, ein Wort, das viele – zu viele! – nicht mehr hören wollen und das auszusprechen wahrlich Todesmut erfordert. Doch hat es einmal unsere Zunge verlassen, so merken wir, wie wir es wieder und immer wieder rufen wollen, ja rufen müssen: Heimat! Heimat! «Heimat», so schrieb schon unser grosser Dichter Gottfried Keller, «ist, wenn bla, bla, bla», und das wird man doch auch heute noch sagen dürfen, gerade heute, wo sich dem Ansturm des Heimatfremden ausser unserer grössten Volkspartei und einer weltberühmten Tageszeitung niemand mehr entgegenstemmt. Wo alles nur mehr international sein will und nicht Interlaken, wo die Jungen nicht mehr gern in Bern sind und die Alten in Olten sitzen. Als wäre ein Sommer in Winterthur nicht schöner als ein Winter in Sömmerda (Thüringen)! Schon wegen der ganzen Nazis, für die man doch nun wirklich nicht ins Ausland reisen muss.

Heimat, um den berühmten deutschen Dichter Knut Tucholsky zu variieren, hängt an vielen Tausend Kleinigkeiten: dass der Cappuccino zehn Stutz kostet; dass das Licht eines Polizeischeinwerfers, der in eine illegale Versammlung Linker und Asozialer fährt, so und nicht anders schimmert; dass die Zürcher Luft nach Moncler-Jacken und Schliessfach schmeckt. Aber Heimat ist, was wir daraus machen, sie will täglich neu erfahren sein (SBB-Halbtax). Die Schweiz ist nicht nur eine Villennation, sie ist auch eine Willensnation, angetrieben von der unbeugsamen Entschlossenheit, noch die schlechtesten Wortspiele mit Zeilenhonorar zu bedenken, mit einem Zeilenhonorar, das in Afrika, diesem grossen, von Glencore, Nestlé und Fifa entwickelten Kontinent, ganze Familien über die lange Trockenzeit brächte.

Und apropos, meine sehr verehrten Mitschweizerinnen und Mitschweizer: Burundi ist die Schweiz Afrikas, Uruguay die Schweiz Lateinamerikas. Wo aber liegt die Schweiz Europas, wenn sie, da sind wir uns alle einig, nicht in Europa liegt? Die Antwort ist simpel: Sie liegt in unseren Herzen. Im Herzen von Reto und Ruedi, von Luzia und Erna (= Luzern!), und hätte Eric Gujer ein Herz, es wäre ganz gewiss die Schweiz darin.

Mit Wilhelm Tell zu schliessen: «Bla, bla, bla!» – Das Buffet ist eröffnet.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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