Nr. 33/2019 vom 15.08.2019

Eigenständig – und doch nicht

Von Valerio Meuli

«Trojanisches Pferd voller / Faulpelze Anarchisten Melancholiker», so beschreibt Jovan Nikoli seinen eigenen Körper. Er tut das, was alle LyrikerInnen tun, deren Gedichte momentan in der Ausstellung «Gedicht/Gesicht» im Zürcher Strauhof zu lesen sind: Er schreibt über sich selbst. Das Setting, in dem diese Selbstbetrachtungen zu lesen sind, ist ganz einfach aufgebaut: Holztafeln, die sich drehen lassen und beidseitig bedruckt sind. Auf der einen Seite schwarz-weisse Porträts der DichterInnen, auf der anderen deren Gedichte. Die Porträts stammen vom Fotografen Dirk Skiba. Skiba fotografierte in den letzten Jahren verschiedene LyrikerInnen und sammelte die Bilder in seinem Buch «Das Gedicht & sein Double», das den Anstoss zur Ausstellung gab.

Die Ideen hinter der Ausstellung: Die Fotografien sollen wie die Gedichte als eigenständige Kunstform wahrgenommen werden. Dennoch wird durch die drehbare Tafel ein unmittelbarer Zusammenhang hergestellt und das Wechselspiel zwischen Poesie und der dahinterstehenden Person thematisiert. So macht die Ausstellung erfahrbar, wie schwierig eben die Betrachtung von Texten losgelöst von den schreibenden Personen ist, hinterfragt, ob dies möglich – oder überhaupt wünschenswert ist. Die KuratorInnen schaffen es, auf einfachste Weise Spannung im Ausstellungsraum zu erzeugen. Wer ein Gedicht auf den Holztafeln liest, möchte wissen, wie der Mensch aussieht, der es geschrieben hat. Und umgekehrt.

Auch einen praktischen Nutzen hat die Ausstellung: Sie macht auf neue Namen aufmerksam, bietet jungen LyrikerInnen eine Plattform. So stammt zum Beispiel eines der spannendsten Gedichte von Sirka Elspass, der jüngsten der Porträtierten. Das Gedicht ist eines von wenigen, die das eigene Ich nicht be-, sondern umschreiben: «Es gibt einen trick / was ich nicht fühlen kann / das wird ein ort».

«Gedicht/Gesicht» in: Zürich, Museum Strauhof. Bis zum 15. September 2019.

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