Nr. 33/2019 vom 15.08.2019

Was hat Tourismus mit Basketball zu tun?

Der italienische Soziologe Marco d’Eramo erklärt, welche Bedeutung die Reisebranche für die Weltwirtschaft hat – und warum erst die Industrialisierung den Massentourismus ermöglichte.

Von Daniel Hackbarth (Interview) und Simone Tramonte (Foto), Rom

«Die Neoliberalen mögen den Tourismus auch nicht, weil sie ja bezahlten Urlaub nicht mögen»: Marco d’Eramo in seinem Arbeitszimmer.

WOZ: Herr d’Eramo, ökonomisch betrachtet hat der Tourismus atemberaubende Dimensionen erreicht. In Ihrem Buch «Die Welt im Selfie» zitieren Sie die Weltorganisation für Tourismus, laut der sich die Erträge aus dem internationalen Reisegeschäft allein im Jahr 2016 auf 1,4 Billionen US-Dollar beliefen. Ist der Tourismus heute der weltweit wichtigste Wirtschaftszweig?
Marco d’Eramo: Da muss man präzise sein: Das Entscheidende am Tourismus ist seine spezifische ökonomische Funktion, er befeuert nämlich die anderen Industrien. Er nimmt eine vergleichbare Stellung wie der Spielmacher im Basketball ein, dessen Aufgabe es ist, den Ball zu verteilen. So hängt vom Tourismus etwa die Flugzeugbranche ab, von der wiederum die Elektronikhersteller abhängen, und so weiter. Ohne Tourismus würden womöglich auch nur halb so viele Autos verkauft werden. Gleichzeitig repräsentiert er das andere Gesicht der Globalisierung.

Wie meinen Sie das?
Nun, es ist kein Zufall, dass der Beginn des Tourismus mit dem zusammenfällt, was der Politikwissenschaftler Benedict Anderson als die «frühe Globalisierung» bezeichnet hat, nämlich die Globalisierungsprozesse im 19. Jahrhundert. Damals begann man beispielsweise, unter dem Meer Telegrafenkabel zu verlegen. Es handelte sich wie beim Internet heute um ein den Globus umspannendes Netz – ein Netz im streng physischen Sinne sogar. Damals vollzog sich ja auch die industrielle Revolution, was wiederum das Reisen enorm vereinfachte. Vor allem die Erfindung der Dampfmaschine, die ja auch die Seefahrt revolutionierte, war hierbei entscheidend.

Also erst die Industrialisierung ermöglichte den Tourismus?
Ja. Man vergisst heute leicht, wie gefährlich das Reisen in früheren Jahrhunderten war: Die Leute, die zu einer Reise aufbrachen, waren sich sehr wohl darüber im Klaren, dass sie möglicherweise nicht zurückkehren würden. Man war weit davon entfernt, das Reisen als vergnügliche Freizeitaktivität zu begreifen, sondern empfand es als riskantes Unterfangen. Neben der industriellen bedurfte es zur Entstehung des Tourismus aber noch einer sozialen Revolution …

… Sie meinen, dass sich die Menschen erst einmal Freizeit erkämpfen mussten, ehe sie zu Touristen werden konnten?
Ja, aber nicht nur Freizeit, sondern bezahlte freie Zeit. Auch hier muss man sich klarmachen, was das eigentlich bedeutet, weil uns heute bezahlter Urlaub selbstverständlich ist. Aber man darf nicht vergessen, dass niemals zuvor in der menschlichen Geschichte die Werktätigen bezahlte Freizeit hatten. Das musste erst in langwierigen sozialen Kämpfen erstritten werden, an deren Ende dann die Wohlfahrtsstaaten des 20. Jahrhunderts standen.

Wenn wir schon beim Konflikt von Arbeit und Kapital sind: Es fällt auf, dass Sie in Ihrem Buch das Wort «Neoliberalismus» nicht verwenden.
Nein, das tue ich nicht. Die Neoliberalen mögen den Tourismus auch nicht, weil sie ja bezahlten Urlaub nicht mögen.

Aber es bietet sich doch an, von Neoliberalismus zu sprechen, wenn sich öffentlicher Raum in private Konsumzonen verwandelt – etwa wenn ein ganzes Stadtviertel zu einem Freizeitpark für Urlauber wird.
Na ja, Neoliberalismus und Tourismus widersprechen sich schon. Errungenschaften wie bezahlter Urlaub oder eine angemessene Altersversorgung sind alles andere als von neoliberalem Geist – ein grosser Teil der Touristen sind ja Pensionierte. Folglich gäbe es in einer total neoliberalen Welt keinen Tourismus, oder dieser wäre nur einer kleinen Minderheit vorbehalten. Die Privatisierung von öffentlichem Raum vollzieht sich aber auch, wie Sie selber wissen, ganz unabhängig vom Tourismus. Und vor allem darf man nicht die Touristen mit dem Tourismus gleichsetzen.

Wie meinen Sie das?
Nun, wenn man die Touristen für die Übel des Tourismus verantwortlich machen würde, wäre das genauso, als würde man dem Fabrikarbeiter alle negativen Begleiterscheinungen industrieller Produktion anlasten. Das ist einfach nicht richtig. Überhaupt sind die Urlauber gewissermassen die Arbeiter der Tourismusindustrie, nicht deren Profiteure oder Ausbeuter. Deswegen bereitet mir diese wohlfeile Kritik des Tourismus auch solches Unbehagen, dabei schwingt viel Verachtung für die unteren Klassen mit.

Inwiefern?
Denken Sie an die Debatten im Bildungswesen: Genauso wie die Ausweitung des Tourismus für dessen Qualitätsverlust verantwortlich gemacht wird, heisst es auch in der Bildung, dass die Eröffnung von Bildungsmöglichkeiten für breite Bevölkerungsschichten zum Verfall der Schulen und allgemeiner Ignoranz geführt hat. Es handelt sich in beiden Fällen um Veränderungen, die erst durch Klassenkämpfe erzwungen wurden. Und in der Kritik dieser Errungenschaften schwingt hier wie dort die elitäre Idee mit, dass das Erkämpfte eigentlich den wenigen Würdigen vorbehalten bleiben sollte.

Vor seiner Laufbahn als Journalist und Buchautor studierte Marco d’Eramo (72) an der Universität La Sapienza in Rom Physik.

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