Nr. 33/2019 vom 15.08.2019

Spielt mit uns!

Tommy Lobo machen Rap mit Hardcore-Attitüde und damit viel Spass. Erst recht, wenn man sie sich live anschaut.

Von Alice Galizia

Kraft und Verletzlichkeit: Zooey Agro und Tomas Hohler alias Tommy Lobo.

Tommy Lobo sind eine seltsame Band. Was machen diese beiden, Zooey Agro und Tomas Hohler, da eigentlich genau? «Ich hätte immer am liebsten in einer Hardcoreband gespielt», sagt Zooey Agro, Rapperin des Duos, obwohl sie die Musik gar nicht so besonders möge. «Aber die Art, wie du da mit dem Publikum Kontakt hast, in die Leute reinbouncen, ihnen ins Gesicht schreien kannst: Das gefällt mir.» Tommy Lobo ist keine Hardcoreband, aber was dann? Irgendwie Rap, könnte man sagen, mit wilden elektronischen Beats von Hohler und wildem, manchmal fast atemlosem Sprechgesang von Agro. Beats und Text schubsen einander vorwärts, scheinen sich gegenseitig anzutreiben. Geballte Energie, dass es einen durchschüttelt.

Tommy Lobo entstand 2016 in Bern, als Nebenprojekt der beiden viel beschäftigten MusikerInnen. Anfangs schickten sie sich Beats und Text hin und her, bis daraus irgendwann Songs entstanden. 2018 erschien ihr erstes Album, «Tommy Lobo», das Cover krakelig dem Tommy-Hilfiger-Logo nachempfunden. Ein kurzes Album, in das man reingeworfen und bald wieder ausgespuckt wird. Wütend klingt es mit seinen harten Beats, die Agro auch mal mit einem trockenen «this is boring» abkanzelt, um die Beats dann noch härter werden zu lassen. Hört man etwas genauer auf die Texte, scheinen die zwei aber vor allem sehr viel Spass zu haben. Zeilen wie auf dem Track «Playboy» jedenfalls sind eine Freude: «see: I play with your feelings. Y’all only play with my clit.» Zooey Agro spielt mit euren Gefühlen, ihr alle höchstens mit ihrer Klitoris.

Lieber im Liegen

Ein Spiel scheint Tommy Lobo auch ihre Liveperformance zu sein, die wahrscheinlich am meisten über diese Band aussagt. Am Berner Musikfestival Ostfest etwa. Da stehen die ZuschauerInnen auf der Bühne und auch sonst überall im kleinen Kellerraum verteilt. In einer Ecke steht Hohler, der eine Weile allein auflegt – ist das jetzt noch der DJ von vorhin, oder hat das Konzert schon angefangen? Dann löst sich Agro aus der Menge, ein kleiner Kreis entsteht um die beiden. Die Wand zwischen Publikum und KünstlerInnen, sie ist von Anfang an brüchig. «Die ersten beiden Konzerte haben wir auf der Bühne gespielt, aber das funktioniert für uns eher schlecht», sagt Agro.

Zwar würden einige Leute mit dem Rücken zur Soundanlage stehen, aber für das Raumgefühl lohne sich das definitiv. So richtig bühnentauglich tanzen, das könne sie eh nicht. Tatsächlich wirft sie sich eher hin und her und ins Publikum hinein, sie treibt es an und damit auch sich selbst: Irgendwo scheint in dieser Musik eben doch ein wenig Hardcore drin zu sein. Es gibt aber auch die ruhigen Momente, in deren schönsten Agro sich ausgestreckt auf den Boden legt und das Publikum auffordert, es ihr gleichzutun: ein Gewühl von Körpern im engen, dunklen Kellerraum. Der Boden vibriert, viele haben die Augen geschlossen. «Anfangs hab ich das einfach allein gemacht. Aber die Musik klingt so lustig von da unten, da wollte ich, dass die Leute das auch miterleben.» Sie hoffe nur, dass es nicht zum Gimmick verkomme; aber da sorgt sie sich wohl umsonst. Die Leute im Keller folgen ihr jedenfalls bereitwillig, der Moment fügt sich ganz selbstverständlich ins Konzert ein.

In diesem Zusammenspiel von Kraft und Verletzlichkeit liegt vielleicht die Stärke eines Auftritts von Tommy Lobo. Beide Seiten schwingen mit, wenn sich Agro mit voller Wucht ins Publikum wirft, aber auch dann, wenn sie mit geschlossenen Augen langsam durch die Menge geht. So spielt sie mit dem Machtgefälle zwischen Künstlerin und Zuschauer: Indem sie zwar bestimmt, was geschieht, sich aber auch ein Stück weit ihrem Publikum hingibt.

Ein Rapwaisenkind

Gerade arbeiten Hohler und Agro an neuen Tracks, zwischen Bern und Berlin, wo Agro nun wieder lebt. Die Deutschkanadierin ist in Kreuzberg aufgewachsen. 2020 soll das nächste Album erscheinen – «Ich bin eine sehr langsame Songwriterin», sagt sie. Die Texte schreibe sie in der Regel so, dass sie sich die Performance darin schon vorstelle. So bleibe mehr Platz für Unseriöses, für Dinge, die einfach gut oder lustig klingen würden. «Trotzdem habe ich eine klare politische Haltung und hoffe, dass die trotz aller Anspielungen und doppelter Böden auch rüberkommt.»

So machen Tommy Lobo auf eine ganz eigene Art und Weise auch irgendwie Battle-Rap, selbstbewusst, aber ohne die Ironie zu verlieren: «like ol bambi ain’t no mother to my style / rap orphan running wild» – das Rapwaisenkind mit eigenem Style, wie Bambi ohne Mutter. «I’m a playboy», singt Zooey Agro einmal. Und vielleicht ist das zumindest ein Teil der Antwort auf die Frage, was Tommy Lobo da eigentlich machen: Sie spielen nicht nur für sich, sie spielen mit uns.

Tommy Lobo live in Basel, Humbug, 6. September 2019 (mit Dave Eleanor); St. Gallen, Schwarzer Engel, 7. September 2019; Bern, Rössli, 18. September 2019 (mit Roger F. and the Structure); Frauenfeld, Kaff, 20. September 2019 (mit Dave Eleanor); Zürich, Gamut Festival, 21. September 2019.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch