Nr. 34/2019 vom 22.08.2019

Systematische Verschmutzung

Das Grundwasser ist gefährdet. Das zeigt eine neue Studie des Bundesamts für Umwelt. Verantwortlich ist die Landwirtschaft. Einfache Lösungen gibt es jedoch nicht.

Von Florian Wüstholz

Zu viele Tiere: Der importierte Stickstoffüberschuss landet über die Gülle im Boden und dann als Nitrat im Grundwasser. Foto: Florian Bachmann

Dem Grundwasser in der Schweiz geht es nicht gut. Vor allem im Mittelland finden sich darin flächendeckend zu viel Nitrat und Rückstände von Pestiziden. Das verdeutlicht eine letzte Woche vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) veröffentlichte Studie. Sie gibt Auskunft über den Zustand des Grundwassers über die letzten zehn Jahre. Das Resultat: An vierzig Prozent der Messstellen im landwirtschaftlich intensiv genutzten Mittelland waren die Nitratwerte zu hoch. Rückstände von Insektiziden, Fungiziden und Herbiziden – sogenannte Metaboliten – fanden sich sogar an jeder zweiten Messstelle. Die «Hauptquelle für die grossflächige Belastung des Grundwassers mit diesen Stoffen ist die intensive Landwirtschaft», bilanziert der Bericht.

Sind die BäuerInnen also alleine schuld? Aufgrund der Komplexität von Direktzahlungen, Nährstoffkreisläufen, Umweltzielen, Forderungen von Grossverteilern und Erwartungen von KonsumentInnen ist das zu kurz gedacht. «Die Bauern bemühen sich, im Rahmen der Strukturen und wirtschaftlichen Erwartungen das Beste zu erreichen», sagt Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL). «Wir müssen viel eher die Ursachen identifizieren, die die Landwirte diesem Intensivierungsdruck aussetzen.»

Verschmutzung über Jahre

Die strukturellen Ursachen werden zum Beispiel beim grossflächigen Einsatz von Pestiziden deutlich. BäuerInnen berichten, dass bereits einzelne faule Kartoffeln mitunter dazu führen, dass ganze Ernten von Grossverteilern abgelehnt werden. Und wenn die gewünschte Grösse und Form nicht erreicht wird, müssen BäuerInnen mit finanziellen Einbussen rechnen (siehe WOZ Nr. 29/2019). Im Laden soll nur makelloses und normiertes Gemüse landen – das erhöht die Marge. Kein Wunder, setzt die Landwirtschaft auf Gifte.

Mit dem «Aktionsplan Pflanzenschutz» versucht der Bund zwar seit 2017, deren Einsatz zu reduzieren – auch um das Grundwasser zu schützen. Ob das jedoch Wirkung zeigt, verrät die Studie nicht, denn sie berücksichtigt bloss Daten bis 2016. Doch selbst bei einem sofortigen Verbot von Pestiziden dürfte es noch Jahrzehnte dauern, bis deren Metaboliten aus dem Grundwasser verschwinden.

«Grundwasser ist eine Ressource, die sich sehr langsam regeneriert», erklärt Juliane Hollender vom Wasserforschungsinstitut Eawag, das an der Studie beteiligt war. «Was wir heute ins Grundwasser geben, wird noch nach Jahren dort sein.» So fand Hollender noch immer vielerorts das bereits seit 2007 verbotene Herbizid Atrazin und dessen Metaboliten. In den letzten Jahren war auch keine Verbesserung bei den Pestiziden sichtbar. Im Gegenteil: Bessere Messmethoden deckten noch mehr Rückstände auf, deren Auswirkungen auf Mensch und Umwelt noch zu wenig erforscht sind. Entsprechend fordert Hollender eine bessere Registrierung und Erforschung von Pestiziden – und allenfalls deren sofortiges Verbot.

Nitratbilanzen

Während das Ausmass der Verschmutzung durch Pestizide bisher wenig untersucht war, ist das Nitratproblem nicht neu. Seit Jahren gibt es in der Schweizer Landwirtschaft einen konstanten Stickstoffüberschuss. Die Ursache dafür liegt bei den vielen Tieren, die zur Hälfte mit importiertem Futter gefüttert werden. Anschliessend landet die Gülle mit dem so importierten Stickstoff auf den Feldern.

Würde weniger Dünger also zu weniger Nitrat im Grundwasser führen? So einfach ist es nicht. «Nitrat ist wasserlöslich und wird bei Niederschlag aus dem Boden ausgeschwemmt», erklärt Samuel Vogel vom Bundesamt für Landwirtschaft. «Das geschieht im Ackerland, vor allem im Gemüseanbau, viel stärker als im Grasland, weil der Boden öfter unbedeckt ist.» Trotzdem hat der Bund die Reduktion der Stickstoffeinträge im Jahr 2008 als eines von siebzehn Umweltzielen für die Landwirtschaft definiert. Erreicht wurde es bis 2016 nicht einmal zur Hälfte. Auch die restlichen Ziele wurden nicht erreicht – ein schlechtes Zeugnis für die Wirksamkeit der Agrarpolitik.

«Die Politik unterstützt dieses System mit Direktzahlungen, und wir bezahlen es mit unseren Steuern. Das muss sich ändern», fordert Franziska Herren, Initiantin der Trinkwasserinitiative, die derzeit im Ständerat beraten wird. Eine Verkleinerung der Nutztierbestände und ein Verzicht auf Pestizide sollen Abhilfe schaffen. Doch es herrscht Uneinigkeit, ob diese Massnahmen die Probleme tatsächlich lösen würden. «Die Initiative geht mit dem Holzhammer vor», meint Urs Niggli, vom FiBL der andere Ideen für strukturelle Änderungen hegt. «Stickstoff und Pflanzenschutzmittel bräuchten in der Schweiz eine Lenkungsabgabe. So könnten die so erhobenen Beträge denjenigen Bauern zur Verfügung stehen, die weniger Hilfsstoffe brauchen.» Was klar ist: Um das Grundwasser wieder zu verbessern, müssen alle Beteiligten in die Pflicht genommen werden. Die Kantone müssen den Vollzug verbessern. Die BäuerInnen sollten Alternativen verfolgen. Und die KonsumentInnen auch Äpfel mit harmlosen Flecken essen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch