Nr. 36/2019 vom 05.09.2019

Der Sprung ins Leben

Von Anne-Sophie Scholl

Manu hat ihren Platz gefunden. Nach Jahren, in denen sie planlos durchs Leben gedriftet ist, findet sie Erfüllung im Umgang mit Pflanzen. Unangepasst ist sie noch immer. So gräbt sie in Nacht-und-Nebel-Aktionen Blumen aus, befreit diese aus Töpfen oder Verkehrskreiseln und pflanzt sie in einen versteckten Garten im Wald. Dort können die Pflanzen über ihr Wurzelgeflecht unterirdisch miteinander kommunizieren. Ihren Lebensunterhalt verdient sich Manu als Störgärtnerin. Bei einem solchen Einsatz strandet sie auf dem Dach eines Mietshauses.

Wie und warum sie dorthin gekommen ist, verrät Simone Lappert nicht in ihrem zweiten Roman «Der Sprung». Aber die junge Frau auf dem Dach versetzt die Kleinstadt in Aufruhr. Eine verarmte alte Frau alarmiert die Polizei, sie sieht in Manu eine Selbstmörderin. Die Polizei fährt mit massivem Krisendispositiv auf. Schaulustige werden angezogen, Jugendliche filmen die Szene. «Spring doch, du Weichei», ruft die Meute Manu zu. Oder auch: «So jemanden sollte man erschiessen.»

Die 34-jährige Autorin nähert sich dieser verstörenden Szene in Spiralen. Ihr Buch liest sich zunächst wie eine Reihe unzusammenhängender Kurzgeschichten – bis man in einem Detail das Echo einer vorangehenden Geschichte wiedererkennt und sich die Figuren zum Panorama einer Kleinstadt zusammenfügen. Der Polizist, der zum Einsatz abkommandiert wird, die ambitionierte Politikerin, die Damenschneiderin mittleren Alters oder die Inhaber eines Krämerladens: Das Leben, in dem sich diese Figuren eingerichtet haben, wird aufgewirbelt. Bei manchen treten alte Erinnerungen an die Oberfläche, andere wagen sich an kühne Lebensträume heran. Nichts ist nach diesem Tag wie zuvor, aber nicht immer ist alles besser.

Mit dem Buch ist die im Aargau aufgewachsene Lappert im renommierten Schweizer Verlag Diogenes untergekommen. «Der Sprung» passt in dessen Programm: als formbewusster, detailgenau erzählter Roman mit weitgespanntem erzählerischem Bogen.

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