Nr. 37/2019 vom 12.09.2019

Der Teufel im Kopf

Der mutmassliche Mord an einer jungen Influencerin in Bethlehem hat in der arabischen Welt grosse Empörung ausgelöst. Auf der Strasse und im Netz wächst der Druck auf die Behörden, Frauen besser zu schützen.

Von Cigdem Akyol

Auf dem Video, das Palästina zurzeit in Aufruhr versetzt, ist eine Frau zu hören, die um Hilfe ruft. Eine Krankenpflegerin soll die Aufnahme in einem Spital in Betlehem gemacht haben, mittlerweile haben Hunderttausende sie in den sozialen Medien geklickt. Zu sehen ist ein Flur, eine verschlossene Tür, hinter der die 21-jährige Israa Ghrayeb von männlichen Verwandten verprügelt worden sein soll. Auf die Ereignisse in jenem Raum angesprochen, hätten die Verwandten mit «Exorzismus» geantwortet. Nachdem die Frau entlassen worden war, erlag sie zu Hause ihren Verletzungen.

Noch laufen die Ermittlungen, doch für die Öffentlichkeit sind die Schuldigen längst gefunden: Ihre Familie soll Israa Ghrayeb ermordet haben, ein sogenannter Ehrenmord. Die Beschuldigten streiten die Vorwürfe ab. Ghrayeb sei psychisch krank gewesen und habe einen Herzinfarkt erlitten. Der palästinensische Premier Muhammad Schtajjeh sagte, der Fall werde untersucht, nannte jedoch keine Details. Er kündigte an, Gesetze zum stärkeren Schutz von Frauen anstrengen zu wollen.

«Wir sind alle Israa»

Der Tod der Studentin aus dem Ort Beit Sahur hat eine Debatte entfacht: Auf den Strassen und im Netz ist die Empörung gross. Die arabischen Hashtags, die auf Englisch #WeAreIsraa und #JusticeForIsraa lauten, sind dieser Tage unter den meistgenutzten in der arabischen Welt. «Ehre ist nicht Mord, Ehre ist nicht Prügel, Folter und Gewalt. Wir sind alle Israa Ghrayeb», twitterte die libanesische Sängerin Nancy Ajram mit dreizehn Millionen FollowerInnen.

Die junge Frau habe sich doch an die sozialen Regeln gehalten, hiess es vielerorts: Sie habe ihr Haar verhüllt, ihren zukünftigen Ehemann nur mit der Zustimmung ihrer Eltern getroffen. Und dennoch sei sie von ihrer Familie ermordet worden. In Bethlehem kam es zu Demonstrationen, an denen nicht nur Frauen anwesend waren. Auf Plakaten waren Sprüche wie «Der Teufel ist in deinem Kopf und nicht in Frauenkörpern» zu sehen.

Ghrayeb hatte als Visagistin gearbeitet und in Betlehem studiert. Auf Instagram präsentierte sie ihren 12 000 FollowerInnen Mode- und Schminktipps. Kurz vor ihrem Tod hatte sie auf der Plattform ein Video veröffentlicht, das sie mit ihrem künftigen Ehemann zeigte. Laut Medienberichten soll die Verlobung des Paares kurz bevorgestanden haben, die Mutter habe von dem Treffen gewusst. Doch die Bilder sollen die Familie so sehr entsetzt haben, dass sie Ghrayeb misshandelte.

Sie stürzte dabei aus dem zweiten Stock des Elternhauses und musste ins Spital eingeliefert werden, von wo aus sie Bilder von sich in sozialen Netzwerke postete. «Hätte ich die Willenskraft nicht, wäre ich gestern gestorben», schrieb sie. Und: «Möge Gott Richter über jene sein, die mich unterdrückt und verletzt haben.» Daraufhin sei sie im Spital erneut von männlichen Verwandten, auch von einem aus Kanada angereisten Bruder, geschlagen worden. Dabei sei das Video auf dem Flur entstanden.

Schwieriger Zugang zur Justiz

Weil viele «Ehrverbrechen» nicht geahndet werden, sind belastbare Zahlen schwierig zu finden. Laut der israelischen Zeitung «Haaretz» kamen 2016 23 Palästinenserinnen unter Beteiligung von Familienmitgliedern ums Leben. 2017 seien es 29 Fälle gewesen, die Dunkelziffer dürfte jedoch höher liegen. Sollte der Fall Ghrayeb tatsächlich ein «Ehrenmord» gewesen sein, wäre es laut der palästinensischen NGO Women’s Centre for Legal Aid and Counselling der 19. in diesem Jahr.

Eine Studie der Vereinten Nationen von 2016 zeigt, wie schwierig der Zugang zur Justiz für weibliche Gewaltopfer ist. «Obwohl Gemeinschaften und Familien häufig die Quelle von Diskriminierung und Gewalt sind, wenden sich weibliche Opfer zunächst an ihre Gemeinschaften oder Familien, um Hilfe zu erhalten. Wenn dieser Ansatz fehlschlägt, wenden sich einige an die Polizei oder Anbieter von Sozial- und Gesundheitsdiensten. Dies kann sie Kritik, Ablehnung und Marginalisierung aussetzen», heisst es darin.

2017 hat eine Studie von UN Women belegt, dass achtzig Prozent der befragten palästinensischen Männer ihre Frau im Haushalt sehen. Jeder Dritte fand es in Ordnung, wenn Frauen gelegentlich geschlagen würden. Rund die Hälfte befand, dass es die Frau im Fall eines «Ehrverbrechens» verdient habe. Dies rühre von einer «Kultur der Diskriminierung von Frauen und dem tief verwurzelten Glauben, dass Frauen Objekte und Güter seien, keine Menschen, denen Würde und Rechte zustehen», kritisiert Zoughbi Zoughbi vom Palestinian Conflict Resolution Center in Bethlehem.

In der palästinensischen Gesellschaft ist das Bewusstsein für die Thematik mittlerweile gewachsen. Im vergangenen Jahr wurden im Westjordanland Gesetze abgeschafft, die mildere Strafen für «Ehrverbrechen» vorsahen und Vergewaltigern Straffreiheit versprachen, wenn sie ihre Opfer heirateten.

«Auch wenn die Behörden in den vergangenen Jahren Gesetze angepasst haben: Gesellschaftlich ist die Akzeptanz von Ehrverbrechen nach wie vor grösser als für Verbrechen aus anderen Motiven», sagt Anita Streule, Nahostexpertin bei Amnesty International. Auch die palästinensische Frauenministerin Amal Hamad kritisierte die Zunahme der Gewalt gegen Frauen. «Es liegt in unserer Verantwortung, Mechanismen im Zusammenhang mit Gewaltfällen zu überprüfen, um nicht nur die Täter zu bestrafen, sondern auch die Gesellschaft vor diesen Verbrechen zu schützen», forderte sie.

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