Nr. 37/2019 vom 12.09.2019

Die Sahara vor der Haustür

Bis 2050 soll Nigeria zum Land mit der drittgrössten Bevölkerung der Welt werden. Doch die Terrororganisation Boko Haram, die Armut und die steigende Ungleichheit treiben die Menschen in die Flucht – speziell auch jene aus der Tschadsee-Region. Verschärft wird all das durch die Klimaerhitzung.

Von Alicia Prager, Maiduguri

Mohammed Haruna streift seinen grau glänzenden Kaftan zurecht. Das Kleid ist etwas in die Jahre gekommen, die Enden sind ausgefranst. Noch vor einigen Jahren war es ein edles Stück. Damals arbeitete Haruna als Buchhalter bei einer Bank.

Doch mit der Wirtschaft im Nordosten Nigerias ging es bergab, die prekäre Sicherheitslage wegen des Konflikts mit der dschihadistischen Terrororganisation Boko Haram liess InvestorInnen zurückschrecken. So verlor Haruna vor fünf Jahren seinen Job. Um seine vier Kinder durchzufüttern, suchte der 49-Jährige verzweifelt nach einer Möglichkeit, an Geld zu kommen.

Er deutet auf den grossen Holzstapel hinter sich. Da liegt sein heutiges Angebot aufgeschichtet, Brett auf Brett. Sobald das Holz verkauft ist, fährt er wieder ins Buschland, um weitere Bäume zu fällen. Die Nachfrage ist gross: Feuerholz ist für die verarmte Bevölkerung zur wichtigsten Energiequelle geworden. Viel Holz, viele KäuferInnen: Der Handel läuft gut in Maiduguri, der Hauptstadt des Bundeslands Borno, des nordöstlichen Teils von Nigeria.

Die Tschadsee-Region (grosse Ansicht der Karte) Karte: WOZ

Ein geladener Pick-up-Truck nach dem anderen verlässt den Markt auf dem Weg zu den Häusern der KundInnen. Noch vor fünf Jahren kostete die Ladung etwa 12 000 Naira, heute sind es bis zu 25 000 Naira – rund 70 Franken. Mit jedem Jahr, in dem der Konflikt mit Boko Haram andauert, steigt der Preis – und damit auch die Zahl der Menschen, die im Holzhandel Arbeit suchen. Es sind Menschen, die wegen der schlechten Wirtschaftslage ihren Job verloren haben. Vertriebene BäuerInnen und FischerInnen, die in die Stadt fliehen mussten. Auf dem Land ist es zu gefährlich, und in der Stadt fehlt ihnen die Lebensgrundlage. Etwa 2000 von ihnen sind allein in der Eine-Million-EinwohnerInnen-Stadt Maiduguri bei der offiziellen Organisation der FeuerholzverkäuferInnen registriert. Doch viele von ihnen würden die Bäume illegal fällen und dabei die Umweltschutzgesetze Nigerias verletzen, sagt Haruna. Nachhaltigkeit hat inmitten des Konflikts keinen Platz.

UmweltaktivistInnen sind besorgt. Sie drängen auf einen besseren Umweltschutz. «Die Sahara ist direkt vor unserer Haustür. Wenn wir nicht aufpassen, wird das alles hier bald Wüste sein», sagt Cheri Lawan von der Universität Maiduguri, der aktuell seine Doktorarbeit über den Verbrauch gemeinsamer Ressourcen in Borno schreibt. Ressourcen wie das Buschland. Grünflächen und Wasserreserven: Sie werden durch die Erderwärmung immer knapper. «Natürlich ist das ein globales Problem, das wir hier allein nicht lösen können, indem wir aufhören, Bäume zu fällen», sagt er. «Aber wir müssen unser Bestes geben, die wenigen Ressourcen, die uns bleiben, zu schützen.»

Auf dem Weg zum Kalifat?

Lawan ist überzeugt, dass die klimatischen Veränderungen auch der Hauptgrund für die Konflikte in der Region sind. Fast achtzig Prozent der Menschen im Nordosten Nigerias leben von der Landwirtschaft. Doch die zunehmende Unvorhersehbarkeit der Regenfälle führt immer öfter zu Ernteausfällen. Und wenn Menschen nichts zu essen hätten, seien sie schneller bereit, eine Waffe in die Hand zu nehmen, sagt Lawan. Dazu kommen ein niedriges Bildungsniveau und die steigende Armut. Ein fruchtbarer Boden für Terrorgruppen.

Seit 2009 ist in dieser Region Boko Haram (auf Deutsch: «Westliche Bildung ist Sünde») aktiv. Rund 32 000 Menschen sind im Konflikt mit der Terrororganisation bereits gestorben, Millionen befinden sich auf der Flucht.

Aufgrund von Streitigkeiten um den Führungsanspruch besteht Boko Haram aktuell aus zwei Hauptfraktionen: Die grössere unter Abu Musab al-Barnawi wird direkt durch IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi unterstützt; die kleinere, geführt von Abubakar Shekau, sieht sich ebenfalls als Schwesterorganisation des Islamischen Staats, obgleich dieser seinerseits bislang keine Stellung zu einer solchen Verbindung genommen hat. Osman Antwi-Boateng, Professor für Politikwissenschaft an der United Arab Emirates University in al-Ain, sagt, beide Fraktionen hätten versucht, von der ersten Expansionswelle des IS zu profitieren. Auch habe Boko Haram erfolgreich einige Terrortaktiken aus dem Nahen Osten kopiert – vor allem in Bezug auf die mediale Propaganda. Der aktuelle Überlebenskampf des IS jedoch schränke dessen potenziellen Einfluss in Nigeria stark ein. Boko Haram würde das aber kaum schaden, meint der Politologe: «Die Gruppe hat sich als widerstandsfähig erwiesen, selbst wenn sich der IS auf dem Rückzug befindet.»

Die Tschadsee-Region an der Grenze zwischen Nigeria, dem Tschad, Kamerun, dem Niger und der Zentralafrikanischen Republik hat als letzte grüne Oase vor der Sahara eine grosse strategische Bedeutung. Während die islamistischen RebellInnen zu Beginn des Aufstands den Stopp westlicher Bildung in den Vordergrund gestellt hätten, gehe es heute in erster Linie um die Vormachtstellung am Tschadsee, sagt Kwaku Arhin-Sam, Nigeriaexperte an der Universität Freiburg im Breisgau: «Es scheint sich alles in Richtung eines Kalifats in der Region zu entwickeln. Aber niemand weiss genau, was sie planen.»

Wie stark die Fraktionen von Boko Haram derzeit sind, darüber scheiden sich die Geister. Doch gibt es Anzeichen, dass das Selbstbewusstsein der dschihadistischen KämpferInnen wieder steigt. Anfang August blockierte in Maiduguri eine bewaffnete Gruppe für drei Stunden die Hauptstrasse, die Maiduguri mit der Hauptstadt Abuja verbindet – am helllichten Tag.

Mit einem schnellen Ende des Konflikts rechnet niemand. Immer mehr Menschen müssen auf der Flucht vor Boko Haram ihre Heimatdörfer verlassen. Insgesamt zählt Nigeria bereits rund zwei Millionen Binnenvertriebene. Sie suchen Schutz in Städten wie Monguno, das – inmitten des Konfliktgebiets – durch einen Schutzgraben und eine angrenzende Militärstation gegen Angriffe geschützt werden soll. Rund 130 000 Binnenvertriebene sind hier bereits untergebracht, und jeden Monat kommen weitere dazu.

Eine von ihnen ist Hauwa Mohammed, eine siebzigjährige ehemalige Fischerin, die aus ihrem Hafendorf Baga fliehen musste. Sie sitzt vor einer Hütte im Aufnahmezentrum von Monguno, wo neu angekommene Flüchtlinge auf die Camps verteilt werden. «Zwei meiner Söhne wurden von Boko Haram gefangen genommen. Ich habe gehört, dass einer von ihnen jetzt sogar für sie kämpft», klagt sie. «Es ist die grösste Qual, daran zu denken, dass die beiden in den Händen dieser Terroristen sind.»

«Am Ende sassen wir vor leeren Tellern»

Hauwa Mohammed wuchs direkt am damals noch um ein Vielfaches grösseren Tschadsee auf. Jahrzehntelang folgte ihre Familie demselben Tagesmuster: Die Männer fuhren tagsüber in langen, schmalen Booten aufs Wasser hinaus und kamen gegen eins in der Nacht mit dem frischen Fang wieder nach Hause – und die Frauen bereiteten am Morgen die Mahlzeit vor. «Aber die Männer brachten immer weniger Fische nach Hause. Am Ende sassen wir vor leeren Tellern», erzählt Mohammed. Vor dem Beginn des Konflikts mit Boko Haram wäre die Familie wohl einfach umgesiedelt. Doch die Präsenz der Terrororganisation machte das praktisch unmöglich. Viele Teile des Bundesstaats sind zu gefährlich. Und so sank die Möglichkeit der Bevölkerung, auf die Veränderungen der Umgebung zu reagieren, was sie seither zunehmend in die Abhängigkeit von Lebensmittellieferungen treibt: 10,7 Millionen Menschen in der Region sind derzeit auf internationale Hilfsorganisationen angewiesen. Wie Mohammed sitzen sie in den vielen Flüchtlingslagern im Bundesstaat. Doch viele Städte wie Monguno sind schon lange überlaufen, immer wieder mangelt es an Nahrungsmitteln – nicht einmal Reis oder Mais sind dann zu haben.

«Die Klimaerwärmung ist ein Multiplikator der vielen verschiedenen Bedrohungen», sagt Chitra Nagarajan, die Hauptautorin einer aktuellen Studie des Forschungsinstituts Adelphi. Nagarajan forschte über sechs Jahre lang zur Schnittstelle Klimaerhitzung und Konflikt im Tschadsee-Becken, das rund acht Prozent des afrikanischen Kontinents einnimmt.

Die klimatischen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten sind drastisch. So verschwanden zwischen 1970 und 1990 rund neunzig Prozent des Sees. In den letzten Jahren ist dieser zwar nicht mehr weiter geschrumpft, er gewinnt derzeit sogar wieder an Wasser. Doch die Folgen der Klimaerhitzung sind verheerend: In der Regenzeit häufen sich Überschwemmungen, derweil die Trockenzeiten immer öfter zu extremen Dürreperioden werden. Bäuerinnen kämpfen mit Ernteausfällen, Hirten müssen immer weitere Strecken zurücklegen, um Weideland für ihre Herden zu finden. Mit seiner strategisch wichtigen Lage am Rand der Sahara ist der See zum Symbolbild für die Klimaerhitzung geworden. Rund 49 Millionen Menschen leben von den Ressourcen des Sees, der durch Niederschläge aus dem tropischen Süden gespeist wird und sich dadurch zu einem einzigartigen Biotop in der Sahelsavanne entwickelt hat.

Flucht aus dem Nordosten in den Süden

Auch Mohammed Haruna, der Holzfäller, berichtet von den Veränderungen der Umwelt. Er kommt aus dem Kare-Kare-Stamm – das verraten die drei Narben, die auf beiden Seiten von seinen Mundwinkeln in Richtung Wangen zeigen. Die traditionelle Hauptbeschäftigung der Kare-Kare ist die Landwirtschaft, vor allem der Anbau von Hirse, Mais und Erdnüssen sowie die Tierzucht. Doch die Ernteerträge werden jedes Jahr weniger. «Das nimmt vielen Menschen den Mut, als Bauern zu leben. Sehr viele von uns sind bereits in andere Gegenden gezogen, wo das Land fruchtbarer ist», sagt Haruna.

Das heisst: Richtung Süden. Im sogenannten Middle Belt von Nigeria liegen die nächsten Grünflächen. Doch die lokale Bevölkerung hier zeigt sich von der Ankunft ihrer Landsleute aus dem Norden alles andere als begeistert. Immer mehr wandernde HirtInnen suchen Weideland, und immer mehr lokale BäuerInnen sehen ihre Anbaugebiete von deren Herden bedroht. Mit der Zuspitzung des Wettstreits um die knapper werdenden Ressourcen eskalieren die Auseinandersetzungen. Allein in den Jahren 2017 und 2018 wurden dabei knapp 4000 Menschen getötet. 2018 forderte der Konflikt um die Landnutzung in Zentralnigeria sogar sechsmal mehr Todesopfer als der Terror von Boko Haram. Lösungen, die die Langzeitfolgen des Konflikts abfederten, müssten also dringend her, sagt Haruna: gegen die Verarmung der Bevölkerung, gegen die Abholzung des Buschlands und gegen die Ausbreitung der Sahara.

Doch obwohl das Leben immer beschwerlicher wird, denkt kaum jemand daran, sich auf den weiten Weg nach Europa zu machen. Jene, die von den Konflikten und der Klimaerhitzung am stärksten betroffen sind, haben nicht einmal Geld genug für Nahrungsmittel. Einen Schlepper für die weite Reise kann sich hier kaum jemand leisten. Und dennoch steht für GeldgeberInnen aus Europa stets das Thema Migration im Vordergrund. Das sei frustrierend, sagt die Studienautorin Nagarajan. «Ich habe von Leuten aus europäischen NGOs immer wieder Erklärungen gehört wie: Ich weiss, dass die Leute von hier nicht nach Europa aufbrechen werden. Aber nur, indem ich das Gegenteil behaupte, kann ich meinem Minister die Hilfszahlungen schmackhaft machen» (vgl. «Die Diaspora als wichtigste Geldgeberin» im Anschluss an diesen Text).

Indirekt spielt der Zusammenhang zwischen Klimaerhitzung und Migration dann aber doch eine Rolle. Im Süden Nigerias sind die Menschen wohlhabender, und je weiter der Konflikt aus dem Norden in Richtung Süden drängt, desto mehr Menschen träumen hier von neuen Chancen im fernen Ausland. Sie fliehen nicht direkt vor Waffengewalt oder Wetterextremen. Sie fliehen vor der Dysfunktionalität ihres Landes.

Die Menschen im Süden sind im Durchschnitt auch besser ausgebildet als jene im Norden. Die Wahrscheinlichkeit, im Norden eine Person ohne Grundschulbildung zu treffen, ist viermal grösser als im Süden. Die, die sich vom südlichen Nigeria auf den Weg nach Europa machen, sind also genau jene, die Europa eigentlich anziehen möchte, wie Godwin C. Malasowe, Experte für Migration und Internationale Beziehungen an der Universität Abuja, sagt. «Es ist falsch, Migration für uns immer attraktiver zu machen, sie aber gleichzeitig zu kriminalisieren», betont er. Um die Chancen auf reguläre Arbeit in Europa zu vergrössern, so schlägt er vor, sollte gezielt in die Ausbildung für jene Berufsfelder investiert werden, in denen es in Europa an Fachkräften mangle. So könnte das Potenzial Nigerias viel besser genutzt werden, meint er – eines Landes notabene, das laut einer Uno-Prognose bis zum Jahr 2050 weltweit der Staat mit der drittgrössten Bevölkerung sein wird.

Düstere Perspektiven, dringliche Forderungen

Bildung: Sie ist aktuell eine der grössten Herausforderungen für Nigeria. Nur rund sechzig Prozent der Sechs- bis Elfjährigen besuchen laut Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, die Grundschule. Im Nordosten ist die Rate gar noch niedriger. Vor allem Binnenvertriebene haben kaum Zugang zu Unterricht. In Orten wie Monguno, wo es nicht einmal genug Nahrungsmittel für alle gibt, wächst eine Generation heran, von der viele nie ein Klassenzimmer betreten haben. «Ich mache mir Sorgen, dass diese Kinder einmal bewaffneten Gruppen beitreten werden, wenn sie nichts lernen», sagt Hauwa Mohammed, die ehemalige Fischerin.

Mohammed Harunas Familie gehört im Vergleich zu den zwei Millionen Binnenvertriebenen zu den Privilegierten. Er kann seine vier Kinder in die Schule schicken. Doch auch die Harunas mussten Abstriche machen: Als Haruna noch als Banker arbeitete, war es kein Problem gewesen, seine Kinder in eine Privatschule zu schicken. Als Holzfäller kann er sich das heute nicht mehr leisten. Die 50 000 Naira im Monat – umgerechnet etwa 135 Franken – reichen gerade, um seine vier Kinder durchzubringen. Teures Schulgeld liege da nicht mehr drin, erzählt Haruna, während wir über den Holzmarkt in Maiduguri gehen. Auf der Schnellstrasse, die am Markt vorbeiführt, düsen die dreirädrigen, orangen Tuk-Tuks vorbei, die aus China importiert werden und das Stadtbild prägen.

Im geschäftigen Treiben untertags merkt man wenig von der brenzligen Lage im Umland. Dass das Leben nicht in seinen geordneten Bahnen verläuft, offenbart sich erst ab zehn Uhr abends, wenn die Ausgangssperre beginnt und nur noch Militär und Zivilmiliz auf den Strassen unterwegs sind. Doch auch die Geschichten der Menschen, die auf dem Holzmarkt arbeiten, erinnern an die Probleme der Tschadsee-Region. Die meisten sind Binnenvertriebene aus verschiedenen Teilen des Bundesstaats. Sie erzählen von Boko-Haram-Attacken, von Ernteausfällen, von steigenden Temperaturen. «Selbst wenn sich der Konflikt irgendwann entspannen sollte – die Folgen des Klimawandels zerstören unsere Lebensgrundlage», sagt Haruna. Eine friedliche Zukunft für seine vier Kinder hier im Bundesstaat Borno? Es fällt ihm schwer, daran zu glauben. Dazu, so sagt er, müssten Regierungen weltweit strikte Klimagesetze durchsetzen.

Aber auch hier vor Ort müsse das Thema Umweltschutz endlich mehr Beachtung finden – nicht zuletzt unter den FeuerholzhändlerInnen, sagt er. Als Sekretär ihrer Organisation will er sich in Zusammenarbeit mit der nigerianischen Regierung dafür einsetzen, das Buschland zu erhalten und gegen das illegale Abholzen vorzugehen. «Das ist schliesslich ein Kampf, der uns noch viel länger beschäftigen wird als jener gegen Boko Haram», sagt Haruna. Terrorismus, das sei eine akute Krise. Langfristig viel entscheidender jedoch sei, ob die Tschadsee-Region auch in Zukunft eine Lebensgrundlage bieten könne. Dafür aber braucht es grosse Anstrengungen, von der Regierung ebenso wie von der Entwicklungszusammenarbeit. Denn die Klimaerhitzung wird wohl zu einem immer noch stärkeren Multiplikator für Konflikte werden – am Tschadsee und in vielen anderen Regionen der Welt.

Nigeria und die Europäische Union

Die Diaspora als wichtigste Geldgeberin

Die meisten Menschen aus Subsahara-Afrika, die derzeit in Europa leben, kommen aus Nigeria – aktuell sind es gemäss dem Pew-Forschungszentrum rund 390 000. Die Zahl der NigerianerInnen, die neu in EU-Staaten ziehen, geht jedoch stark zurück. Von 2017 auf 2018 wurden in der EU fast 10 000 weniger Aufenthaltserlaubnisse ausgestellt. Die irreguläre Migration ist fast zum Erliegen gekommen: 2016 kamen 37 551 Menschen aus Nigeria in Italien an, 2018 nur noch 1250.

Migrationswillige NigerianerInnen stossen auf eine sehr zurückhaltende Visapolitik der einzelnen europäischen Mitgliedstaaten. Nigerias Hauptinteresse gegenüber den EU-Staaten, ein Abkommen über die Arbeitsmigration, ist bislang nur sehr rudimentär berücksichtigt worden. Laut Catherine Woollard, Generalsekretärin des European Council on Refugees and Exiles, lässt sich die Anzahl der Projekte, die auf legale Migration und Arbeitsrechte abzielen, an einer Hand abzählen.

Aufgrund der bislang gescheiterten Verhandlungen zum Thema Arbeitsmigration habe Nigeria seine Strategie gewechselt, sagt der Migrationsforscher Kwaku Arhin-Sam. Stattdessen konzentriert sich die Regierung nun auf die Beziehung zu ihrer Diaspora. Grund dafür ist nicht zuletzt auch das steigende Volumen der Geldüberweisungen, die die emigrierte Bevölkerung nach Nigeria schickt. Diese machen rund sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus und sind damit sogar höher als die Einnahmen aus dem Ölhandel. «Einerseits wächst die Diaspora, und andererseits sind Nigerianer im Ausland schlicht dazu gezwungen, mehr Geld nach Hause zu schicken, weil dort die Armutsrate in die Höhe geht», sagt Arhin-Sam. Die Staaten, aus denen die meisten Überweisungen geschickt werden, sind die USA, die Schweiz, Deutschland, Russland und China.

Im Bereich der humanitären Hilfe ist die EU eine der grössten Geldgeberinnen. 562 Milliarden Euro hat sie für den Zeitraum 2014 bis 2020 aus dem Europäischen Entwicklungsfonds nach Nigeria überwiesen. Ein Kernfokus liegt ausserdem auf der wirtschaftlichen Diversifizierung des Landes – 139 Millionen Euro hat die EU hierfür in Nigeria investiert, den Grossteil davon in den Energiesektor.

Ein Hauptproblem bei vielen dieser Programme sei jedoch der fehlende Zugriff auf das Projektmanagement, kritisiert Arhin-Sam. «In den meisten Projekten kommen grosse Geber und schmeissen mit Geld um sich. Der nigerianische Staat wird aber kaum involviert.» Ein effektiver Aufbau von Kapazitäten sähe anders aus. Arhin-Sam plädiert dafür, sich viel gezielter den lokalen AkteurInnen anzupassen und in ihre Weiterbildung zu investieren.

Alicia Prager

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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