Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

Gut gerüstet gegen die Düsternis

Wie ist langfristiger Aktivismus bei guter Gesundheit möglich? Der deutsche Klimaaktivist Timo Luthmann hat in einem Buch viel Wissen dazu gesammelt.

Von Bettina Dyttrich

Es ist nicht leicht, Klimaaktivistin zu sein. Man ist dauernd mit dem Weltuntergang beschäftigt – mit Angst vor Klimakriegen, Trauer um aussterbende Tierarten, Wut, weil es mit der Klimapolitik nicht vorwärtsgeht. Kein Mensch hält das rund um die Uhr aus. Besonders bei der neuen Klimabewegung Extinction Rebellion stellt sich die Frage: Geht die Strategie auf? Klar ist es wichtig, den düsteren wissenschaftlichen Tatsachen ins Auge zu sehen – aber muss man das Ganze noch mit Totenkopfsymbolen und Aussterberhetorik untermalen? Die Frage, ob und wann die Menschen aussterben, ist sinnlos. Viel entscheidender ist es, wie sie in schwierigen Zeiten miteinander umgehen.

Die Angst vor dem Untergang kann Tendenzen verstärken, die aktiven Menschen ohnehin schon Probleme machen: das Gefühl, nie genug zu tun, die eigenen Ansprüche nicht zu erfüllen. Hängt alles von mir ab? Bin ich schuldig, wenn ich einmal eine Demo verpasse? Oder bringt das Ganze sowieso nichts, und ich kann geradeso gut zu Hause bleiben? Viele AktivistInnen kennen diese ungesunde Mischung aus Selbstüberschätzung und Ohnmacht. Aktivismus ist genauso ein Burn-out-Risiko wie Erwerbsarbeit. Bewegungen, die langfristig wirken wollen, brauchen einen Umgang damit.

Ist das esoterisch?

Er habe auf die eigene Überforderung körperlich reagiert: mit Magenkrämpfen und einem Tinnitus, erzählt Timo Luthmann am Rand einer Aktion der Klimabewegung Ende Gelände im rheinischen Braunkohlerevier. Er ist Anfang vierzig und seit über zwanzig Jahren politisch aktiv: in der Anti-AKW-Bewegung, in einem selbstverwalteten Zentrum, in der Asylpolitik und als Klimaaktivist. «Ich fragte mich immer: Wo sind die Älteren? Wenn all die Menschen, die 1968 auf die Strasse gingen, aktiv geblieben wären, stünden wir heute ganz woanders.» Bei der Suche nach Gründen für den Ausstieg fand er viel Erwartbares: Familiengründung, anstrengende Erwerbsarbeit, andere Interessen. Aber immer wieder traf er auch Menschen, die sich von Polizeigewalt oder bewegungsinternen Konflikten traumatisiert fühlten – die Kultur, damit umzugehen, fehlt offensichtlich in vielen Bewegungen.

Sein Ziel seien soziale Bewegungen, in denen sich Menschen verwirklichen könnten und «in denen persönliches Wachstum als politisch gesehen wird», sagt Luthmann. Es gehe darum, zuerst die individuelle, dann die kollektive Widerstandskraft zu stärken. Er hat über diese Themen ein Buch geschrieben, in dem er sich auf ganz verschiedene Traditionen stützt: die aktivistische Psychologie der US-Gegenkultur, die Befreiungstheologie, die schwarzen Aktivistinnen Audre Lorde und bell hooks, radikalen Buddhismus oder indigene Widerstandsbewegungen.

Bei vielen Linken blinken da gleich die Warnlampen: Esoterik! Er unterscheide zwischen Esoterik, die oft mit Hierarchien und elitärem «Geheimwissen» verbunden sei, und Spiritualität, sagt Luthmann im Gespräch. Spiritualität müsse «mit kritischer Vernunft zusammengehen» – dann könne sie helfen, sich «mit einem langen Atem zu organisieren». Tatsächlich diente der undifferenzierte Esoterikvorwurf in linken Szenen oft als Totschlagargument. Aber in der jungen Generation verfängt er nicht mehr: Yoga ist weit verbreitet, und immer mehr AktivistInnen merken auch, dass Meditation oder individuelle Formen von «Naturspiritualität» hilfreich sein können und nichts mit hierarchischer Religiosität, überhaupt wenig mit Religion zu tun haben.

Achtsamkeit bis Zeckenbiss

Das Buch erklärt, wie ein Burn-out entsteht, es thematisiert die Rolle des Lebensstils für die psychische Gesundheit und stellt verschiedene Atem- und Achtsamkeitsübungen vor. Luthmann betont die Bedeutung der Psychobiologie: «Die in der Tradition der Aufklärung stehende Linke überbetont oft den Faktor der Vernunft bei gleichzeitigem Unwissen, unter welchen Bedingungen wir überhaupt fähig zur Vernunft sind.» Wie wahr: Gerade während direkter Aktionen ist es sinnvoll, auf körperliche Zustände zu achten, die je nach Stresslevel vernünftiges Handeln stark einschränken können. Das Buch behandelt auch kollektive Organisationsmodelle, Kampagnenstrategien, Konfliktmediation in Gruppen und vieles mehr – bis hin zum Schutz vor Sonnenbrand und Zecken.

«Politisch aktiv sein und bleiben» ist eher ein Nachschlagewerk als ein Buch, das sich von A bis Z liest. Die vielleicht wichtigste Frage, die Luthmann stellt: «Wer oder was ist eigentlich eine Aktivist*in?» Der Begriff werde oft viel zu eng gefasst: Zum Aktivismus zählten auch all die «unsichtbaren Tätigkeiten» und «reproduktiven Handlungen, die politische Interventionen erst ermöglichen». Ende Gelände setzt diese Philosophie offensiv um und betont immer wieder: Die Leute, die keine Kohlegruben stürmen wollen oder können, sondern im Aktionscamp kochen oder WCs putzen, sind genauso wichtig für das Gelingen einer Aktion. Luthmanns Fazit im Buch: «Wenn viele Menschen ein bisschen machen, erreichen wir wesentlich mehr, als wenn wenige Menschen sich sinnbildlich bis zum Martyrium ausbrennen.»

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