22.01.2004

...wie Lämmlein

Unmittelbar nach der bewilligten, friedlichen Demo in Chur gegen das Wef haben wir den regulären Zug nach Zürich bestiegen. In Landquart haben Vermummte den Zug blokiert und massiv beschädigt.

Von Christian Diebold

Wir versuchten zu viert, das Bahnhofsgelände weit ab vom schwarzen Block zu verlassen. Wir wurden sofort von herbeieilenden Polizisten zurückgedrängt; ein zirka fünfzigjähriges, sehr, sehr normal aussehendes Päärchen, Softies wie wir und die meisten auf dem Gelände, wurde durch die Polizisten zurück geschubst und angeschrien, während sie mit ihren Knüppeln gegen ihre Schilder schlugen. Wir mussten mitansehen, wie sich eine hyperventilierende Frau auf dem Boden wand und schrie, während sich direkt daneben fünf Bähnler im Gebäude befanden und keine Miene verzogen. Oder wie auch andere Verletzte keine Chance hatten, aus der Umkesselung heraus zu kommen.

Während ein Teil der «Normalen» bei den Wasserwerfern stand und raus wollte, waren die andern und die «Chaoten» noch auf dem Bahnsteig oder im Zug. Den Polizisten gelang es den Zug, zum Teil mit Tränengas, zu räumen. Wir hatten Angst, zwischen die Fronten zu geraten. Steine und Flaschen von der einen Seite, Tränengas, Wasser und Gummi von der anderen. Bis wir alle auf einem Platz gefangen waren, dauerte es vielleicht zwei Stunden. Weitere zwei Stunden dauerte es, bis wir dann einzeln abgeführt wurden, und nochmals zwei Stunden, bis sie unsere Personalien aufgenommen hatten.

Insgesamt wurden wir sechs Stunden in eisiger Kälte festgehalten. Wir wurden vollständig im Ungewissen gehalten, was die Polizei zu tun gedenkt. Nach den vier Stunden Bahnhofplatz mit Schockbomben der Polizei und leichtem Unwohlsein ging es folgendermassen weiter: Ich wurde in eine Tiefgarage geschleppt, mit Kabelbinder wurden mir die Hände auf den Rücken gefesselt, alles wurde durchsucht (dabei ist ja sowieso klar, dass zu diesem Zeitpunkt niemand mehr etwas Verdächtiges auf sich zu tragen wagte. Es waren unterdessen alle wie Lämmlein), ich wurde zu einer weiteren Gruppe geschickt, wo man wieder drängeln musste, um von einem weiteren Polizisten irgendwo hingeschleppt zu werden, weiter im Ungewissen, Personalien aufnehmen, weiter mit den Händen auf den Rücken gefesselt den Rucksack in der Hand ohne Handschuhe völlig durchfroren, weiter im Ungewissen wieder zu einer Gruppe, wieder drängeln, einzeln abführen, Fesselung lösen, andere Gruppe, keine Infos, endlich im Zug.

Was mich am meisten störte:
• Totale Ungewissheit. Warum wurde nie informiert?
• Kälte
• Panik
• Wie Tiere herum getrieben
• Feistes Grinsen der Polizisten
• Immer wieder Polizisten, die sich gegenseitig mit ihren Kameras vor den Gefangenen in Postur warfen und föteleten.
• Willkür beim Pflücken der Gefangenen aus dem Pulk und beim Abführen in die Tiefgarage oder zum Wagen auf dem Gelände.
• Warum dauerte das alles so lange?!
• Warum plötzlich Kabelbinder, ohne das geringste Aufbegehren? Warum auch nach der Kontrolle noch so lange gefesselt?!
• Es war willkürlich, unlogisch, demütigend, verwirrend, massiv und deshalb sehr einschüchternd! Was kommt als Nächstes?!
• Woher nehmen sie das Recht, eine Kollektivbestrafung durchzuführen? Warum kein Mindestanstand?

Ich habe bis jetzt an Demos teilgenommen, weil ich glaube, dass es für eine lebendige Demokratie notwendig ist, seine Stimme zu erheben, zu partizipieren (immer wieder tolles Wort). Ich habe in den letzten Jahren aber den Eindruck gewonnen, dass es gute und böse Demos gibt. Gut wäre zum Beispiel, für mehr und herzigere Katzen oder billigere Flugpreise zu demonstrieren. Während andere Themen zum Teil nicht so beliebt sind. Oder warum dann so massiv einfahren? Wegen den pubertierenden, vollhohlen Vandalen? Können sie die Zerstörer nicht effektiver zur Rechenschaft ziehen? Sind die kapputten Fenster es wert, hunderte von Unschuldigen massiv zu schikanieren? Was konnte damit verhindert werden? Was wurde an Schäden durch die Polizei allenfalls selber noch provoziert?

Auf jeden Fall nicht unrasiert und mit altem Rucksack demonstrieren! In Zukunft scheint es mir, wäre es wichtig zu demonstrieren, nur schon um die Wahrheit über das Geschehen vor Ort zu erfahren, dem Polizei-Apparat auf die Finger zu schauen, sowie unser Land besser kennen zu lernen.

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