01.02.2001

Staatsbegräbnis erster Klasse

Man kam zur Beerdigung des Weltwirtschaftsforums. Begraben wurde vorerst etwas anderes: der Rechtsstaat. Ein Nachruf und ein Festbericht.

Von Constantin Seibt

Begräbnisse sind oft fröhliche Feste, nicht zuletzt wenn der Tote reich, verlogen und gemeingefährlich war. Davos war angekündigt als Showdown, Beerdigung und Leichenparty in einem – seltsamerweise wurde es trotz dem falschen Toten amüsant.
Denn für Langeweile wurde einfach zu viel geboten: der gigantischste Polizeieinsatz der Schweiz seit Menschengedenken, einer der grössten Krawalle (in Zürich), ein grob versagender Bundesrat, 2000 Vertreter eines Aktienkapitals von 6 000 000 000 000 Dollar plus Entourage aus Kofferträgern, Chauffeuren und Speichelleckern.

«Was wollen Sie in Davos? Sind Sie uniformgeil?», fragte der Zürcher Stadtpolizist, der bei der Vor-Demo-Kontrolle den Presseausweis gefunden hatte.
«Bitte nein», sagte ich.

In der Tat wäre Davos ein anstrengender Dauerorgasmus für einen Uniformfetischisten gewesen – ein feuchter Traum in Blau, Gewehrfettschwarz und Stacheldrahtsilber. Die Kastenwagen patrouillierten so zahlreich wie die Limousinen, Scharfschützen standen auf den Dächern der besten Hotels, jüngere Männer mit Gesichtern aus Granit, Körpern aus Stahl und einer Beule unter der Achsel standen wach und gelangweilt an den Bars. Überall Gitter, Rollen von Natodraht, Hubschrauber, Sicherheitspersonal – und dazwischen ein lang gezogener Kurort mit rosigen, kaschmirbemantelten Wef-Delegierten, die ihren Plastikbadge spazieren führten wie einen Orden.

Der Überdruck von Macht und Prominenz war gross genug, dass sogar noch für den Katzentisch genug abfiel. Trotz nur 25 Staatschefs bekam man auch als unwillkommener Gast Häppchen im Dutzend zu sehen: den Doppel-Ex-Chefredaktor Roger de Weck im «Pöstli», den UBS-Chef Marcel Ospel bei der Anreise, diverse Bundesräte, den Chef der Deutschen Bank, Joe Ackermann, beim Verspeisen eines Filets, einen Kollegen beim Smalltalk mit «einer charmanten» Carla del Ponte («Keine Ahnung, warum sie charmant war. Sie muss betrunken gewesen sein.»), dazu im Shuttlebus Gespräche wie folgende:
(Vor dir steht mit einem hellblauen Matrosenblick und meerblauer Jacke der Ballonfahrer Bertrand Piccard. Neben dir sitzt eine Frau mit teurem schwarzem Hut, Typ mehrfach überschminkte Basler-Daig-Mumie.)
Piccard: «You know, I had yesterday a multi-media speach ‘Riddling with the unpredictable’. But ten minuts before, nothing, not the videobeam, nor the microphone were in function. Really the unpredictable, wasn’t it?»
Sie: «Who should master that but you?»
Piccard: «Yes, it was the theory to the action.»
Sie (greift zum Handy): «Duu ... Bertrand Piccard brucht im Fall siini 10000 Franke ... er haltet Vorträg in dä ganze Wält, das chönd mir nöd eifach mitm Lions-Clöb mache ... Das müend mir grösser organisiere, mit andere Clöbs ... gäll Vera!»
(Bertrand Piccard, der nun um 10 000 Franken reichere, für seine esoterische Ader berüchtigte Ballonfahrer, lächelt währenddessen, blättert in seiner Wef-Agenda und streicht sich Kurse wie «Creating Excellence» oder «Leadership of Tomorrow» an.)

Schön und ein Abenteuer sind auch die Besuche in den Bars – ein Abenteuer, bei dem ein normaler Presseausweis nicht weiterhilft, sondern nur Mimikri: ein Hering zwischen Haifischen. Das Entreebillett sind Kaschmirpullover, Armani-Jackett, Entendaunenjacke und last not least die Bügelfalte gelangweilter Arroganz im Gesicht. Wer die Sicherheitskräfte und Concierges der besseren Hotels nicht wie ein Stück Luft und Dreck behandelt, ist schnell wieder auf der Strasse: «Sorry, Sir, are you invited?»

In der Bar wirft man ein böses Lächeln in den Spiegel, legt die Flossen an und wird mit wirtschaftspolitischen Erwägungen wie diesen belohnt:
Gast (spätnachts): «Man sollte endlich den Hans Eichel entlassen ... Das Arschloch!»
Bardame: «Wer?»
Gast: «Hans Eichel, den deutschen Finanzminister!»

Oder folgendes Gespräch, mittags, zwischen zwei Bankern. Der Schweizer (weltmännisch aufgeregt): «There sits Pascal Couchepin!» Der glatzköpfige Amerikaner (weltmännisch gelangweilt): «...» – «He is the Swiss Finance Minister. A very good, very competent man. He lives in Berne. He’s living in the federal palace – the White House of Switzerland! Harhar!» – «Oh really?» – «You see: there’s a minister sitting next on the table – that’s Switzerland! A minister’s sitting there, and nobody cares! Small country! Harhar!» – Der Ami: «It’s a bit of a banana republic, isn’t it?»

Damit – auch wenn das darauf folgende «Yes, a bit. Harhar!» des Schweizer Bankers sehr gezwungen klang – hatte der glatzköpfige Amerikaner Recht: Das Stück, das während des Wef aufgeführt wurde, hiess Bananenrepublik, und die Gastgeber machten sich zu Affen.
Dass die Gorillas vom Sicherheitsdienst manchmal durchdrehten, an der Demonstration eine indische Wef-Delegierte schlugen, dass sie Touristen wegwiesen und Einheimische, die sogar am Wef arbeiten, endlosen Leibesvisitationen unterzogen – geschenkt. Dass ein Provinzpolitiker wie der Bündner Polizeidirektor Peter Aliesch ebenfalls durchdrehte und – nachdem er den grössten Polizei- und Militäreinsatz der Geschichte in Gang gesetzt hatte – zusätzlich bei den Davoser Bauern auch noch Jauche gegen Demonstranten anforderte – okay. Dass die Polizisten, wenn ihnen freie Hand gelassen wird, den puren Overkill inszenieren – logisch.

Auf einem völlig anderen Blatt steht, dass der Bundesrat den ganzen Wahnsinn zuliess, verteidigte, forderte. Es ist immer unschön, wenn jemand an die eigene Propaganda glaubt, noch unschöner ist es, wenn sie bestätigt wird. Mit 17 glaubte ich, dass Hochfinanz, Polizei, Politik, Militär plus die Lehrerschaft der Kantonsschule Rychenberg einen einzigen unterschiedlosen Teig bildeten – danach dachte ich differenzierter. Nun, 17 Jahre später, behielt der Gymnasiast gegen den Erwachsenen Recht: bis auf das Lehrerkorps der Kantonsschule waren sie alle eine Sosse.

Das Wesen des Polizeistaates ist nicht Perfektion, sondern Willkür. In Davos stapelte sich genug Material, um selbst die sowjetische Invasionsarmee für 20 Minuten aufzuhalten: Panzerfahrzeuge, 50 Kastenwagen allein in einem Wäldchen hinter dem Eisstadion versteckt, Wasserwerfer à discrétion, Sicherheitsschleusen mit Röntgenapparat, Helikopter mit Kameras, 900 Soldaten (300 davon in extraschicken, drei Nummern zu grossen Jackets, wegen des Revolvers und der kugelsicheren Weste), eine geschätzte Anzahl von 2000 bis 4000 Polizisten ...

Das alles reichte nicht. Mit dem Auto Anreisende bekamen maskierte Genfer Antiterroreinheiten mit MP zu sehen (dass sie zum Teil kein Wort Deutsch sprachen, rettete einigen Leuten die Demoteilnahme: Man durfte einfach nicht auf Französisch antworten), aus den Zügen wurden Leute herausgeholt (wenn auch zum Teil gerecht: So etwa beobachteten zwei Demoteilnehmer einen Pro-Natura-Delegierten, der vorher gross herumgeredet hatte, früher sei er schon ein harter Bursche gewesen, aber heute fände er Gewalt das Letzte und er verstehe die Polizei, dass sie diese Chaoten herausgreife – worauf die Polizei bei der Zugkontrolle den Pro-Natura-Typen herausgriff und ihn zwei Stunden verhörte).

Sicher: Etwa ein Zehntel aller DemoteilnehmerInnen erreichte Davos trotzdem, einige unkontrolliert, andere x-fach. Entscheidend aber war, dass nichts, weder eine Einladung zur Gegenveranstaltung «Public Eye» noch ein Presseausweis, nicht einmal ein begleitendes Kamerateam oder ein Permis des Polizeichefs selbst vor Verhaftung, Verhör, Rück- und Ausweisung schützte.

Diese Party war eine der Bullen: Und wie bei jeder guten Party fiel durchaus neben dem Wef- und Polit-Smalltalk auch Erkenntnis ab. Trotz den seifigen Parolen des Wef-Gründers Klaus Schwab, in Funktion wie in Rhetorik das personifizierte Gleitmittel, war die Botschaft nicht das «Überbrücken der Gegensätze», «Lebenslängliches Lernen» oder die «Verbessung der Welt», sondern die, dass dieser Staat durch kleinste Erschütterung in Panik zu versetzen und durch eine private Organisation käuflich ist – von der Sperrung von Autobahn und Eisenbahnnetz bis zum Ausliefern der eigenen BürgerInnen zuhanden einer wild gewordenen, desorganisierten Polizei.

Kurz, die Drohung einer vielleicht mittelgrossen Demo fegte die lange, langweilige Tradition des Rechtsstaates weg und entpuppte ihn ratschpatsch als Bananenstaat – mitsamt seinen Oberaffen. Weder Couchepin noch Villiger noch Deiss scheuten sich, Polizeitaktik, Wef und den Davoser Geist zu loben – am ekelhaftesten aber rechtfertigte das Ganze der Bundespräsident, Moritz Leuenberger.
Es war in einem Salon im Hotel Schweizerhof Morosani. Kurz davor hatte Leuenberger zwanzig Minuten unangenehm berührt den Gegengipfel «Public Eye» besucht, in einer Haltung, als habe man ihn in eine zu enge Haut eingenäht.

In dem Pressegespräch lobte er den «Dialog» (des Wef), zeigte sich sehr beeindruckt von den Reden und seinem morgendlichen Viertelstundentreffen mit Vincente Fox (Was kann man in 15 Minuten eigentlich bereden? «Das sind immerhin 15 Mal eine Minute»), darauf verteidigte er den Polizeieinsatz mit den Worten, die Demonstranten hätten gedroht, «Davos wird brennen», deshalb werde «Meinungs- und Versammlungsfreiheit» durch Demonstrationsverbot und Polizei gerade eben geschützt, und was Verhaftungen, Ausschaffung, Verkehrssperren und unerlaubtes Fotografieren etc. beträfe, könne man ja, sagte Leuenberger mit feinem Juristenlächeln, bis nach Strassburg klagen: «Denn wir leben in einem Rechtsstaat.»

Auf die Frage, ob er – in seiner Jugend ja immerhin in der linken Szene – nicht wisse, dass politische Schwäche oft mit starken Parolen kompensiert werde, dass es also eine Idiotie sei, einen beispiellosen Overkill mit ein paar amüsanten Parolen zu rechtfertigen, wollte Leuenberger, nun selbst ganz Polizist, Name und Zeitung wissen und antwortete: «Gut zu wissen. Danke für Ihr Statement.»

Danke zurück. Der Intellektuelle Leuenberger – trotz seinen Literaturclubauftritten, Theaterbesuchen und kokett gedrechselten Statements – erwies sich in dem Moment, als er etwas zu sagen gehabt hätte, als kommuner bürgerlicher Bundesrat. Zur Hölle mit ihm.

Was den Rest anbelangt, waren es amüsante zwei Tage: eine gut gelaunte Minidemo, bei der die Polizei in vier Sprachen redete («This is the polizz speking – we will use tear gaz and bullezz!»), ein Drittel der 300 Demonstranten waren Journalisten, ein Drittel Theologen, die sich jeweils bei jeder Durchsage der Polizei an den Händen fassten und Kirchenlieder sangen, als wären sie bei Nero in der Arena und warteten auf die Löwen – Gott sei Dank stoppte der Wasserwerfer ihre Gesänge. In Form war auch die verärgerte Pressemeute, die von Wef und Polizei wie Aussätzige behandelt wurde – weder Macht noch Polizeistaat brauchen Presse: Davos war auch eine Demonstration dessen, was die vierte Gewalt, wenn es hart auf hart kommt, wert ist – nichts –, die Journalisten waren dementsprechend in schlechter, aber revolutionärer Stimmung. («Polizeiputsch», schrieb der «Sonntagsblick», und auch die «SonntagsZeitung» sprach von «Verletzung der Grundrechte».) In Stimmung war schliesslich eine fast durch die Bank weg schlecht gelaunte Bevölkerung («Die spinnen», «Sollen sie das Wef an der Autobahn bauen»).

Die Einzigen, die sich in Davos ohne Wef-Badge willkommen fühlten, waren die Hundertschaften von Handys, überall in den Händen von Wef-Delegierten, Sicherheitskräften, JournalistInnen, Public-Eye-OrganisatorInnen, Bodyguards und DemonstrantInnen. Das Hauptgefühl in Davos war Nervosität: am falschen Ort zu sein und das Wichtigste zu verpassen.

Dabei war man am richtigen Ort – man erlebte neben dem Zusammenbruch des Schweizer Rechtsstaats eines der letzten Wefs in Davos, bevor es der WTO-Konferenz nach Doha in das Scheichtum des Emir Sheikh Hamad bin Khalifa al-Thani folgen wird: Katar ist die perfekte Monarchie mit Folter, aber ohne Gewerkschaften und Versammlungsfreiheit.

Die Stadt Doha hingegen ist bereits das, was das Wef aus Davos gemacht hat: eine Strasse in der Wüste.

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