17.06.1999

Das Leben ist anderswo

Von Risto Lazarov, Skopje

Die wenigsten Flüchtlinge, die in den mazedonischen Lagern leben, dürften von dem Buch oder seinem Autor Milan Kundera gehört haben, aber der Titel passt: «Das Leben ist anderswo». Das Glück, davon sind die meisten Flüchtlinge aus dem Kosovo überzeugt, finden sie nicht mehr zu Hause. Das Leben ist anderswo, und in ihrem Falle irgendwo im Westen: Vor allem in Deutschland und in der Schweiz, aber auch in Frankreich, Belgien, den USA, Kanada.
Nach einer Umfrage, die das regierungsunabhängige Mazedonische Informationszentrum in Skopje unter Kosovo-Flüchtlingen vornahm, wollen fünfzig Prozent der Befragten ihr Leben in einem der westlichen Länder fortsetzen. Nur fünf Prozent wollen in den Kosovo zurückkehren, und noch weniger, nämlich vier Prozent, wollen in Mazedonien bleiben (die übrigen wollen sich in den Nachbarstaaten niederlassen). Die mazedonische Regierung und die hiesige Bevölkerung können nach diesem Resultat aufatmen – die Furcht, dass viele Flüchtlinge im Land bleiben wollen, scheint unbegründet. Mazedoniens oberster Polizeichef Pavle Trajanov hat immer wieder auf die Erfahrungen in Deutschland hingewiesen, wo der grösste Teil der Flüchtlinge aus Bosnien für immer bleiben wollte, dann aber zurückgeführt wurde.
Doch die Rückkehr ist so einfach nicht. Nur vierzig bis fünfzig Prozent der Flüchtlinge haben Ausweise, für die übrigen hat die mazedonische Polizei eine Sondereinheit gebildet. Eine überflüssige Übung, denn nach Gerüchten, die in Skopje kursieren, sind zwar 80 000 BürgerInnen Albaniens nach Mazedonien gekommen, aber nicht, um von dort aus in den Kosovo zu gelangen. Sie hoffen auf ein Ticket in ein westliches Land. Die Tatsache, dass manche von Albanien erst in den Kosovo gingen, um von dort nach Mazedonien und an das begehrte Westvisum zu kommen, kompliziert noch die Situation.
Damit nicht genug. Auch Menschen, die in Skopje aufgewachsen sind, haben sich mittlerweile unter die Flüchtlinge gemischt. Das ist eine Tatsache. Eher ein Gerücht ist hingegen die Geschichte, dass die Ausreise in ein westliches Land 2500 D-Mark kosten soll und dass sich auf diesem Gebiet bereits ein blühendes Geschäft entwickelt habe. Immerhin werden die Hinweise so ernst genommen, dass mittlerweile das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) in Genf die Sache untersucht.

Auch theoretisch keine Chance

Doch die Aufmerksamkeit konzentriert sich derzeit ganz auf die Flüchtlinge, die nach Hause zurückkehren wollen. Wie sieht ihr Leben künftig aus? «Wir werden es sicher nicht mit den Serben teilen», sagt ein älterer Albaner, der sich Artim nennt und in dem Lager Stenkovac bei Skopje weilt. «Es gibt nur eine Lösung des Problems: Die Abreise der Serben nach Serbien und unsere Rückkehr in den Kosovo.»

Mustafa, ein anderer Flüchtling, der nahe der Grenze zu Mazedonien lebte, sieht keine Probleme: «Die Serben werden von alleine gehen, so einfach ist das. Ein Serbe kann nicht neben neun Albanern leben, sie haben im Kosovo keine Zukunft mehr, für ihr Bleiben gibt es nicht einmal eine theoretische Chance.» Ein dritter Flüchtling sagt: «Solange wir von den USA unterstützt werden, müssen wir uns vor nichts fürchten.» Die Unabhängigkeit des Kosovo steht für sie ausser Frage. Das haben auch schon die Fünfjährigen kapiert: «Wir können mit den Serben nicht leben, der Kosovo ist unser Land», wiederholen sie.

Lass die Finger weg

Da sich die Flüchtlinge nun auf ihre Rückkehr vorbereiten, tut sich eine zweite Frage auf: die nach der politischen Pluralität. Obwohl die mazedonischen Behörden jede Art von politischer Organisation unter den Flüchtlingen in den Lagern entschieden ablehnten, hatten diese ihre politischen Auffassungen nicht zu Hause gelassen. Die politischen Differenzen sind zum Teil erheblich – die einen befürworten die gemässigte Linie des Kosovo-Führers Ibrahim Rugova, die anderen hängen den radikaleren Ideen der UCK an. Generell gilt, dass die UCK-AnhängerInnen in vielen Bereichen strikter sind – in den Beziehungen untereinander, im Verhältnis zu den internationalen Organisationen und in ihrer Haltung zur mazedonischen Regierung. So haben sie zum Beispiel gefordert, dass nur Polizisten albanischer Herkunft in den Lagern kontrollieren dürften – dies wurde von den mazedonischen Behörden abgelehnt.
Die verschiedenen politischen Positionen kommen auch durch die unterschiedlichen Quellen zustande, aus denen sich die Flüchtlinge informieren. Sie hören in den Lagern die albanischsprachigen Programme der grossen westlichen Sender wie BBC, Deutsche Welle oder Voice of America, sie lesen die Zeitungen der mazedonischen AlbanerInnen und die Zeitung «Koha Ditore», die nach Kriegsbeginn ihren Erscheinungsort von Pristina nach Tetovo verlegte. Eine wichtige politische Rolle spielen natürlich auch die Gerüchte, die oftmals auf Halbwahrheiten und Manipulationen beruhen.
Warum sich überhaupt jemand für die politischen Organisationen im Lager interessiere, will der 21 Jahre alte Adnan Sakiri wissen. «Unsere politischen Vorstellungen sind das Einzige, was wir mitgenommen haben, als wir unser Zuhause verlassen mussten. Es ist doch selbstverständlich, dass wir politisch denken und alles für die Unabhängigkeit des Kosovo tun.» Die anderen seiner Generation denken ähnlich. Die älteren Menschen sind etwas reservierter, und die Frauen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, verweigern jede politische Stellungnahme. «Sieh doch, wohin uns die Politik gebracht hat», sagt ein alter Mann, «hier stirbt man nicht im eigenen Land, keiner weiss, wo sein Grab sein wird und wo die Enkel leben werden.» Sein Rat: «Finger weg von der Politik – sie bringt nur Unglück.» Sein Name sei Fadilj, sagt der Alte, und fügt enttäuscht hinzu, dass niemand sich für ihn interessiere, niemand wissen wolle, woher er komme und warum er in diesem Lager sei. Dieser Mann trägt eine tiefe Wunde mit sich herum, andere Flüchtlinge haben ähnliche Narben. Das sei alles, was ihnen geblieben sei, sagen sie: verwundete Seelen. Und ein bisschen Hoffnung.

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