06.05.2004

Nur weg vom Rand

Der Autor Elmar Kraushaar ist ein Schwulenaktivist der ersten Stunde. In seinem Buch blickt er auf dreissig Jahre Schwulenbewegung zurück.

Von Caspar Reimer

«Dafür haben wir nicht gekämpft!» – Fast schon wie ein Aufschrei klingt das Fazit des ehemaligen taz-Redaktors Elmar Kraushaar über dreissig Jahre Schwulenbewegung. Er gehört zu jener Generation von Schwulen, die im Zuge der 68er-Bewegung und im darauf folgenden Jahrzehnt den homosexuellen Mann zu einem öffentlichen Thema machten, ihn aus dunklen Verstecken heraus auf die Strasse zerrten. Berühmt gemacht haben ihn besonders seine Kolumnen mit dem Titel «Der homosexuelle Mann ...», eine Art schwuler Medienschau. Sie erschienen zwischen 1985 und 2003 im schwulen Berliner Stadtmagazin «Siegessäule», im bundesweiten «magnus» und in der taz. Eine Auswahl liegt nun unter dem Titel «Der homosexuelle Mann ...» als Buch vor.

«Wir waren Jünger Rosa von Praunheims», berichtet der heute 53-Jährige über die Zeit, als er aussah wie Jimmy Hendrix. Wie schon sein Schriftstellervorbild Klaus Mann fünfzig Jahre zuvor «flüchtete» auch Kraushaar aus der Provinz ins schrille Berlin: «Ich wollte weit weg.» Er wuchs in einem kleinen Dorf in Nordhessen auf, machte dort das Abitur, begleitete seinen Bruder als Zaungast zu den Demonstrationen der 68er-Bewegung in Frankfurt und kam schliesslich 1971 nach Berlin. In der Homosexuellen Aktion West-Berlin (HAW) fand er als junger, «politischer» Schwuler eine Heimat.

«Es gab zwei Szenen damals: die eine in Klappen (öffentliche Toiletten) und dunklen Lokalen, wo man sich ganz im Versteckten bewegte. Und dann gab es uns – die langhaarigen Linken, welche die Schwulen öffentlich machen wollten», erzählt er. Rosa von Praunheim war eine der lautesten Stimmen, die den homosexuellen Mann knallhart dazu aufriefen, sich gegen jegliche bürgerliche Vereinnahmung zu stellen. «Die Schwulen in den Klappen führten ein Doppelleben. Sie hatten Angst vor uns, weil wir sie aufforderten, zu ihrer Orientierung zu stehen», sagt Kraushaar. Die langhaarigen «Politschwuchteln» – so wurden sie damals beschimpft – gingen vor die Lokale und verteilten Flugblätter. «Hinein liess man uns nicht.»

In Berlin begann auch Kraushaars journalistische Arbeit. Für die «Schwuchtel», das erste politische Schwulenblatt, rezensierte er Filme und Theaterstücke, im Verlag rosa Winkel gab er die «Schwule Anthologie» mit Erzählungen und Gedichten heraus. 1980 wollte er seine erste Buchidee realisieren: «10 Jahre Schwulenbewegung – eine Bilanz». Schlussendlich wurde daraus das schwule Aufklärungsbuch «Männer. Liebe.», das er zusammen mit Matthias Frings verfasste.

Dann kam Aids. «Vor Aids musste ich für meine Kolumnen immer nach schwulen Themen in Heteromedien suchen gehen. Mit Aids kam der grosse Umschwung», sagt Kraushaar, «der Homosexuelle wurde endlich öffentlich.» Er versuchte, der Berichterstattung gewisser Medien entgegenzuwirken. Einerseits wurde dort dämonisiert, andererseits verharmlost. Doch «nachdem der Aids-Schock vorbei war, setzte die erste Entpolitisierung der Schwulenszene ein. Man hatte nicht mehr das Gefühl, randständig zu sein.»

Heute arbeitet Kraushaar einerseits als freier Autor und Journalist, andererseits als Redaktor bei einem Fernsehkanal für nicht Deutsch sprechende BerlinerInnen. Nach dreissig Jahren des Kampfes könnte man annehmen, dass sich Kraushaar nun mit Genugtuung zurücklehnt. Ein Irrtum – denn «geändert hat sich nichts, nur die Fassade wurde ein wenig aufgebessert», schreibt er im Vorwort zu seinem neuen Buch. «Manchmal, da zucken die zusammen, die keine 23 mehr sind, die die Pest überlebt haben ... und müssen sich eingestehen: Dafür haben wir nicht gekämpft!» Auch im Jahr 2004 ist das Wort «Politschwuchtel» in der Schwulenszene genauso fleissig in Gebrauch wie zu Anfangszeiten.

Dankbar bis zur Selbstaufgabe

«Toleranz nach innen gibt es nicht», bilanziert Kraushaar. Besonders Tunten und ältere Schwule würden in den eigenen Reihen diskriminiert. «Sechzig Jahre nach Hitlers Versuch, Homosexuelle vollständig zu vernichten, und zehn Jahre nach dem endgültigen Fall des Paragraphen 175 geben sich viele Schwule immer noch zufrieden mit jedem Bissen, der ihnen entgegengestreckt wird. Vielleicht ist das die Natur des Aussenseiters, devot zu sein und dankbar bis zur Selbstaufgabe.» Es gäbe eine Angst, aufzufallen, am Rand zu stehen. Mittlerweile seien Schwule «Testmarkt für neue Waren und Konsum. Sie sind chic, nicht zu laut und würden nie gegen die von aussen gesetzten Grenzen verstossen.»

Für einen bewegten Schwulen der ersten Stunde ist das manchmal nur schwer zu ertragen: «Ohne diese lauten ersten Tage wäre gar nichts passiert», betont Kraushaar. Doch heute, «unter den Blicken einer gelangweilt-toleranten Öffentlichkeit», wolle man die langhaarigen Aufständischen von damals vergessen machen. Und als «Politschwuchteln» würden nicht etwa die Befürworter der Homoehe beschimpft, sondern jene, die noch andere Forderungen stellen. «Die Homoehe lassen wir mal so stehen. Doch sie bedeutet nur für etwa zehn Prozent der Schwulen etwas. Die Mehrheit lebt nicht so.» Diese Heterosexualisierung, kritisieren manche Aktivisten die Homoehe, lasse den aufmüpfigen, unangepassten und unbürgerlichen Schwulen nicht mehr zu.

In Kontaktanzeigen auf schwulen Internetseiten heisst es heute schon mal: «Suche heteromässigen Typen.» Oder: «Suche Mann, der sich unter Heterosexuellen am wohlsten fühlt und beim Anblick von Tunten kotzen muss.» Elmar Kraushaar sagt: «Es fehlt ein Vorbild für eine schwule Identität, an der sich Junge orientieren können. So traurig es klingen mag, aber ich denke, dass wir von aussen eine Bedrohung brauchen, damit der innere Dialog wieder beginnt.»

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