05.04.2001

Ich bin hier geboren, Punkt

Wenige Monate vor Beginn der neuen Intifada trafen sich im vergangenen Frühling in Zürich palästinensische, arabische und israelische Intellektuelle, um über Auswege aus der völlig verfahrenen Situation in Israel/Palästina zu streiten (siehe WoZ Nr. 23/00). Eingeladen hatte sie der Schriftsteller Rafik Schami. Nun hat er die Gespräche veröffentlicht.

Interview: Irène Loebell

Rafik Schami im November 2012. Foto: Ursula Häne

WoZ: Als Sie vor einem Jahr daran gingen, eine Tagung zum Thema «Angst im eigenen Land» mit TeilnehmerInnen aus Israel und Palästina vorzubereiten, wurden Sie mit einer Angst konfrontiert, mit der Sie überhaupt nicht gerechnet hatten: Sie hatten grosse Schwierigkeiten, ReferentInnen für diese Tagung zu finden.
Rafik Schami: Es hat mich erschreckt, welche Ängste es gibt, mit dem Gegner zu reden. Ein Beispiel: Ich bekam die Adresse eines berühmten arabischen Schriftstellers – der Name tut nichts zur Sache –, des Feuilletonchefs einer bedeutenden arabischen Zeitung. Ich lud ihn ein, er sagte sofort zu. Zwei Wochen später sagt er ab. Später erfahre ich, dass der arabische Schriftstellerverband und der arabische Journalistenverband jeglichen Kontakt mit israelischen Intellektuellen verboten haben. Er hatte also Angst um seine Position. Punkt zwei: Während wir die Tagung vorbereiteten, änderte sich die Situation in Israel radikal. Plötzlich sagte man mir: «Jetzt kommt kein vernünftiger Mensch mehr zu einem solch sinnlosen Gespräch.» Aus Abscheu oder aus Pessimismus. Und die dritte Erfahrung: Manche hatten Angst, für ihre Teilnahme am Symposium bestraft zu werden. Sie sagten mir: «Ich habe genug gelitten: Als ich vor zehn Jahren Kontakt mit Israelis hatte, bedrohte man mich und meine Familie. Ich mag nicht mehr.» Ich respektierte ihre Entscheidung, aber die Reaktionen überraschten mich in ihrer Heftigkeit.

Vor diesem Hintergrund ist für mich umso überraschender, welch offenes Gespräch dennoch möglich wurde. Beim Lesen der Diskussionsbeiträge hatte ich den Eindruck, in einen ganz intimen Raum einzutreten, in dem völlig ungeschützt unglaublich Persönliches preisgegeben wird. Hatten Sie diese Offenheit erwartet?
Nein. Die Konflikte wurden so intim, dass jegliche Diplomatie und alle höflichen Vorsichtsmassnahmen fallen gelassen wurden. Plötzlich gingen Israelis auf Israelis los, Palästinenser kritisierten Palästinenser. «Ich erlaube dir nicht, so über Amoz Oz zu reden», schrie die Israeli Batya Gur ihre israelische Schriftstellerkollegin Lea Aini an, die Amoz Oz' politische Haltung anprangerte. «Wenn du ihn kritisierst, so mache das mit ihm direkt aus, aber nicht hier.» Auch die Palästinenser stritten offen miteinander. Und das alles im Theater am Neumarkt vor einem Publikum von 300 Leuten und vor der Presse. Sie führten Gespräche, als wären sie bei sich zu Hause beim Kaffee.

«Angst im eigenen Land» – dabei denkt man sofort an die Angst um das eigene Leben, bedroht vom anderen. Erstaunlicherweise ist von dieser Angst in den Beiträgen aber fast überhaupt nicht die Rede. Dafür aber von einer grossen Vielfalt anderer Ängste. Hatten Sie das erwartet?
Nein, wie vielschichtig Angst sein kann, war mir nicht klar. Das kam erst durch die Teilnehmer. Plötzlich war da die Rede von der Angst des Eroberers, der mit Gewalt Frieden herstellen will – Batya Gur sprach davon. Oder der palästinensische Schriftsteller Anton Shammas beschrieb, welche Angst er hat, in Jerusalem eine hebräische Zeitung zu lesen, weil andere Palästinenser ihn für einen Verräter halten könnten. Oder der israelische Schriftsteller Etgar Keret beschrieb einen israelischen Soldaten, der mehr Angst vor seinem eigenen Feldwebel hat als vor einem Hamas-Mann. Diese vielfältigen Formen von Angst haben mich überrascht. Die andere Angst – die Angst der beiden Völker voreinander – ist natürlich immer mit dabei. Darüber spricht man aber nicht einmal mehr, so selbstverständlich ist sie. Und diese Selbstverständlichkeit ist natürlich etwas ganz Schreckliches.

Ich möchte auf die beiden Beiträge eingehen, die mir am stärksten unter die Haut gingen, weil sie beide auf fast unerträgliche Weise an schmerzliche Stellen der jeweiligen Gruppe rühren, der die Autoren angehören. Zuerst der Beitrag des palästinensischen Autors Samir El-Youssef: Er sagt, dass die palästinensischen Opfer durch ihr Beharren auf der Opferrolle und das daraus abgeleitete Recht zum Terror gegen die Israelis sich in erster Linie selbst entmenschlichen. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Das war keine Überraschung, ich kannte seine mutigen Artikel in arabischen Zeitungen. Ich lud ihn ein, weil ich von der Härte beeindruckt bin, mit der er seine eigenen Leute kritisiert. Etwa, indem er aus der Reihe tanzt und den Mechanismus der Gehirnwäsche denunziert, der auf palästinensischer Seite funktioniert. In diesen Lagern, wo die jungen Selbstmordattentäter rekrutiert werden. El-Youssef sagt: «Wir gefallen uns in der Rolle des Opfers und bereiten uns dadurch auf den Missbrauch vor.» Er geht aufs Ganze mit dem Mut des Verzweifelten. Denn er weiss, wie viele kluge und lebenslustige Kinder auf diese Weise zerstört werden. Kaum jemand ist dem Flüchtlingslager, in dem er aufwuchs, gesund entkommen. El-Youssef lebt heute als Wissenschaftler in London. Er weiss, dass viele einen anderen bitteren Weg gehen mussten, der nicht selten mit einem grausamen Tod endete.

Ist El-Youssef zu dieser erbarmungslosen Härte imstande, weil er wegging? Muss man weggehen, um das sehen zu können?
Manchmal ist es tatsächlich wichtig, wegzugehen, um besser sehen zu können. Denn mitten im Strudel begreifst du manchmal nicht mehr, welchen Mechanismen du unterliegst. El-Youssef ging aber nicht völlig weg. Er schreibt in arabischen Zeitungen, die in arabischen Ländern erscheinen und von einem grossen Publikum gelesen werden.

Der israelische Schriftsteller Etgar Keret ist nicht weggegangen. Auch er schockiert, wenn auch auf völlig andere Weise. Er verweigert etwas, das man von jedem fortschrittlichen Israeli erwarten würde, rundweg: das schlechte Gewissen den Palästinensern gegenüber.
Absolut. Mit einer Unverfrorenheit, die ich bewundere. Er geht innerlich auf Distanz, indem er sagt: «Ich muss niemandem Rechenschaft darüber ablegen, weshalb ich in Israel lebe. Ich bin hier geboren, Punkt.» Er erzählte uns, ein Freund habe ihm vor seiner Abreise nach Zürich geraten: «Ein Israeli muss jammern und klagen, wie brutal sein Volk gegen die Palästinenser ist, das gefällt den Arabern.» Keret wollte aber nicht jammern, sondern er wollte über Ideologien diskutieren, die blind machen. Etgar Keret überraschte vor allem die Palästinenser: als Angehöriger einer neuen Generation, mit der die Palästinenser leben müssen. Diese alte Hoffnung der Palästinenser – «Wenn wir nur genug hart kämpfen, werden die Juden, die aus Polen, aus den USA und aus Deutschland hierher gekommen sind, irgendwann einmal die Nase voll haben und zurückkehren» – diese Hoffnung ist endgültig zu einer absurden Illusion geworden. Junge Israelis wie Keret kennen weder die USA noch Polen, sondern nur Israel. Die haben auch keine Gewissensbisse, dass sie Israelis sind.

Aber Keret macht ja noch etwas anderes, das nicht für die Palästinenser, sondern für sehr viele Juden extrem schockierend ist: Er sagt, dass es Juden gab, die sich während des Holocaust amüsierten. Er spricht dabei von seinem Vater. Und er plädiert dafür, auch den Holocaust ideologischer Barrieren und falscher Eindeutigkeiten zu entledigen.
Man muss dazu wissen, dass Etgar Kerets Grosseltern im KZ umgebracht wurden und dass sein Vater in einem KZ aufwuchs. Und da die Eltern wussten, dass sie sterben würden, liessen sie die Kinder völlig frei. Damit sie sich amüsierten, so gut das eben möglich war. Kerets Vater wusste natürlich vom Kummer der Erwachsenen, aber er rannte mit den Mäd- chen herum und spielte Verstecken, rauchte seine erste Zigarette und verliebte sich, wie sich Kinder arglos verlieben. Es war eine sehr komplizierte Lage. Aber die Kinder wurden wie kleine Heilige behandelt, weil die Eltern wussten: Sie leben nur auf Zeit. Kerets Vater kam nach der Befreiung sofort nach Palästina. Was Keret sagen will: Er ist auch in dieser heiklen Frage des Holocaust gegen Vereinfachungen, weil das Leben so kompliziert ist und Vereinfachungen nur zu Ideologien führen.

Und das so offensiv öffentlich auszusprechen, ist ein Tabubruch sondergleichen. Es gibt unter vielen Juden den expliziten Konsens: «Alles, was das Leiden im Holocaust relativiert, behalten wir für uns, damit wir unseren Gegnern keine Munition liefern.» Dagegen verstösst Keret aufs Härteste.
Es gibt ja diese These, die ich auch vertrete: Angehörige von Minderheiten dürfen sich vor der Mehrheit nicht blossstellen, weil das missbraucht wird. Aber jetzt kommt eine Generation in Israel, zu der Etgar Keret und einige junge israelische Historiker gehören, die sich an diesen Konsens nicht länger gebunden fühlen. Wie weit kann man den Konsens nach aussen brechen? Ich kann das nicht beurteilen, weil ich nicht Israeli bin.

Was hat der Umstand, dass sowohl Keret wie auch El-Youssef solche für ihre eigenen Leute schmerzhaften Tabubrüche vollziehen, an der Tagung ausgelöst?
Ein Tabu hat ja immer etwas Trennendes. Wenn man ein Tabu um etwas aufbaut, hat der andere keinen Einblick mehr. In dem Augenblick, wo man ein Loch in diese Mauer macht, bekommt der andere Einblick und sieht etwas von dem, was so belastend ist. Viele Palästinenser verstehen den Holocaust überhaupt nicht – oder wollen beziehungsweise können ihn nicht verstehen. Sie verdrängen völlig, dass die Juden eine Leidensgeschichte haben. Und viele Israelis sehen über das Leid der Palästinenser hinweg. «Junge Israelis fahren bis Bosnien, um Muslime vor dem Unrecht der Serben zu schützen und ihnen zu helfen, während vor ihrer Haustüre palästinensische Muslime leiden», kritisierte der israelische Historiker Ilan Pappe an der Tagung.

Diese Bereitschaft auf beiden Seiten, an Tabus zu rühren, baute Vorurteile ab. Die Palästinenser begriffen: Etgar Keret will uns nicht fertig machen und uns zeigen, wie toll die israelische Demokratie funktioniert, sondern er versucht verzweifelt, Gesprächshemmnisse abzubauen. Und Samir El-Youssef streckt den Israelis die Hand hin und sagt: «Ich will euch erklären, was aus dem Leid der Opfer werden kann. Ihr solltet sehen, was in den Lagern passiert, vielleicht könnt ihr dann begreifen, wie wir das gemeinsam lösen können. Zum Beispiel, dass jedes Bombardement von Lagern neue Märtyrer erzeugt.» Von den Palästinensern, die im Publikum sassen, waren einige nicht besonders begeistert von Samir El-Youssef, und einige Juden nicht von Etgar Keret. Aber beide kamen ja nach Zürich, um offen zu diskutieren und nicht, um zu gefallen.