03.06.1999

Dialog unten statt Bomben von oben

Von Harald Holzmann

Novi Sad. Zwischen einem zehnstöckigen Wohnhaus und einer Primarschule sind dreimal Bomben abgeladen worden, das Wohnhaus ist zerstört, die Schule schwer beschädigt. Die Brücken über die Donau sind alle vernichtet, unter der Freiheitsbrücke verlief die Hauptwasserleitung, die den Süden der Stadt mit Trinkwasser versorgt hat. Militärisch hat die Zerstörung der Brücke keinen Sinn, da die Zufahrtsstrassen viel zu schmal sind.
Auf Einladung des jugoslawischen Gewerkschaftsbundes sind wir, eine Gruppe deutscher GewerkschafterInnen letzte Woche durch Jugoslawien gereist. Wir wollten sehen, was gemeint ist, wenn die Nato – wie so oft – von «geringen Kollateralschäden» spricht, und fuhren nach Novi-Sad, dann nach Belgrad, Kragujevac, Nis und Alexsinac.
AutofabrikKragujevac zum Beispiel, die Stadt der Zastava-Autowerke, ist seit der Bombardierung die Stadt der Arbeitslosen. 37 000 Beschäftigte haben ihren Arbeitsplatz verloren. Auch das Museum der Stadt, das an die Massaker der Nazis erinnern soll, ist schwer beschädigt. Im Gästebuch befindet sich ein Eintrag von Petra Kelly: «Wir Grünen werden verhindern, dass von deutschem Boden jemals wieder Krieg ausgeht.»
SplitterbombeNächste Station war Nis. Auch hier sind Fabriken in Schutt und Asche gelegt worden. Eine Wasserpumpenfabrik wurde von Spreng- und Splitterbomben getroffen. Auch die Technische Hochschule wurde beschädigt; im Eingangsfoyer ist der Behälter einer nicht explodierten Kassettenbombe ausgestellt. Auch diese Dinger haben ein Verfallsdatum: Diese hier musste bis zum Jahr 2005 benutzt werden. Das Dorf Medoshewac südlich von Nis wurde tagelang mit Splitterbomben belegt; es ist jetzt menschenleer.
AleksinacIn der Bergbaustadt Aleksinac hat die Nato Anfang April beim Bombardement eines Wohnquartiers 24 Menschen getötet. Die Nato hat den Beschuss bedauert, Wochen später aber dasselbe Quartier wieder angegriffen. In Aleksinac stehen die Betriebe und das Bergwerk wegen Stromausfalls still.
Fazit der kurzen Reise: Dieser Krieg ist auch ein Krieg gegen die jugoslawische Zivilbevölkerung. Zentrale Angriffspunkte sind neben militärischen Zielen Versorgungszentren (Wasser und Strom), zentrale Verkehrsverbindungen, Einrichtungen der Telekommunikation. Ergänzend werden offensichtlich wiederholt und nadelstichartig bestimmte Wohngebiete bombardiert.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch