10.05.2001

Wahrheiten, scheibchenweise

Von Paul Parin

Seit den Wahlen in den verschiedenen Republiken, aus denen das Jugoslawien Titos, die Föderative Volksrepublik Jugoslawien (FNRJ), bestand, also seit 1989 und 1990, haben sich im Gebiet des alten Jugoslawien fünf – oder sechs – Kriege abgespielt, die einen zeitlichen und inneren Zusammenhang haben. Eine umfangreiche Berichterstattung aus dem Inland und aus dem näher und ferner gelegenen Ausland, in Zeitungen, Zeitschriften und elektronischen Medien, aber auch in zahlreichen Büchern, Erlebnisberichten und historischen Dokumentationen und dazu noch eine erzählende und interpretierende Literatur hinterlassen eine solche Vielfalt und Vielschichtigkeit, dass das Interesse der Publizistik im deutschsprachigen Europa nicht erlahmt.

Da absichtliche und unabsichtliche Einseitigkeit, Vorurteile und Leidenschaften viele – aber nicht alle – Publikationen mitbestimmt haben, ist der Bedarf an nachträglicher Klarstellung der Entwicklung einschliesslich der Kriege und bis zu den heutigen Verhältnissen gross. Was könnte nötiger sein als eine verlässliche Darstellung von «Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen» des Jugoslawien-Krieges?

Die Herausgeber des so überschriebenen Bandes versprechen, ein «informatives Lesebuch» und, darüber hinaus, ein Handbuch, ein Nachschlagewerk zu allen Aspekten der Kriege zu geben; ein «unverzichtbares Standardwerk», ein zuverlässiges Nachschlagewerk für alle politisch Interessierten. Während am Wert des «Lesebuchs» nicht zu zweifeln ist, will ich versuchen, das Werk unter dem Gesichtspunkt «Handbuch» genauer unter die Lupe zu nehmen.
Heute, im Frühjahr 2001, sind zahlreiche Konflikte aus den Jahren der heissen Kriege immer noch ungelöst und rufen nach einer besseren politischen Strategie. Lediglich in der Republik Slowenien hat die Nachkriegszeit begonnen. Schwer wiegen anderswo politisch äusserst instabile Verhältnisse, die nicht so bleiben können, wie sie heute sind, belastet mit der Hypothek des Vorläufigen.

Nicht gebannte Kriegsgefahr

Im Herbst 2000 ist der serbische Präsident Slobodan Milosevic durch Wahlen und einen Volksaufstand entmachtet und vom politisch unbelasteten Voijslav Kostunica ersetzt worden. Milosevics Politik gilt als der wichtigste Faktor, der für die Kriege, die seit 1991 auf dem Gebiet der ehemaligen Volksrepublik gewütet haben, verantwortlich ist. Doch ist die Politik, die der diktatorisch agierende Präsident verfolgt hatte, nicht ohne Spuren geblieben. Die Kämpfe in Bosnien-Herzegowina sind mit dem von den Vereinigten Staaten von Amerika erzwungenen Vertrag von Dayton (Dezember 1995) zwar zum Stillstand gekommen, und es wurde danach in diesem Gebiet ein einheitlicher Staat gebildet, der aus zwei unabhängigen Staaten besteht, doch trotz einer demokratischen Verfassung wurde bisher kein einziger wichtiger Schritt hin zu einer gemeinsamen Staatlichkeit unternommen.

Trotz massiver materieller Hilfe konnten von den in ethnischen Säuberungen vertriebenen Bewohnern nur ganz wenige in ihre Heimat zurückkehren. Ausserdem hat Kroatien nicht auf seinen Herrschaftsanspruch auf die westliche Herzegowina, die von der Partei des seither verstorbenen kroatischen Präsidenten Tudjman aus dem Staat Bosnien-Herzegowina herausgelöst und von Bosniern weitgehend «gesäubert» worden war, verzichtet. Ungelöst ist auch die Frage, ob und wie sich Montenegro von Serbien trennen wird; die Bevölkerung ist zur Hälfte für ein Verbleiben im Staatsverband mit Serbien, zur anderen Hälfte möchte sie sich ganz aus dem von Serbien majorisierten Jugoslawien lösen.

Im Kosovo, das von den Truppen der Nato und den von ihnen eingesetzten zivilen Behörden verwaltet wird, drängt die albanische Mehrheit auf die vollständige Unabhängigkeit von Serbien, während die von Nato und Uno aufgebaute Verwaltungsmacht bisher am Ziel festhält, die gemeinsame Staatlichkeit im Rahmen Jugoslawiens, das heisst Serbiens und Montenegros, wiederherzustellen.

Der neue Präsident Serbiens, Kostunica, hat anscheinend die traditionelle hegemonistische Politik Serbiens nicht ganz aufgegeben. Gegenwärtig droht ein «kleiner» Grenzkonflikt in einen Krieg auszuarten. In einem Gebietsstreifen jenseits der östlichen Grenze des Kosovo wohnen mehrheitlich Albaner. Dort fallen trotz der internationalen Militärpräsenz militärische Kräfte der UCK aus dem Kosovo ein, während das militärisch weit überlegene Serbien droht, jene Albaner mit Waffengewalt zu unterwerfen.

Die Liste «ungelöster Konflikte» liesse sich beliebig verlängern. Einer Lösung widerstreben nicht nur die nationalen und ethnischen Aspirationen in den Territorien, die vom Krieg angefacht wurden und sich längst nicht beruhigt haben. Schwerer wiegt, dass Uno, Nato, UNHCR und andere Institutionen der Mächte aus dem Ausland kein Konzept haben, das in sich kohärent wäre oder das sie gemeinsam vertreten könnten. Die Konflikte im Land werden von den Regierungen, aber auch von juristischen Instanzen zum Teil als «unlösbar» bezeichnet. In dieser Lage wäre ein verlässliches Handbuch, aus dem Politiker, Juristen, Zeithistoriker und Publizisten jeder Art sich über Hintergrund, Entstehung und Ausformung der anstehenden Probleme informieren könnten, höchst erwünscht.

Macht der Definition

Ein solches «objektiv» richtiges Handbuch ist das vorliegende nicht und kann es nicht sein. Auch die seriöseste wissenschaftliche Darstellung trägt den Stempel ihrer Autoren. Die Vereinigung Palais Jalta, die das Werk in Auftrag gab, hat ihren Sitz im Westen Deutschlands und hat sich der Mitarbeit von Autoren versichert, die das Vertrauen der Institution geniessen. Standpunkte kommunistischer oder national-chauvinistischer Publikationen, aber auch deren eventuell vorhandener Informationsstand werden in der Regel nicht berücksichtigt. Wissenschaft ist vor allem an der Beseitigung von Wissenslücken und an der Richtigstellung von unrichtigen oder verfälschten Berichten interessiert. Die Herausgeberin Dunja Melcic schreibt im Vorwort: «Wissen (oder mangelndes Wissen) und die Bewältigung von Krisen haben einiges miteinander zu tun. Der Westen als oberster Krisenmanager beanspruchte die Definitionsmacht über den Konflikt. Dieser Anspruch wäre nicht anmassend gewesen, wenn ihm eine genaue Wahrnehmung entsprochen hätte. Doch die Mängel waren unübersehbar – die Folgen dieser Mängel ebenso.»

Wertlos ist der Versuch einer Klarstellung nicht. Doch sollte man den Mangel an Wissen über die Geschichte und über die aktuellen Verhältnisse nicht hinnehmen, ohne die näheren Umstände zu beachten. Im Buch wird erwähnt, dass der US-amerikanische Präsident Bill Clinton und der Präsident Frankreichs, François Mitterrand, primitive Vorurteile in Machtpolitik eingebracht haben. Anderen Autoren des Handbuches ist klar, dass diese Unwissenheit sekundärer Natur gewesen ist. Das Interesse Amerikas war damals allein auf die Innenpolitik gerichtet, während Frankreich darauf bedacht war, den Einfluss des eben wiedervereinigten Deutschland auf dem Balkan nicht unkontrolliert anwachsen zu lassen.

Die meisten Autoren versuchen, die Manipulation der öffentlichen Meinung, die von den Regierungen und der Presse der betroffenen Staaten betrieben wurde und jeweils von einem Teil der Presse des Westens unhinterfragt übernommen worden war, zu durchschauen, um der Wahrheit näher zu kommen. Seit dem Ende der Bombardierung des Kosovo sind weitere Einschätzungen der Hintergründe der Kriege publiziert worden. So hat der italienische Journalist Paolo Rumiz 1) «mafiose» Absprachen im Hintergrund der Kriege aufgedeckt; die habe es zwischen dem kroatischen und serbischen Präsidenten über die Aufteilung von Bosnien-Herzegowina gegeben, aber auch in allen anderen Kriegen. «Jeder Krieg enthüllt die Wahrheit und verschleiert sie gleichzeitig», meint Rumiz.

Geschichtsschreibung ist immer darauf angelegt, später, oft erst nach Jahrzehnten, ergänzt oder korrigiert zu werden. Manche Mitarbeiter des Buches sind für das von ihnen dargestellte Thema höchst kompetent und bringen alle Voraussetzungen für eine kritische Würdigung mit. Der Ethnologe und Mythenforscher Ivan Colovi studiert seit Jahren die «Symbolfiguren» des Krieges und ist der beste Kenner der «politischen Folklore», die bei der Propaganda für die «grossserbische Option» das ausschlaggebende Instrument zur Legitimation und Entfesselung des Krieges war.

Das benachbarte Gebiet der schönen Literatur wird von Alida Bremer bearbeitet. Die Autorin zeigt auf, wie sich die nationalen Ideologien und der Jugoslawismus in der literarischen Produktion manifestiert haben. Da sich die Autorin jedoch auf das herkömmliche Gebiet der Literaturgeschichte beschränkt, entstehen empfindliche Lücken. Das Manifest von Mitgliedern der Serbischen Akademie der Künste und Wissenschaften, Sanu, dem eine zentrale Rolle bei der Verbreitung einer chauvinistischen Ideologie zukommt, wird nicht – und auch in keinem anderen Beitrag – aufgegriffen. Und auch die reiche bosnische bzw. bosniakische Literatur, die nach dem Überfall auf Bosnien-Herzegowina entstanden ist, wird nicht erwähnt. Namhafte Autoren, die aus dem belagerten Sarajevo emigriert sind, um Zeugnis abzulegen – zum Bespiel Djevat Karahasan, Zlatko Dizdarevi, Muhidin Sari 2) –, haben auf die Ideologie der heutigen staatlichen Gebilde einen ausschlaggebenden Einfluss. Ein Handbuch, das diese reiche Literatur weglässt, vermittelt nicht nur ein unvollständiges, sondern eine geradezu irreführendes Bild der heutigen Verhältnisse.

Die Lücken, die zwischen 41 thematisch geschlossenen Beiträgen klaffen, machen das Werk als Handbuch unzulänglich. Einzusehen ist auch, dass die Herausgeberin nicht jeden Beitrag als Lektorin mitredigieren konnte. Der Rezensent erlaubt sich, einen relativ einfachen Kunstgriff zu empfehlen, der das vorliegende Buch für den Gebrauch künftiger Forschung und Publizistik tauglicher machen würde: die Erstellung einer «kommentierten Bibliografie» aus den einzelnen bibliografischen Angaben, die am Ende jedes Beitrags stehen, unter Einschluss jener Werke, die für die Erhellung von Themen und Zeitabschnitten unerlässlich wären, aber zu kurz gekommen sind.

Symbolische Ersatzhandlungen

Eine wichtige Epoche ist die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die Entstehung von Titos Jugoslawien und die Person des Marschalls und Präsidenten Josip Broz Tito. Dieses Zeitgeschehen bleibt weitgehend ausgespart. Lediglich Slavko Goldstein geht auf den Zweiten Weltkrieg und den Krieg der Partisanen ein. Leben und Persönlichkeit Titos werden ausschliesslich entsprechend der «autorisierten» Biografie von Vladimir Dedijer dargestellt, die 1953 in deutscher Sprache erschienen ist. 3) Slavko Goldstein hat nicht beachtet, dass Dedijer – sonst ein verlässlicher Journalist – alles weggelassen hat, was damals geeignet gewesen wäre, Tito bei Lesern im Westen unbeliebt zu machen; seine Rolle als Kommunist wird nur kurz erwähnt, die Politik des Bundes der Kommunisten ganz weggelassen.

Die Politik des Westens wird zuweilen offen kritisiert. Jacques Rupnik stellt die Frage, warum die EU und mit ihr auch die USA die Anwendung ihrer deklarierten Prinzipien, später die Ausführung ihrer Drohungen zur Einstellung der ethnischen Säuberungen – und der anderen Gräueltaten – so lange hinausgezögert haben. «Ob man den Konflikt (der im Westen vorherrschenden Meinungen) als historische Regression (in ethnisch definierte Nationalitäten) oder als Phase auf dem Weg zu moderner Staatlichkeit begriff – die ‘passendste’ Reaktion war die ‘Eingrenzung’, sprich eine minimalistische Eindämmungspolitik.»

Mit Rupniks Zusammenfassung der Lage zu Beginn der Kriege bin ich ganz einverstanden. Er schreibt: «Die Tatsache, dass schwache Balkanstaaten ‘Schutzherren’ suchen, bedeutet nicht, dass solche auch bereit oder in der Lage wären, diese Rolle zu übernehmen. Die Behauptung einer geopolitischen Ordnung nach historischen und kulturellen Trennlinien im Zusammenhang mit der Rückkehr Russlands, Deutschlands und der Türkei in diese Region konnte in der Realität auch nicht belegt werden.»

Auch nach dem Ende des offenen Krieges mit der Bombardierung des Kosovo und vieler Einrichtungen in Serbien ist an dieser Aussage nichts zu ändern. Der Jurist Stefan Oeter stellt fest: «Sowohl die Anerkennungspolitik als auch die traditionelle Kategorien des Blauhelmeinsatzes aufweichende humanitäre Aktion unter dem Signum der UN-Profor, der Dayton-Friedensplan wie schliesslich auch die Einsetzung des internationalen Strafgerichtshofes durch den UN-Sicherheitsrat tragen alle deutliche Züge einer solchen Politik symbolischer Ersatzhandlungen.»

Der Terminus «symbolische Ersatzhandlungen» verweist auf eine besondere Eigenart des Jugoslawien-Kriegs. Von Anfang an waren die Gesetze und Institutionen in den Republiken Tito-Jugoslawiens brüchig. Sie waren weder im Inland noch bei den europäischen Staaten, die sich bald nach dem Ausbruch gewalttätiger Handlungen einmischten, definiert oder gar durch irgendeine staatliche Macht garantiert. In jedem Konflikt tritt die symbolische Bedeutung ideologisch bestimmter Aspirationen und Entscheidungen neben der konkreten Äusserung der militärischen und wirtschaftlichen Macht hervor. Doch dürfte es kaum viele Kriege gegeben haben, in denen Symbole auf allen Seiten von Anfang an derart bestimmend waren.

Symbole sind leicht veränderbar. Sie unterliegen einem Bedeutungswandel durch Propaganda. Aber auch ohne durchschaubare Absicht leihen Symbole ihr Gewicht den verschiedensten Vorentscheidungen je nach der Absicht der Gruppen und Gremien, die sie propagieren. Selbst die scheinbar allgemein anerkannten Prinzipien der Menschenrechte, deren Gültigkeit von den meisten Staaten der Uno anerkannt wurde, haben ihre konkrete Gültigkeit verloren, nachdem sie von konkurrierenden Mächten aus «pragmatischen» Gründen ausser Acht gelassen wurden. Es ist dem Buch über den Jugoslawien-Krieg hoch anzurechnen, dass sich die meisten Autoren und Autorinnen über die sonst gültige Abgrenzung einer seriösen Geschichtsschreibung hinweggesetzt haben und der Diskussion der «symbolischen Ersatzhandlungen» so viel Raum und Bedeutung zuerkennen, wie ihnen gerade in diesem Krieg zukam und noch zukommt.

1) Rumiz, Paolo: «Masken für ein Massaker». Verlag Kunstmann. München 2000.

2) Djevat Karahasan: «Tagebuch der Aussiedlung». 1993. Zlatko Dizdarevic: «Der Alltag des Krieges». 1993. Muhidin Sarii: «Keraterm». 1994.

3) Vladimir Dedijer: «Tito». Autorisierte Biografie. 1953.

«Der Jugoslawien-Krieg. Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen». Im Auftrag des Ost-Westeuropäischen Kultur- und Studienzentrums Palais Jalta hg. von Dunja Melcic. Westdeutscher Verlag. Wiesbaden 1999. 590 S. 76 Franken.

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