08.02.2001

Eine Nacht im Wef

Von Yvonne Leibundgut und Constantin Seibt

Illegal – digital – scheissegal. Der Wef-Hacker ist der Robin Hood des Informationszeitalters: Er stiehlt von den Reichen und gibt den Armen. Seit Sonntagmorgen beherrschten eigentlich nur zwei Gefühle die WoZ: freudige Gier, entsetzter Neid. Wo war die aus den Wef-Servern gehackte CD-Rom, und warum zum Teufel hatte Mr. Hood sie nicht der WoZ zugespielt? (Oder noch besser: integral ins Internet gestellt – es hätte einen weltweiten Rummel gegeben.)

Jedenfalls hatten wir am Dienstagabend die CD.

Es wurde wie Weihnachten. Eine lange, harte Nacht mit viel Vorfreude, 80000 Schreibmaschinenseiten Text, 27000 Namen, endlosen ID-, Registrations-, Fax- und Telefonnummern, brandroten Augen und einigen Überraschungen.

In der Tat ist es sensationell, was das Wef alles von seinem Server stehlen liess. Die Kreditkartennummern von 1400 reichen bis superreichen TeilnehmerInnen. Dazu eine für Saboteure interessante Namensliste von 2000 MitarbeiterInnen: Fahrer, Ausstellungsarchitekten, Hotelangestellten und massenhaft Security bis hin zum Kripochef Martin Accola.

Jedenfalls ist die Hacker-CD ein praktisches Recherche- und Junkmailinstrument: Mit Geduld findet man Telefonnummern und Internetadressen von Persönlichkeiten wie Peter Gabriel, Moritz Leuenberger oder einer Schweizer Yogalehrerin, dazu massenweise reale und soziale Bergsteiger wie Reinhold Messmer oder der Chef der deutschen Bank Josef Ackermann, bis hin zu tragisch wirkenden Einträgen auf der Teilnehmerliste 2001 wie diejenige von David de Pury (davor gestorben) oder Paul Reutlinger (inzwischen zurückgetreten). Der lustigste Eintrag kommt unerwartet von dem sonst völlig platten «Focus»-Chefredaktor Helmut Markwort. Er empfiehlt seinen Wef-Bekanntschaften als persönliche Kontaktadresse die offizielle «Focus»-Mailbox für Leserbriefe.

Selten, aber interessant sind auch die Kommentare zu Teilnehmenden: Zum Schweizer Bundespräsident Leuenberger beispielsweise wird bemerkt: «SHE: doesn’t speak english», zu einem russischen Professor in hoher Funktion: «Do not touch, he never pays and cancels or is a no-show all the time.» Die Bemerkung «Do not touch» findet sich sonst vorzugsweise bei Publizisten von Werken wie «Underground Nation» oder «Who owns Canada?»

Bis zum vorletzten File brauchten wir, um einen echten Wunsch von uns zu verwirklichen: bei Windows-Problemen vom Verantwortlichen persönlich beraten zu werden. Endlich fanden wir die Nummer von William H. Gates III – 0014258828080 – und starteten einen leider erfolglosen Anruf: «Microsoft Corporation» – «Äh, isn’t that Bill? We have his number from the World Economic Forum.» – «No, it’s the Corporation.» Leider muss man sich auch in Zukunft weiterhin ans Mail halten: billg@microsoft.com.

Interessant für einen in Echtzeit arbeitenden Historiker wäre die private Zone der Wef-Website gewesen – die persönlichen Mails von Marcel Ospel, Bono und anderen Firmenchefs. Sämtliche internen Passwörter für die tausenden von Berechtigten lagen schon zum Zeitpunkt der CD-Brennung, dem 4. 1. 2001, vor. Es hätte einen erfrischenden Blick aufs Forum geboten. Dafür bekommt man immerhin eine genaue Auflistung, wer wann wen getroffen hat, etwa den privaten Lunch zwischen dem Chef der Deutschen Bank Rolf-Ernst Breuer mit Tony Blair am 28. 1. 2000 von 13.15–14.45 oder ein Informationstreffen zwischen dem viel beschäftigten Professor Schwab mit dem ebenfalls viel beschäftigten Arafat einen Tag später um 18.15 Uhr.

Das Wef selbst hat das geschützte Areal seiner Site ohne grosse Angabe von Gründen gesperrt, das Einzige, was man auf ihrer Webseite findet, ist eine dürre Pressemeldung, das Forum verfolge «diesen Zwischenfall als ernsthaftes Verbrechen», beharre aber «striktestens auf seiner Aufgabe, den Zustand der Welt zu verbessern», und hoffe, dass es nicht gelinge, «eine Institution zu untergraben, die so viel zu globalem Wohlstand und dem Weltfrieden beigetragen» habe.

Das finden wir auch. Es bleibt also nichts als eine Geste globaler Versöhnung: Wir gratulieren sämtlichen Wef-Mitgliedern, die am Erscheinungstag dieser WoZ geboren wurden, mit einem Tipp zum Geburtstag: Herzlichen Glückwunsch, Mrs. Smith, Mr. Gupta, Mr. Deke, Mr. Laborin, Dr. Viragh, Mr. Movaguinnian und auch Ihnen, Mr. Osawa – haben Sie Ihre Kreditkarte sperren lassen?

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