18.01.2001

Informationshäppchen aus der Hackordnung

Die Medienchefs flirten in Davos mit den andern Chefs und die Angestellten der Medienchefs berichten darüber. Ein Insiderbericht aus der Klassengesellschaft.

Von Danny Schechter

Als die DemonstrantInnen im November 1999 in den Strassen von Seattle ihren Unmut über die Welthandelsorganisation und die wirtschaftliche Globalisierung zum Ausdruck brachten, kritisierten viele Reporter und Kommentatorinnen, die Demonstrierenden würden vereinfachende und einseitige Lösungen anbieten, denen jegliche Objektivität abginge. Zwei Monate später trafen sich die VertreterInnen der schreibenden Zunft in Davos, um über das Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums zu berichten. Am Zusammentreffen der Medienzaren mit den Spitzen der globalen Wirtschaft konnte ich beobachten, dass den Nachrichtenprofis selbst jegliche Differenzierung und kritische Distanz fehlte.

Viele Medienmenschen werden als Insider nach Davos geladen, sie sind Teilnehmer, nicht Beobachter. Die Globalisierungsagenda braucht eine Öffentlichkeit, die das neoliberale Modell als einzige gangbare Strategie für wirtschaftliches Wachstum akzeptiert, die Architekten der neuen globalen Wirtschaftsordnung müssen ihre Botschaft verkaufen, dafür brauchen sie die Medien. Diese sind zu willigen Apologeten der Globalisierung geworden; hartnäckig diffamieren sie Kritik. Die Medienkonzerne drehen nicht nur die Nachrichten so, dass sich die Marktwirtschaft stets von ihrer besten Seite zeigt, sie sind selbst Produzenten, die auf freien Märkten weltweit verkaufen wollen. In Davos präsentieren sich die Medienkonzerne auch als Unternehmen, sie bieten ihre Waren feil und demonstrieren ihre neuesten Technologien.

Treppchen ab, Treppchen auf

Die Davoser Medienwelt ist eine Klassengesellschaft. Die SchreibarbeiterInnen wurden letztes Jahr ins verliesähnliche Untergeschoss des Kongresszentrums gesperrt, die unzähligen Konferenzräume, Hallen und «executive lounges» lockten unerreichbar über den Köpfen. In den engen, verrauchten Luftschutzkellern musste man sich durch dicht gedrängte Reihen von Computern schlängeln, zugedröhnt vom Gebrabbel der ReporterInnen, die in hundert Zungen sprachen. Dort klebten die Unterhunde des Medienbusiness hinter bombenfesten Türen an ihren Bildschirmen und rangen mit den Abgabeterminen. Dieses Journalistenproletariat war dank der Farbe ihrer Hundemarken jederzeit erkennbar und blieb von den meisten Veranstaltungen des Forums ausgeschlossen. Für ihre Berichte waren sie auf die ausgeteilten Manuskripte, die schriftlichen Zusammenfassungen von Treffen und die wenig aussagekräftigen Bilder auf dem internen Fernsehkanal angewiesen. Die Räume waren in kürzester Zeit von Informationspapieren und Firmenwerbung überflutet.

Ein Stockwerk höher hatten einige der bekannteren Medienunternehmen, wie CNN oder Reuters, ihre eigenen Suiten und Ministudios, die so gestaltet waren, dass InterviewpartnerInnen im Minutentakt für Satz- und Tonhäppchen hinein- und herausgeschleust werden konnten.
Noch weiter oben in der medialen Hackordnung, jenseits der Routinejobs, befanden sich die angesehenen KorrespondentInnen mit dem begehrten weissen «Badge», der die Türen zu allen Veranstaltungen öffnete. Herausgeber, Chefredaktoren und StarkolumnistInnen, die «media leaders» im Wef-Jargon, durften mit den Globalisierungsgurus auf den Podien sitzen und mitdiskutieren. In den höchsten Höhen schliesslich trafen sich die Bosse der grossen Medienkonzerne und Technologieunternehmen. Die Bill Gates', die Spitzen von Sony, CNN und Wall Street Journal hatten allerdings mehr im Sinn als Small Talk. Sie verhandelten und handelten in abgeschirmten Büroräumen und Hotelsuiten.

Blinde Beobachter

Ein Thema allerdings fehlte auf allen Stufen der Hierarchie: Es gab weder eine Diskussion über die Rolle und die Verantwortung der Medien bei der Wirtschaftsberichterstattung, noch fand sich ein einziges Medienunternehmen auf einem der vielen Podien, wo über die soziale Verantwortung von Unternehmen parliert wurde. Aber auch keineR der handverlesenen NGO-VertreterInnen, die die Veranstaltungen mit einem Schuss Gewissen würzen sollten, machte die Medien und ihre vollkommen unkritische Berichterstattung über die Veranstaltung zum Thema. Sie sonnten sich wie die von ihnen kritisierten PolitikerInnen fünfzehn Sekunden im Scheinwerferlicht.
Das Forum bot den MedienvertreterInnen einiges. Ich gebe zu, dass ich die von Coca-Cola bezahlten «media dinners» genoss, und im Spezialprogramm des «Club of Media Leaders» traten seine Majestät der König von Jordanien und der Multimilliardär und König der neuen Medien Bill Gates auf. Es war schwierig, sich beim Essen mit gekrönten und ungekrönten Königen nicht ebenfalls ein klein wenig bedeutsam vorzukommen. Dabei waren die gebotenen Reden höchst oberflächlich. Bill Gates sang das Loblied der 2000er Produktelinie von Microsoft: Da sprach ein Verkäufer, kein Visionär.

Während man mit Chief Executive Officers und Monarchen dinierte, kamen die BasisaktivistInnen und ihre Kritik nie auch nur in die Nähe der Medien-Crème, dafür hätte man ja auch den warmen Kokon des Konferenzzentrums verlassen müssen.
Fairerweise bleibt zu sagen, dass viele JournalistInnen und KommentatorInnen, mit denen ich in Davos sprach, fundiert und kritisch über ihre eigenen Erfahrungen im Medienbetrieb nachdachten. Nur schreiben sie nicht darüber.

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