07.11.2002

Linke Partner

Die Bauern kämpfen um ihre Existenz – und sehen in jahrzehntealten Feinden plötzlich Verbündete.

Von Johannes Wartenweiler

Dass SDF-Angestellte und Bauern ähnliche Interessen vertreten, wurde an einer Demo vor zehn Tagen in Bern deutlich. Neben den Gewerkschaften hatten verschiedene bäuerliche Gruppen dazu aufgerufen. Heinz Siegenthaler, Bauer aus Trub im Emmental und Vertreter des Bernischen Bäuerlichen Komitees, stand auf dem Podium. Er beschrieb die Situation, in der sich Bauern und Angestellte der SDF gleichermassen befinden: «Ich spreche von den 78 000 Bauernfamilien, von denen bis 2007 nur noch 30 000 übrig sein sollen. Ich frage mich, wo sind denn die Arbeitsplätze für die laut Bundesrat 48 000 überflüssigen Bauernfamilien. Jeden Tag erreichen uns Meldungen über Stellenabbau, Redimensionierungen und Konkurse. Viele von uns werden ihre Stelle verlieren, und in der heutigen wirtschaftlich schwierigen Zeit werden weder wir Bauern noch die Arbeitnehmer andernorts mit offenen Armen empfangen.»

«Wir sitzen im gleichen Boot», hält Siegenthaler fest. Organisationen wie das Bernische Bäuerliche Komitee, aber auch das Bäuerliche Zentrum Schweiz, die Neue Bauernkoordination und die Zentralschweizerische Bauern IG setzen sich für einen angemessenen Verdienst im bäuerlichen Familienbetrieb ein. Sie kämpfen um die einzelnen Höfe und nicht um ein bestimmtes Modernisierungskonzept. Das macht sie zwar noch nicht zu linken Gewerkschaftern, aber immerhin offen für Koalitionen mit ihnen. Gemeinsamer Gegner ist das Grosskapital. Gemäss Siegenthaler sind mehrere tausend Bauern in diesen Bewegungen organisiert.

Mit dem Schweizerischen Bauernverband SBV geraten diese Kreise zunehmend in Konflikt. Dieser gilt als verlängerter Arm der Landwirtschaftsbürokratie und ist der Vertreter eines ideologischen Kompromisses mit dem Bürgertum, der auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurückgeht. Traditionell setzt der SBV auf forcierte Entwicklung und Industrialisierung und daher auf die grossen Betriebe im Mittelland. Den kleinen Betrieben gab er kaum Zukunftschancen. Allerdings sicherte der Kompromiss mit dem Bürgertum – gemeinsame Gegnerin war die Linke – auch den kleineren Betrieben über Jahrzehnte die Existenz.

Siegenthaler und seine Mitstreiter gewichten die konkreten Interessen höher als den ideologischen Gleichschritt. «Der Preis ist der Lohn der Bauern», lautet das Motto. Sie kämpfen nicht nur für gerechte Preise, sondern auch um die Erhaltung der verarbeitenden Industrie als Bedingung für eine funktionierende Milchwirtschaft – und deshalb für die Anliegen der SDF-Angestellten. Sie übernehmen damit Elemente der syndikalistischen Ausrichtung von Uniterre, die vom grünen Nationalrat Fernand Cuche geführt wird. Allerdings fehlt ihnen die Militanz. Wo Uniterre die Grossverteiler blockiert, begnügen sie sich mit Mahnwachen. «Das erklärt sich aus den unterschiedlichen Mentalitäten», sagt Siegenthaler.

Der Milchpreis hat also eine zentrale Bedeutung für das bäuerliche Einkommen. Zurzeit sind Menge und Preis der Milch noch staatlich geregelt. Nach dem Willen des Bundesrates soll allerdings der Milchmarkt durch die Abschaffung der Kontingentierung und die Aufhebung von Preisvorgaben total liberalisiert werden. Konkret bedeutet dies sinkende Milchpreise und eine durch massive Einkommensverluste forcierte Flurbereinigung. Die Milchproduktion soll auf wenige grosse Betriebe im Mittelland konzentriert werden. Allerdings bezweifelt Siegenthaler, dass diese in der Lage wären, marktgerecht zu produzieren: «Bei einer Vollkostenrechnung für einen Betrieb mit 120 000 Kilogramm Milch und 20 Hektaren Land müsste der Milchpreis 110 Rappen betragen», sagt Siegenthaler. Selbst Grossbetriebe seien daher nicht in der Lage, zu Marktpreisen (60 Rappen und weniger) zu produzieren.

Für Siegenthaler ist der freie Markt denn auch nicht die Lösung. Unter Beibehaltung der Kontingente müsse vielmehr versucht werden, möglichst marktgerecht und einkommenssichernd zu produzieren. Seine Rechnung ist einfach: Ideal für den Preis sei eine Produktion, die die Nachfrage nicht ganz deckt. Hingegen führe eine Überproduktion von einem einzigen Prozent bereits zu einem rund zehn Prozent tieferen Milchpreis – das sei ein Einkommensverlust von dreissig Prozent. Ein tiefer Milchpreis, ist Siegenthaler zudem überzeugt, könne ungeahnte Folgen haben: «Wenn er zu tief sinkt, steigen die Bauern aus der Produktion aus. Dann fehlt die Milch. Das bedeutet den Crash für die gesamte Milchwirtschaft.»

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