01.02.2001

Genf, Seattle, Davos...

In der Schweiz war der Genfer Aktivist Olivier de Marcellus beim Aufbau des Kontaktnetzes Action Mondial des Peuples (AMP)* von Anfang an dabei.

Interview: Roger Monnerat

WoZ: Olivier de Marcellus, kann die Aktion gegen das Weltwirtschaftsforum in Davos als Resultat der Mobilisierung betrachtet werden, die im Mai 1998 gegen die Gründung der Welthandelsorganisation WTO in Genf begann?
Olivier de Marcellus: Ohne Zweifel. Auf die Schweiz bezogen, ist für mich das Überraschende und Erfreuliche, wie die Mobilisierung in der Deutschschweiz Fuss gefasst hat. Die AktivistInnen – jene der Reithalle in Bern, jene aus Basel, Zürich und anderen Städten –, die sich Ende 1997 an den Vorbereitungssitzungen in Genf mit uns trafen, waren im Gegensatz zu den AktivistInnen in Genf und Lausanne innerhalb der Linken marginalisiert. Die Beteiligung an den internationalen Aktionen gegen die WTO – die Aktionen in Genf selbst und später die interkontinentale Karawane der indischen Bauernorganisationen – ermöglichten ihnen, aus ihrer Isolation auszubrechen.
Das war deshalb wichtig, weil die Mobilisierung in Davos nicht von der AMP vorbereitet wurde, sondern von den Gruppen in der Schweiz. Die AMP als internationales Kontaktnetz hat den Vorschlag aus der Schweiz, gegen das Wef zu protestieren, aufgenommene, und aus aller Welt sind die AktivistInnen in die Schweiz gereist. Ich selbst war an der Vorbereitung für Davos nicht mehr direkt beteiligt, das haben vor allem die Jungen gemacht.

Die AMP hat sich gegen die WTO gebildet, Aktionen wurden aber auch anlässlich der Treffen der Gruppe G-8, der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds durchgeführt und jetzt gegen das Wef in Davos. Hat es über diese Ausweitung der Zielsetzung auf andere Symbole und Akteure der Globalisierung Diskussionen gegeben?
Um diese Frage zu beantworten, muss ich ein wenig weiter zurückblenden. Der Aufruf des Subcomandante Marcos für eine internationale Mobilisierung gegen die Globalisierung richtete sich 1996 noch nicht gegen den Kapitalismus generell, sondern gegen den Neoliberalismus. Die Begriffe, die die AktivistInnen brauchten, und die Zielsetzung, die sie sich gaben, waren stark von der allgemeinen Atmosphäre geprägt. Wir standen unter dem Eindruck einer unhinterfragten Hegemonie des Neoliberalismus. Die Zielsetzung, sich der WTO in den Weg zu stellen, erschien uns 1998 noch sehr hoch gegriffen. Aber schon im Sommer 1999, beim zweiten Treffen der AMP im indischen Bangalore, stellte sich heraus, dass der Mobilisierung eigentlich eine grundsätzliche Ablehnung des Kapitalismus gemeinsam war. Diese Ablehnung war unbestritten, und es gab keine Organisation oder Gruppe, die sich aufgrund dieser Feststellung zurückgezogen hätte. Es war ein spontaner Schritt von der Ablehnung des Welthandels zur Ablehnung des kapitalistischen Entwicklungsweges überhaupt. Diese Ablehnung erstreckt sich zum Beispiel bei bäuerlichen Organisationen in Südamerika auch auf historische Gegenentwürfe wie Sozialismus und Kommunismus.

Dies gilt für die AMP, nicht aber für Organisationen wie Public Citizen, die die Aktionen in Seattle organisierte.
Das ist richtig. Wir haben in Seattle mit Lori Wallach und Public Citizen eng zusammengearbeitet. Sie haben uns und den Leuten vom Direct Action Network praktische Unterstützung gegeben, auch finanzielle, aber Public Citizen hat sich nicht an der Blockade beteiligt. Sie hatten Interesse daran, dass neben der grossen Kundgebung von Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen auch radikalere Positionen zum Ausdruck kamen. Dies widerspiegelte eine inhaltliche Radikalisierung oder Ernüchterung. 1998 waren wir mit der frontalen Absage an die WTO noch allein gewesen, in den zwei Jahren danach wurde auch in verschiedenen NGOs darüber diskutiert, ob die WTO und andere internationale Organisationen reformierbar seien. Die Forderung nach Sozial- und Umweltklauseln war auf wenig Gehör gestossen. Dass sich seit 1998 eine radikalere Mobilisierung herausgebildet hat, war Public Citizen, Gewerkschaften und anderen NGOs recht, denn es konnte von ihnen als Druckmittel in die Diskussionen eingebracht werden.

Ist diese faktische Doppelstrategie der Grund dafür, dass die NGOs dem Drängen der Gegenseite, sich von so genannten gewaltbereiten Gruppen zu distanzieren, nicht einfach nachgeben?
Nein, zumindest in Seattle war die Situation anders. Zwischen Public Citizen und den Organisationen, die den Zugang zum Konferenzgebäude blockieren wollten, AMP und Direct Action Network, gab es klare Absprachen. Die Leute vom Direct Action Network ketteten sich nach dem Vorbild von Greenpeace aneinander, jeweils fünfzehn bis zwanzig Leute bildeten einen Ring. Sie waren von Schulter zu Schulter mit Rohrstücken verbunden, in denen ihre Arme steckten, die Handgelenke jeweils aneinander gefesselt, aber mit der Möglichkeit, diese Handschellen von innen her selbst zu lösen. Für die Polizei war es sehr schwierig, diese Menschenringe aufzusprengen, zumal sie sich in einer Menschenmenge von bis zu 10 000 Leuten befanden. Public Citizen, Gewerkschaften und andere Gruppen, rund 30 000 Leute, bewegten sich auf einer anderen Route am Konferenzgebäude vorbei, wobei es an einer Stelle einen Durchlass gab und ein Grossteil des Zuges sich den Blockierenden anschloss. Direct Action Network hatte diese Blockade über Internet vorgeschlagen, und AMP hatte den Vorschlag aufgenommen und die Leute aufgerufen, sich nach Seattle zu begeben.

In den Medien wurde vor allem der Sturm auf McDonald’s gezeigt, wo José Bove Roquefort verteilte, der nicht in die USA importiert werden darf, weil er nicht pasteurisiert ist.
Es gab während der Kundgebung heftige Diskussionen darüber, wie angebracht es war, McDonald’s zu verwüsten. Der Ordnungsdienst, mehrheitlich kräftig gebaute Gewerkschafter, griff ein, andere schrien auf die Steinewerfer ein, damit aufzuhören, weil es dem Anliegen der Demonstrierenden schade. Von den Steinewerfern wurde zurückgeschrien, McDonald’s sei das Symbol der Globalisierung und jedes Kid verstehe, weshalb sie McDonald’s angriffen. Was mich beeindruckte, war, dass die KundgebungsteilnehmerInnen, die nicht einverstanden waren, sich eingemischt und nicht einfach betreten weggeschaut haben, dass aber auch die Steinewerfer sich gerechtfertigt und argumentiert haben. Die Debatte wurde direkt auf der Strasse ausgetragen und nicht später durch Distanzierungen in den Medien. Die Polizei – und das waren die Bilder, die in den Medien zu sehen waren – hat den Angriff auf McDonald’s nachträglich zum Anlass genommen, wahllos auf alle KundgebungsteilnehmerInnen einzuprügeln. Das Vorgehen der Polizei hat die Leute mehr empört als die Steinewerfer.

Die Aktionen in Genf 1998 standen im Zeichen der Organisationen aus der südlichen Hemisphäre, den indischen BäuerInnen, den TextilarbeiterInnen aus Bangladesch, den ArbeiterInnen aus den so genannten freien Produktionszonen in Zentralamerika. Hat sich seither das Gewicht in die Industriestaaten verlagert?
Es gibt in der Mobilisierung gegen die WTO und die Globalisierung Phasenverschiebungen auf mehreren Ebenen. In Indien und Bangladesch ist die Diskussion weiter, in Südamerika steht sie zum Teil noch am Anfang. Die Aktionen in den Industrieländern sind punktuell und werden von den Medien überall aufgenommen, die Aktionen in den Ländern des Südens dauern oft Wochen oder Monate, werden aber von den Medien hier kaum beachtet. Während der Kundgebung in Prag gab es gleichzeitig über hundert Demonstrationen auf der ganzen Welt, darunter auch die Grossdemonstration in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Bilder aus Davos und Zürich waren überall im Fernsehen zu sehen, sie werden sicher bei Aktionen im Süden auf Flugblättern und Plakaten auftauchen und umgekehrt. Die Informationen zirkulieren einerseits innerhalb der verschiedenen Medienrealitäten und andererseits innerhalb der Bewegung selbst.

* Peoples’ Global Action (PGA)

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