30.09.1999

Die zerstrittene Opposition stagniert

Von Snezana Bogavac

Die täglichen Proteste der serbischen Opposition, von denen man sich noch vor einigen Wochen viel versprach, stagnieren. Die OrganisatorInnen der Allianz für den Wechsel (SZP) schaffen es gerade noch, in der Zweimillionen-Stadt Belgrad 40 000 Menschen auf die Strassen zu bringen. Ausschlaggebend dafür ist auch die Zerstrittenheit der Oppositionsführer, die sich nicht einmal über die weiteren Schritte einig sind. Die SZP fordert den Rücktritt von Präsident Slobodan Milosevic und eine Übergangsregierung, die Neuwahlen vorbereitet. Der eitle, mit dem Regime ständig flirtende Chef der Serbischen Erneuerungsbewegung (SPO), Vuk Draskovic, will nur Neuwahlen – in der Hoffnung, dann wieder mitregieren zu dürfen.
Die grosse Mehrzahl der BürgerInnen sind eher apathisch als regimefeindlich, eher hungrig als auf das Regime wütend. An Ergebenheit gegenüber den Autoritäten haben sie sich schliesslich lange gewöhnt. «Mein Sohn, wenn du einmal an der Macht bist, werde ich dich auch wählen», beruhigte vor der Kamera einer unabhängigen Belgrader TV-Station eine alte Frau einen Oppositionellen. Neusten Meinungsumfragen zufolge will zwar eine Mehrheit, dass Milosevic die politische Bühne verlässt, ohne aber eine Vorstellung darüber zu haben, wer an seine Stelle treten könnte.
Die angekündigten Massenproteste werden so lange ohne Massen bleiben, wie die Opposition gespalten bleibt und sich um entscheidende Fragen herumdrückt. Solange auch sie am Mythos von der staatlichen Souveränität über den Kosovo festhält, bleibt beliebig viel Platz für Manipulationen des Regimes.
Das Hauptmerkmal der politischen Situation in Serbien ist mittlerweile, dass sie völlig unberechenbar geworden ist. Auch seriöse Analytiker schliessen nicht aus, dass ein ganz unerwartetes Ereignis eine grosse Explosion in Serbien verursachen kann. Ein solches Ereignis, ein kleiner Fehler des Regimes könnte das Vorhaben sein, demnächst jede Wohnung daraufhin polizeilich kontrollieren zu lassen, ob die BewohnerInnen vorschriftsgemäss bei den lokalen Behörden angemeldet sind. Dieser Versuch, die totale Kontrolle zurückzugewinnen, könnte zu einer Initialzündung werden.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch