22.03.2001

Ein altes Skript, neu inszeniert

Von Judith Huber

Das Schema ist bestens bekannt. Vereinfacht dargestellt, läuft es folgendermassen ab: Angehörige einer «Volksgruppe» auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawien beklagen sich über Unterdrückung durch eine andere, verlangen einen unabhängigen Staat (in dem es automatisch keine Unterdrückung mehr geben kann, da der Staat ja dann ethnisch rein und deshalb per definitionem das Paradies ist) und greifen zu den Waffen. In den westlichen Medien dürfen «einfache Leute» zu Wort kommen, die einfach nur frei sein wollen und deshalb die Gewalt befürworten. Die selbst ernannten Rebellen haben gelernt, dass ein wichtiger Teil der Öffentlichkeit des Westens gerne mit in Pulverdampf gehüllten «Freiheitskämpfern» sympathisiert und dass der Status eines Opfers seine Vorteile hat. Und sie wissen genau, dass sie erst dann zu ernsthaften Gesprächspartnern avancieren, wenn ihre Forderungen von Waffengewalt begleitet sind.

Doch dieses Mal sollte allen klar sein, dass die behauptete brutale Unterdrückung, welche die Waffengewalt rechtfertigen und adeln soll, Propaganda ist. Denn in Mazedonien – dem einzigen Nachfolgestaat des ehemaligen Jugoslawien, der die Unabhängigkeit gewaltlos erringen konnte – ist die albanische Minderheit seit der Staatsgründung 1991 an der Regierung beteiligt. Ihre Rechte sind in den letzten Jahren stetig ausgebaut worden. Im Oktober soll eine albanische Universität ihren Lehrbetrieb aufnehmen. Weitere Verbesserungen des Status der albanischen Minderheit dürften mit politischer Arbeit nicht allzu schwer zu erreichen sein. Doch den Bewaffneten, die aus dem Kosovo nach Mazedonien eingedrungen sind, geht es nicht um die Rechte der dort ansässigen albanischen Bevölkerung. Sie wollen ihren Machtbereich ausweiten, den sie unter den Augen der internationalen «Friedenstruppen» Kfor im Kosovo so gut festigen konnten. Sie wollen freie Hand für ihre lukrativen Geschäfte. Denn die demokratischen Veränderungen in der Region, die Annäherung Jugoslawiens an den Westen, die allmähliche Auflösung des Klischees «böse Serben – gute Albaner», die Absage der Kosovo-AlbanerInnen an die ehemaligen UCK-Kommandanten bei den Kommunalwahlen letzten Herbst – all dies untergräbt die Machtbasis etlicher Kommandanten, die sie mit ihren Angriffen auf Mazedonien wieder festigen wollen. Sie hoffen, mit ihren Angriffen die internationale Gemeinschaft erneut zu einer Intervention zu ihren Gunsten zwingen zu können. Der Führer der südserbischen Albaner-Guerilla UCPMB habe bei einer Unterredung kaum glauben können, dass die USA nicht planten, Serbien erneut zu bombardieren, zitierte die «International Herald Tribune» am Montag einen westlichen Diplomaten.
Es stimmt nicht, dass die verschiedenen Ethnien auf dem Balkan einen tief verwurzelten, quasi natürlichen Hass aufeinander haben, der es ihnen verunmöglicht, im selben Staat zu leben. Diese Behauptung war in all den Kriegen der letzten zehn Jahre lediglich als Mittel zum Zweck benutzt worden, um Konflikte zu schüren und Kriege zu rechtfertigen. Ebenso wenig stimmt, dass als logische Folge daraus die verschiedenen Ethnien in jeweils eigenen Staaten leben müssen. Doch die Progaganda zeigt Wirkung, auch im Westen. Nur so ist es zu erklären, dass der aussenpolitische Sprecher der deutschen CDU/CSU-Fraktion, Karl Lamers, Zweifel an dem Konzept äusserte, «verschiedene ethnische Gruppen auf dem Balkan zum Zusammenleben zu zwingen». Doch wie steht es denn eigentlich mit dem Zusammenhalt der albanischen «Ethnie»? Die Kosovo-Guerilla wünscht nämlich keineswegs einen gemeinsamen Staat mit Albanien, ihre «Brüder» und «Schwestern» aus dem armen Nachbarland sind ihnen nicht gut genug. Im serbisch-kroatischen Krieg und im Bosnien-Krieg wurde keineswegs nur aus «ethnischen Gründen» gemordet. Beim Massaker im Herbst 1991 im Städtchen Gospic unweit von Split etwa wurden auf Befehl des damaligen kroatischen Generals Mirko Norac nicht nur serbische, sondern auch kroatische ZivilistInnen ermordet (siehe WoZ Nr. 07/01). Diese Wahrnehmungsverzerrung des Westens, dieses Denken in billigen Klischees, machten sich albanische Extremisten nach dem Nato-Einmarsch im Kosovo zunutze. Bis heute werden systematisch SerbInnen, Roma und Angehörige anderer Minderheiten umgebracht, vertrieben und ihre Kulturgüter zerstört. Der Westen, vor allem die westliche Presse, nimmt dies – wenn überhaupt – mit einem Achselzucken zur Kenntnis. Diese geplanten, systematischen Verbrechen werden als (legitime) Rache der einfachen Leute für vorangegangene Verbrechen eben dieser Minderheiten abgetan.
Der Westen, der im Krisengebiet Kosovo-Südserbien-Mazedonien nicht eine vage Grösse, sondern eine reale militärische Macht darstellt, hat einmal mehr versagt. Dieselbe Strategie, welche die Nato vor genau zwei Jahren (am 24. März 1999) den Bombenkrieg beginnen liess, ist mitverantwortlich für das aktuelle Debakel. Keine eigenen Verluste, hiess es, und die Nato bombardierte – unter anderem Flüchtlinge. Dass die dabei eingesetzte Clustermunition, deren zahlreiche Blindgänger als heimtückische Minen wirken, nach den Bombardements nach Uno-Angaben bis jetzt etwa 200 ZivilistInnen – vor allem Jugendliche und Kinder – tötete und verletzte, davon spricht kaum jemand. Von der Uranmunition ganz zu schweigen. Nur keine eigenen Verluste, hiess es, und die Nato verbündete sich mit der Befreiungsarmee UCK. Die Guerilla wurde nach Ende des Krieges nie ernsthaft aufgelöst, konnte praktisch ungehindert aufrüsten und ihren Machtbereich im Machtvakuum nach Abzug der serbischen Truppen und Auflösung der ganzen vorherigen Verwaltung ausbauen. Die Menschen im Kosovo – und nicht nur die Minderheiten – leiden unter praktisch gesetzlosen Zuständen, denen eine viel zu schwache und teilweise schlecht ausgebildete Uno-Polizei keinen Einhalt gebietet. Die Pufferzone in Südserbien und das Grenzland zwischen Kosovo und Mazedonien konnten von der UCK für Waffen- und Drogenschmuggel und militärische Vorbereitungen für den nächsten Krieg genutzt werden. Die Albaner ja nicht vor den Kopf stossen, lautete eine Devise der Kfor, denn dies könnte die eigenen Soldaten gefährden.
Und jetzt, da die Situation eskaliert, müssen andere das Monster bekämpfen, das dank der Langmut der Kfor so gross geworden ist. Die serbische Polizei darf wieder in der «Pufferzone» in Südserbien nach dem Rechten sehen, und Mazedonien, das seit dem Einmarsch der Kfor im Kosovo als logistisches Hinterland hinhalten musste, wird schmählich im Stich gelassen. Die OSZE beobachtet wie eh und je. Die Nato-Verantwortlichen gebärden sich so, als ginge sie das alles nichts an. Der deutsche Kriegsminister Rudolf Scharping (SPD), der vor zwei Jahren eine der treibenden Kräfte des angeblich humanitären Krieges gewesen war, hat nur die Sicherheit der eigenen Truppen im Kopf. Und die bisher in Mazedonien stationierten Swisscoy-Soldaten wurden sowieso sofort abgezogen, da sie für das heisse Pflaster Balkan ungenügend ausgerüstet sein sollen. Mazedonien, das nach den Worten von Präsident Boris Trajkovski (in einem Interview der NZZ) versucht, einen Staat aufzubauen, der auf Individuen und nicht auf ethnischen Gruppen basiert, soll selbst schauen, wie es zurande kommt.

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