27.03.2003

Vergangenheit in Flammen

Zwischen Panikmache und Euphorie: Die israelische Bevölkerung lässt sich kaum von der verordneten Massenhysterie beeinflussen.

Von Sami Michael

Am Tag bevor der erste amerikanische Soldat in den Irak eindrang, erreichte die Kriegshysterie in Israel ihren Höhepunkt. Eine besorgte Mutter wandte sich an eine staatliche Radiostation und teilte ihre Sorge mit: Sie hatte festgestellt, dass an der Gasmaske ihrer kleinen Tochter der Filter fehlte. Unterdessen hat die Regierung beschlossen – trotz der Panikstimmung, die sie während vieler Tage geschürt hatte –, dass der Unterricht in den Schulen ebenso wie die Betreuung in den Kindergärten ganz normal weitergeführt werden solle. Die über die Militärbehörde empörte Mutter erzählte nun einem Radiosprecher, dass der Vater des Mädchens schliesslich den Filter seiner Maske abschraubte und ihn an der Maske seiner kleinen Tochter befestigte, bevor sie in den Kindergarten ging.

Maskenpflicht

Die israelische Regierung, die derzeit vor allem mit der nachhaltigen Unterdrückung der palästinensischen Intifada beschäftigt ist, hat mit dem Schüren der Hysterie, viele Wochen vor dem Ausbruch des Krieges, übertrieben. Nicht nur Kinder müssen mit der Gasmaske in den Kindergarten, auch alle anderen BürgerInnen Israels wurden verpflichtet, die Maske immer bei sich zu tragen, wenn sie das Haus verlassen. Die Absurdität erreichte ihren Höhepunkt, als humanitäre Organisationen sogar für die Beduinen in den verlassenen Regionen in den Wüsten des Südens einen Schutz vor einem chemischen Angriff verlangten. Doch nur ein kleiner Teil der Bevölkerung folgte der Maskenpflicht; die meisten – durch die zyklische Wiederkehr der Kriege im Nahen Osten fatalistisch geworden – glauben nicht daran, dass Saddam Hussein über die Möglichkeit verfügt, mit chemischen Sprengköpfen bestückte Raketen nach Israel zu schiessen. Auch die Regierung war schliesslich vom Ausmass der Panik, die sie selber erzeugt hat, überrascht. Premierminister Ariel Sharon und seine Minister beeilten sich nun, zu deklarieren, dass die Chance eines Angriffs auf Israel gegen null geht.

Zusätzlich aber erweckten die Medien den Eindruck, der Krieg im Irak sei eine Angelegenheit Israels – mehr noch als eine der Angelsachsen. Diese Medien sind im Krieg erfahren, sie stellen sich sofort und willig der Massenhirnwäsche zur Verfügung, die jeden Krieg in der Region begleitet. Nur schwer lässt sich auch eine gewisse Genugtuung ignorieren, die angesichts der Tatsache aufkommt, dass eine Macht von ausserhalb des Nahen Ostens einem arabischen Staat einen mörderischen Schlag versetzen wird. Die lautstarke Begeisterung in Regierungskreisen ging so weit, dass die USA Israel baten, sich zurückzuhalten, damit nicht der Eindruck entstehe, der Krieg gegen den Irak sei ein Krieg zwischen Israel und den Arabern. Die politisch Gemässigten in Israel vergessen allerdings nicht, dass die arabischen Staaten die Nachbarn von heute und von morgen sind und dass die intervenierenden Mächte ihre Haltung in Zukunft ändern könnten. Diese Menschen fühlen sich eher bedrängt von der verbreiteten Euphorie – sie wissen, dass ein Sieg der USA den Hass gegenüber Israel in der arabischen Welt noch schüren wird und ein Versagen der USA in diesem Krieg einem Versagen Israels gleichgestellt würde.

Frustration im rechten Lager

Jedenfalls zeigt sich die Mehrheit der israelischen Bevölkerung gegenüber der von der Regierung verordneten Begeisterung gleichgültig. Im Gegenteil. Ein Gefühl der Frustration breitet sich aus. Das rechte politische Lager begreift, dass nach den Kämpfen im Irak Israel den vollen Preis wird zahlen müssen. Denn im Ultimatum, das die USA, Grossbritannien und Spanien dem Irak stellten, wurde gleichzeitig erwähnt, dass die drei Alliierten sich nach einer irakischen Niederlage für die Errichtung eines palästinensischen Staates einsetzen werden. Seit über dreissig Jahren kämpft die israelische Rechte mit allen Mitteln gegen die Gründung eines palästinensischen Staates. Das Gefühl der Aussichtslosigkeit, das die Intifada in den letzten zwei Jahren in der israelischen Bevölkerung ausgelöst hat, verflüchtigt sich nicht einfach, wenn Bagdad in Flammen aufgeht.

Für mich hat dieser harte Krieg eine sehr persönliche Dimension. Heute bin ich Schriftsteller in Israel, schreibe in hebräischer Sprache. Doch in der Vergangenheit war Irak meine Heimat. Seine Sprache war meine. Seine Landschaften sind mit meiner Kindheit und mit meiner Jugend verbunden. Iraks vielfältige Kultur bereichert meine Erinnerungen und nährt einen Grossteil meines literarischen Schreibens. In den letzten zwanzig Jahren wurde dieses grosse Land dreimal in einen grausamen Krieg verstrickt. Ich weiss nicht, ob es ein zweites Land gibt, das so reich an Wasser, an Erdöl und an fruchtbarer Erde ist und dessen Volk derartig unter Armut und dem Gemetzel in so schmutzigen Kriegen leidet: Der erste und der zweite Golfkrieg – und jetzt dieser dritte. Militärputsche und grausame Bürgerkriege erschütterten die Stabilität des Iraks. in den letzten siebzig Jahren. Ich bin aus dem Irak geflüchtet, so wie schätzungsweise fünf Millionen irakische Flüchtlinge in der ganzen Welt, mit denen ich diese brennenden Erinnerungen teile. Ich betrachte den TV-Bildschirm und sehe die Bombardierungen, und ich spüre, wie ein weiteres Stück meiner Vergangenheit in Flammen aufgeht.

Seit 25 Jahren bildet Israel mein kulturelles Umfeld. Leider sind meine beiden Heimaten, die irakische und die israelische, in einen dauernden Kriegszustand verwickelt. Bei allen Schwierigkeiten, die mit der Migration und der Neuorientierung verbunden waren – die jüdische Volksgruppe, mit der ich aus dem Irak zog, hat in der modernen israelischen Gesellschaft Bedeutendes erreicht, vielleicht mehr als alle anderen jüdischen Volksgruppen, die aus arabischen Ländern kamen. In der Regierung von Ehud Barak amtierten fünf Minister irakischer Abstammung. In der Medizin, in der Musik, in der Literatur, in der Akademie und im Regierungsapparat hat die irakische Gemeinde eine bedeutende Stellung inne. Manche erklären es mit dem gehobenen Stand der jüdischen Gemeinde im Irak vor ihrer Emigration. Tatsächlich waren etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung Bagdads Juden.

Es ist kein Wunder, dass die irakische Gemeinde in Israel eine besondere Kultur entwickelt hat, eine Kultur der Sehnsucht, eine Kultur der Mischung zwischen östlichen und westlichen Traditionen. Mit den Flammen, die aus Bagdad aufsteigen, steigen in der irakischen Gemeinde in Israel komplexe Erinnerungen auf. Viele träumen nicht von einer Rückkehr in den Irak, sondern schlicht von einem Besuch in demjenigen Bagdad, das so tief in ihrer Erinnerung begraben ist. Der Tod, der heute über Bagdad schwebt, die Rauchschwaden und der Donner der Bomben zerschlagen diesen bescheidenen Traum, der die Herzen der jungen Generation erregt und der in den Falten der Älteren verborgen ist.