21.10.1999

Ein Kopfschuss für die Nation

Von Marina Achenbach

Sprich nicht Serbisch im Kosovo. Auch nicht Kroatisch oder Serbokroatisch, nicht Mazedonisch und nicht Bulgarisch. Die Sprachen sind einander nah, ein junger Kosovo-Albaner, der nicht mehr das Serbokroatische lernte, wird die Sprachen kaum unterscheiden können. Möglicherweise wird er dich für einen Serben halten, vielleicht auch für einen Serbenfreund. Es kann geschehen, dass sein Reflex Töten ist. Ein bulgarischer Uno-Mitarbeiter hat seine Unachtsamkeit oder Unbefangenheit am Montag letzter Woche mit dem Leben bezahlt. Slawische Sprachen sind jetzt für Reisende ein Tabu, vermeide sie im Kosovo – die Warnung wird unter Uno-MitarbeiterInnen, JournalistInnen und Militärs ausgegeben.
Und doch ist das Serbische im Kosovo präsent. Diese Kenntnisse werden zwar zurückgehalten, aber ständig lauert die Versuchung, trotz des gesellschaftlichen Verbots die Sprache zu benutzen, in der eine Verständigung möglich wäre.
Du bestellst im kleinen Restaurant am Strassenrand auf Englisch. Die Karte ist Albanisch und Englisch, eine einfache Verständigung. Aber nach dem Essen, als der Kellner in Zeichensprache wissen will, ob er abräumen kann, rutscht es dir heraus. Wie unbewusst sagst du auf Serbokroatisch vor dich hin: Nehmen Sie es ruhig mit, ich esse nichts mehr … und plötzlich ist etwas nicht mehr in Ordnung. Woran spürst du es? An einer Leere um dich, einer völligen Windstille. Beim Aufblicken weisst du es: die falsche Sprache. Der Kellner, der vielleicht dreissig oder fünfunddreissig Jahre alt ist, rührt sich nicht. Du wiederholst es auf Englisch, das er kaum spricht, er nimmt die Teller, geht, schon auf den Stufen, die ins Restaurant führen, dreht er sich um – und lacht. In diesem Lachen lässt sich lesen: Von denen kommst du also, hast dich verraten, aber keine Sorge, von mir hast du nichts zu befürchten.
Im Kosovo wuchsen die Menschen mit mehreren Sprachen auf. Am vielseitigsten waren vielleicht die Roma, die Albanisch, Serbisch, Romanes und oft auch Türkisch sprachen. Viele Menschen im Kosovo beherrschten auf jeden Fall die zwei Hauptsprachen, die serbische Bevölkerung allerdings kannte meist nur die eigene. Seit etwa zehn Jahren lernen auch mehr und mehr AlbanerInnen nur noch die eigene Sprache, nachdem sie ihre eigenen Schulen gründeten, die «geheimen», wie es früher in den Berichten hiess, die «privaten», wie sie jetzt meist genannt werden. Als Fremdsprache lernen die jungen AlbanerInnen heute Englisch. Das ist jetzt die Welt.
Die Mörder des Bulgaren Valentin Krumow sollen um die siebzehn Jahre alt gewesen sein. Es war der erste Abend des Uno-Mitarbeiters im lebendigen Prishtina, das von jungen Leuten überquillt, die auf der abends für den Verkehr gesperrten Mutter-Theresa-Strasse flanieren. Sie haben den 38-jährigen Mann nach der Uhrzeit gefragt. Wie ist in Sekunden der Mordimpuls erwacht? Kaum hatte er seine Antwort gegeben, packten sie ihn, schleppten ihn ein Stück weiter, töteten ihn mit einem Kopfschuss. Dann halfen andere Passanten den Jungen, unterzutauchen.
Sprache ist seit dem Zerfall Jugoslawiens erstes Erkennungszeichen für die Dazugehörenden und für die anderen, die Feinde. Das hat eine alte Vorgeschichte: nirgendwo sonst war die Sprache so sehr ein Mittel, sich als Nation zu definieren, als die grossen Reiche der Habsburger und der Osmanen, die die Völker des Balkan beherrscht hatten, zerfielen. Über die Sprache wird nun den BürgerInnen der neuen Staaten Wohlverhalten abverlangt. Sprache ist ein erstes Mittel, Anpassung zu kontrollieren.
Die «anderen» auszutreiben, wurde noch in jedem neuen unabhängigen Staat der Region zum politischen Programm. Die Kosovo-AlbanerInnen machen keine Ausnahme, obwohl der Krieg, den die Nato zu ihren Gunsten führte, so völlig andere Ziele vorgab. Die kosovo-albanische Befreiungsfront UCK schürt den Chauvinismus, um die Bevölkerung zu homogenisieren und sie in den Griff zu bekommen. Die Jungen haben nicht für sich gemordet, sondern vermutlich – für die Nation. Um sie besser beherrschen zu können, werden die Menschen in die Schuld hineingezogen.
Ein Albaner, der Deutsch spricht, zeigt mir sein zerstörtes Haus, das neben einem serbischen Hof liegt. Er und die Nachbarn begrüssen sich bemüht, aber verkrampft über den Zaun. Dieser Albaner ist versöhnlich. Ein paar Anwesen weiter betrachtet ein offensichtlich bedrückter Mann sein völlig zerstörtes Haus. Die Mauern sind rauchgeschwärzt, kein Dach, keine Tür ist mehr da. Niedergebrannt sind auch die Nachbarhäuser. Die Birnen und Nüsse fallen ins nicht gemähte Gras. Der Mann, ein Ingenieur des nahen Kraftwerks, hält die Serben des Dorfes für schuldig, er ist ein Unversöhnlicher. Und er möchte über alles sprechen. Doch sein Englisch ist schwach, so sage ich nach einer Weile leise, es würde auch Serbisch gehen. Er antwortet: «Ich hasse doch keine andere Sprache.» Wir reden erleichtert. Er erzählt in einer Weise von sich, als würde gerade die Tatsache, dass wir fähig sind, uns über ein Tabu hinwegzusetzen, Vertrauen begründen.

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