07.10.2004

Produktion von Verzweiflung

Der Schweizer Schriftsteller Franz Hohler besuchte Mitte September Palästina. Für die WOZ schrieb er einen Reisebericht.

Von Franz Hohler

«Wir können über die Probleme mit dem Wasser sprechen, oder über technische Hilfe – aber das Wichtigste ist die Würde», sagt der Präsident einer Nachbargemeinde von Kalkilja, einer Stadt, die auf drei Seiten von der Grenzmauer eingekesselt ist und für ihre 40 000 Einwohner und Einwohnerinnen nur einen einzigen Zugang über einen einzigen Checkpoint hat. Was er damit meint, ist in den besetzten Gebieten täglich zu sehen.

Ein israelischer Soldat hat den Lieferwagen eines Palästinensers kontrolliert und gibt ihm seine Ausweise zurück, und zwar über die Schulter, so, dass er ihn nicht anschauen muss.

In Bethlehem steht, als wir zum Checkpoint kommen, eine Ambulanz mit einem Schwerverletzten auf der anderen Seite, und hinter der Stacheldrahtrolle, die über die Strasse gespannt ist, wartet eine Ambulanz aus Bethlehem, um diesen ins Spital zu bringen. Die Begleiter wollen den Stacheldraht zurückschieben, um den Patienten auf seiner Rollbahre auf dem kürzesten Weg von einem Wagen in den andern zu bringen. Der israelische Soldat lässt es nicht zu, sondern schickt sie den längeren, holprigen Weg für die Fussgänger hinter den Steinblöcken durch.

Als ich im Auto von Jerusalem nach Ramallah gebracht werde, stehen wir am Checkpoint eine halbe Stunde im Stau. Von zwei möglichen Spuren ist nur eine geöffnet. Mit uns stehen insgesamt drei Ambulanzen. Keine darf die zweite Spur benützen.

Wer sich bewegen will, muss sich den Regeln der Besatzung beugen, und diese Regeln wollen, dass sich die Leute nicht bewegen können. Die Parlamentsabgeordneten von Gasa und von einigen Orten der besetzten Gebiete müssen per Videoübertragung an den Sitzungen teilnehmen, weil sie keinen «permit» für eine Fahrt nach Ramallah bekommen.

Eine der Hauptstrassen von Hebron, die Schuhada-Strasse, ist für Palästinenser verboten. Wenn sie in den anderen Stadtteil wollen, müssen sie entweder einen der Checkpoints benützen oder einen Umweg von fünf Kilometern machen. Die meisten bevorzugen den Umweg. Am Checkpoint stehen, als wir daran vorbeikommen, nur drei Palästinenser. Sie haben ihre Ausweise abgegeben, der israelische Soldat ist damit in sein Wachhäuschen gegangen, und sie warten und warten. Solange wir dort sind, kommt er nicht zurück.

Eine Busfahrt von Jerusalem nach Ramallah, was vielleicht der Distanz zwischen Olten und Aarau entspricht, kostete früher drei Schekel. Jetzt muss man am Checkpoint aussteigen, zu Fuss hinübergehen und drüben einen zweiten Bus besteigen, für den man zweieinhalb Schekel bezahlen muss. Der Preis für die Bewegung hat sich also nahezu verdoppelt. Wenn man denn überhaupt hinüber kann. Über 100 000 Palästinenser, die in Israel eine Arbeit hatten, können nicht mehr zu dieser Arbeit.

Von Dschajjus aus ist der Sperrzaun zu sehen, der weit innerhalb der Grenze zwischen Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten verläuft. Auf der andern Seite des Zauns liegt ein Grossteil der landwirtschaftlichen Güter der Ortschaft, die Treibhäuser einer Gemüsekultur sind zu sehen. Ein Tor im Zaun wird morgens um sechs, mittags um zwölf und abends um sechs für je eine Viertelstunde geöffnet, für die, die einen «permit» haben. Traktoren dürfen nicht passieren.

Am Westeingang der Stadt Kalkilja, an der Strasse, die nach Israel führte, stehen wir auf den Fundamenten niedergewalzter Häuser und blicken auf ein Bild, das ich von Berlin her noch kenne: die Mauer. «Mauer des Hasses» nennen sie die Palästinenser, sie ist eine Verneinung jeden Kontakts, eine Verneinung jeder Kommunikation, eine Verneinung jeder Bewegung.

Auf 3,4 Milliarden US-Dollar werden die Kosten des Mauerbaus geschätzt. Einen Augenblick habe ich die irrwitzige Vorstellung, Israel würde dieses Geld für die Infrastruktur Palästinas zur Verfügung stellen. Ich vermute, dass es sich die Mauer ersparen könnte.

Dort, wo sie in einen Zaun übergeht, mit einem Tor für israelische Militärfahrzeuge, steht hinter der Mauer einer jener fast zwei Stockwerke hohen Bulldozer bereit, die es mit jedem Gebäude aufnehmen. Vor zwei Tagen sei er zum letzten Mal gekommen, um ein Haus zu zerstören, sagt einer unserer Gastgeber.

Diese Ungetüme sind auch problemlos in der Lage, einen Olivenbaum samt Wurzeln in die Luft zu heben. Das palästinensische Nationaltheater hat einen Zeichnungs- und Malworkshop für Kinder veranstaltet; auf vielen der Zeichnungen sind Bulldozer zu sehen, die Bäume ausheben oder umkippen. 64 Prozent aller Olivenbäume seien seit der Besatzung zerstört worden, sagt man uns. Natürlich sind wir nicht in der Lage, solche Zahlen zu überprüfen, aber es ist klar, dass die israelischen Siedlungen in der Westbank, die sich seit den Abkommen von Oslo 1993 verdoppelt haben, nicht einfach auf Landstücken gebaut wurden, auf denen vorher nichts war.

Oft stehen sie auf einer Hügelkuppe, und ihre regelmässige Bauweise, die ein Haus mit einem kleinen Zwischenraum an das nächste reiht, führt dazu, dass sie von weitem wie mittelalterliche Festungen aussehen. Und mittelalterlich ist auch die Denkweise der Siedler. Sie sind überzeugt, dass ihnen Gott dieses Land vor 2500 Jahren zugewiesen hat, das steht oft auf Hebräisch so am Eingang einer Siedlung geschrieben. Sie erobern das Land nicht, sie erobern es zurück. Dazu gehört auch die Vertreibung des andern. In der Stadt Hebron haben sich insgesamt 400 Siedler niedergelassen, und ihretwegen wurde praktisch der ganze Basar geschlossen, hunderte von Läden – aus Sicherheitsgründen, heisst das unwidersprechbare Donnerwort. Wir gehen durch eine Geisterstadt. Auf jeder zweiten der kleinen Ladentüren ist entweder ein Davidstern gesprayt oder eine hebräische Inschrift, die man mir mit «Tod den Arabern» übersetzt. Was bis vor ein paar Jahren die Gemüsehallen waren, sind heute die Büroräume der Siedlergemeinschaft.

Ein grosses, hohes Gebäude, von Siedlern bewohnt und als Schule benutzt, liegt direkt an einer engen Strasse mit palästinensischen Geschäften und Wohnhäusern. Die israelische Armee hat vor einem Jahr zum Schutz des Gebäudes und der darunterliegenden Geschäfte ein Stahlgitter über der Strasse angebracht, auf das nun von oben immer wieder Gegenstände geworfen werden. Gegenstände? Ein Blick auf das Gitter über uns zeigt: Es liegen auch grosse Steine darauf, schwer genug, um einen Menschen zu erschlagen. Und das dort, sieht das nicht aus wie eine Schafshälfte? Ja, altes Fleisch, und es soll den Arabern da unten die Strasse und den Alltag verstinken. Der Boden ist sandig von den Sandsäcken, die heruntergeschmissen werden und auf dem Gitter zerplatzen. Während wir durch die Strasse gehen und unsern Augen nicht trauen, knallt ein Abfallsack auf das Gitter.

Die Tiere in Europa seien besser beschützt als die Menschen hier, empört sich ein verbitterter Mann, der uns auf das Dach seiner Wohnung mitnimmt, um uns dort die Spuren der Molotowcocktails zu zeigen, die ab und zu als Gruss aus dem Nachbarhaus zu ihm herüberfliegen.

Die Siedler sind in Israel nicht beliebt, aber sie werden vom Staat gedeckt. 1500 Soldaten beschützen die 400 rabiaten Zuzüger in der Innenstadt von Hebron. Ich frage mich, wie man so leben kann. Hier wird Verzweiflung produziert.

In Dheische, einem Flüchtlingsquartier in der Nähe von Bethlehem, stehen wir vor dem zerstörten Haus eines Mannes, zu dem im Frühling ein Armeekommando kam und ihn nach einem seiner Söhne fragte. Er sei nicht da, sagte der Vater. – Wo er sei? - Er wisse es nicht. – Er habe zwei Stunden Zeit, ihnen zu sagen, wo sie seinen Sohn fänden, sonst würde sein Haus gesprengt. Welcher Vater würde seinen Sohn denunzieren? Das Haus wurde gesprengt. Er baute es wieder auf, inzwischen wurden zwei seiner Söhne als Aktivisten verhaftet und kamen ins Gefängnis. Vor zwei Tagen erschien abermals ein Armeekommando und sprengte sein Haus ein zweites Mal.

Da ich mich einer Reise von Schweizer Parlamentariern angeschlossen hatte, waren wir auch zu Besuch bei Jassir Arafat in seinem zerbombten Amtssitz. Was für ein Präsidentenpalast, durch Verteidigungswälle von Ruinen, verbrannten Autos, Fässern und Sandsäcken mehr dekoriert als geschützt. Und dann die Legende selbst, ein verschmitzter, witziger, kleiner alter Mann, der oben am Tisch zwischen Türmen von Papieren sitzt, sich ab und zu ein Blatt hervorgreift, von dem er etwas zitieren will und nur die Fragen hört, die er hören will. Er spricht von Rabin fast wie von einem alten Freund, entwirft eine Zukunftsvision von Palästina als einem Land, in dem alle Religionen friedlich nebeneinander leben, so wie er das als Kind noch in Jerusalem erlebt habe, kann aber nicht sagen, wie er sein Land aus der gegenwärtigen Situation so weit bringen will. Am Schluss erwischt er uns alle, indem er uns zum Abschied einen nach dem andern küsst, die Damen entlässt er mit einem Handkuss.

Ein hoher israelischer Sicherheitsbeamter erläutert uns, während wir mit Mühe ein wunderbares Essen zu uns nehmen, seinen Sicherheitsbegriff, der ein rein militärisch-technischer ist, auf Isolation und Stilllegung des Gegners zielend. Ich frage ihn, ob er arabisch könne. Er kann nicht arabisch. In der Wochenendbeilage der «Jerusalem Post» heisst die Titelgeschichte «In dieser Umgebung leben wir» und zeigt irakische Mahdi-Kämpfer in Arafat-Kopftüchern, es gibt auch einen Beitrag über bewaffnete Frauen im Irak und über die Spekulation, dass die Muslime in Europa in hundert Jahren zur Mehrheit werden könnten. Nirgends finde ich einen Artikel über arabische Kultur.

In Ramallah treffe ich den Schriftsteller Mahmud Darwisch, dessen wunderschöne Gedichte zum Beispiel im Band «Ich habe ein Land aus Worten» (Ammann Verlag, 2002) nachzulesen sind. Er ist der Herausgeber einer Kulturzeitschrift, die ich leider nicht lesen kann. In seinem Kulturzentrum Sakakini arbeitet unter anderem auch ein Hebraist, der sich ausschliesslich mit dem Studium hebräischer Kunst und Kultur beschäftigt. Als Darwischs Gedichte vor ein paar Jahren in hebräischer Übersetzung erschienen, führte das in Israel zu heftigen Reaktionen, die in einer Knesset-Debatte gipfelten. Es besteht offenbar wenig Interesse daran, den Gegner von seiner poetischen Seite kennen zu lernen, es ist praktischer, wenn man ihn mit Kopftuch und Maschinenpistole abbildet.

Darwisch fragt mich, ob ich die Mauer gesehen habe, ich bejahe es und sage, es sei ein kafkaesker Anblick, und von dann an sprechen wir nur noch über Übersetzungen, zwei Kilometer von der Mauer entfernt. In derselben Entfernung arbeitet Subhi al-Zobaidi an seinem neuen Dokumentarfilm und freut sich, wie er mir sagt, über alle Exilpalästinenser, die sich an Festivals mit Filmen zu Wort melden. Sie stossen zur palästinensischen Kulturfamilie, die immer grösser werde. Im Nationaltheater in Jerusalem wird für ein Stück über die Mauer geprobt, eine Komödie übrigens, denn es gibt auch Humor und Selbstironie als Waffe gegen Erniedrigung und Depression. Eine Gruppe von jungen Musikern, die in ebendiesem Theater ein Konzert geben, verwandeln die Tristesse des Alltags in Songs, einer davon, locker und schwungvoll, ist eine Liebesgeschichte, die an einem Checkpoint beginnt, wo sich der Sänger beim Warten in ein Mädchen verliebt.

Hätte ich das nicht auch gesehen, wären die sechs Tage meiner Reise fast unerträglich gewesen.

Beim Anblick der Mauer kam mir das Gedicht von Bertolt Brecht aus «Schwejk im Zweiten Weltkrieg» in den Sinn, das ich nachher auch bei einem Treffen mit Parlamentariern in Jerusalem vortrug und auf Arabisch übersetzen liess:

Am Grunde der Moldau wandern die Steine

Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.

Das Grosse bleibt gross nicht und klein nicht das Kleine

Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Daraufhin erhob sich ein Parlamentarier und sagte, es gebe ein arabisches Sprichwort, das heisse: «Die dunkelsten Stunden der Nacht sind die vor der Morgendämmerung.»