15.05.2003

Die Junioren aus al-Bireh

Trotz erhöhtem Risiko lassen sich in Palästina junge Männer nicht davon abhalten, dem Ball hinterherzulaufen.

Von Peter Schäfer, al-Bireh

Das Spiel läuft falsch. Die Mannschaft des Jugendclubs aus al-Bireh, der Zwillingsstadt Ramallahs nördlich von Jerusalem, ist viel zu defensiv. Trainer Abdanasir Burkan gestikuliert und ruft. Er drängt seine Jungs im C-Junioren-Alter in den Sturm. Vergeblich. In der 28. Minute gehen die Gegner vom Verein aus Jerusalem mit 1:0 in Führung. Von da an sinkt die Moral der Spieler merklich. Weil die Jerusalemer Spieler im Durchschnitt ein wenig älter sind, ist das Team aus Bireh eingeschüchtert. «Ihr müsst mehr nach vorne gehen», predigt der Trainer vor elf hängenden Köpfen in der Halbzeitpause. «Ihr müsst den Gegner ständig fordern, dann kommt er erst gar nicht auf die Idee zum Angriff.»

Seine Mannschaft nicht motivieren zu können, muss sich Burkan gewiss nicht vorwerfen lassen. Wenn er etwas von der Pike auf gelernt hat, dann sich durch ungünstige Umstände nicht kleinkriegen zu lassen. Der 30-Jährige ist ehemaliger Linksaussen der palästinensischen Nationalelf, einer Mannschaft ohne Staat. «Uns mangelt es an Infrastruktur und Unterstützung», klagt er. «Es gibt in Palästina keine professionellen Spieler. Wer was aus sich machen will, geht ins Ausland. Die meisten spielen in Jordanien.» Ausser den Junioren in Bireh und einer Schulmannschaft coacht Burkan auch die palästinensische U17-Nationalmannschaft bei ihren seltenen Zusammenkünften. Sein Geld verdient er als Buchhalter bei der Stadtverwaltung.

Dabei sah vor zehn Jahren alles viel rosiger aus. Die Friedensverträge mit Israel waren unterzeichnet. Unabhängigkeit und Staatsgründung standen vor der Tür, so die allgemeine Annahme. Eine Nationalmannschaft musste her. Es gab zwar bereits eine im Exil, eine PLO-Mannschaft. Die Spieler aber – wie die Flüchtlinge insgesamt über die ganze Welt verstreut – trafen sich nur noch sporadisch zum Fussballspielen. Und überhaupt stand die Diskussion erfolgreicher Guerillataktiken damals höher auf der Tagesordnung der palästinensischen Führung als das Austüfteln von Abseitsfallen. Aber die Gründung der Palästinensischen Autonomiebehörde 1994 ermöglichte die Wiederaufnahme in die Fifa und damit einen Aufschwung für den Sport.

Vor zwei Jahren nahm die Nationalmannschaft zum ersten Mal seit 66 Jahren wieder an einer WM-Ausscheidung teil. Und in den derzeitigen Qualifikationsspielen für die Olympiateilnahme schwelgt die Nationalmannschaft schon im Erfolgsrausch. Mitte April hat man Nepal zweimal in Kathmandu besiegt. Und das Spiel gegen Kuweit Anfang Mai endete mit einem 1:1. Ein völlig unerwartetes Ergebnis. Schliesslich verlor die Mannschaft aus dem Öl-Emirat vor drei Jahren in Sydney gegen Olympiasieger Kamerun nur knapp und ist regional eine der besten. Am 7. Juni folgt nun das «Heimspiel», das Palästina wegen der israelischen Militärbesatzung aber ebenfalls im Land des gegnerischen Teams austragen muss.

Palästina kann auf eine lange Fussballtradition zurückblicken. 1908 wurde in Jerusalem der erste palästinensische Verein, zwanzig Jahre später der Fussballverband gegründet und kurz darauf in die Fifa aufgenommen. Doch während des Zweiten Weltkriegs brach der Fussballbetrieb zusammen. Und im israelischen Gründungskrieg flohen hunderttausende Palästinenser in die umliegenden Staaten. Die Nationalmannschaft war in alle Winde zerstreut.

«Heute ist es für uns aber nicht einfacher», erklärt Trainer Burkan. «Es ist schon ein Glück, dass die Mannschaft aus Jerusalem überhaupt gekommen ist.» Die Jungs sind wegen der Schikanen durch die israelischen Militärkontrollen nicht immer bereit, die Fahrt ins besetzte Cis-Jordanien zu machen. Und die Mannschaft aus Bireh braucht eine Genehmigung für die Reise ins palästinensische Ost-Jerusalem, das von Israel annektiert wurde. «Das Antragsverfahren ist langwierig und schwierig», so Burkan weiter. «Mittlerweile dürfen wir nicht einmal mehr ohne Erlaubnis in andere palästinensische Städte fahren.» Vor vier Monaten ist er deshalb mit seinem Team um einen der Kontrollpunkte auf dem Weg zu einem Turnier in Jericho herumgeschlichen. «Aber die Soldaten haben uns gesehen und sechs Stunden lang festgehalten. Seither machen wir das nicht mehr.»

«Das Hauptproblem für den palästinensischen Fussball besteht darin, dass es weder für Junioren noch für Erwachsene eine Liga und einen Meisterschaftsbetrieb gibt», sagt Burkan. Die U17-Nationalmannschaft war vor zwei Jahren noch drei Wochen lang im Trainingslager in Jericho zur Vorbereitung auf ein Turnier im Jemen. «Nur wenn wir die Spieler versammeln, haben wir die Möglichkeit, die geeigneten auszuwählen.» Wegen der Abriegelung gibt es zwischen den Ortschaften in den besetzten Gebieten keine Sportwettkämpfe mehr. Und die privilegierten Jerusalemer kommen auch nicht oft. Insbesondere für den nationalen Nachwuchs wünscht sich Burkan ein Trainingslager. «Es muss aber im Ausland sein, damit die Jungs die belastenden Umstände hier vergessen können.»

Vor vier Jahren hat sich die Lage für den Jugendclub aus al-Bireh merklich verbessert. Damals wurde ein Rasenplatz angelegt. «Bis im April 2001 ging das gut», erinnert sich Burkan. «Aber nachdem Usama während eines Trainings angeschossen wurde, benutzten wir den Platz nicht mehr.» Der Schuss kam aus der jüdischen Siedlung Psagot, gerade einmal 300 Meter Luftlinie entfernt, und traf den Jugendlichen ins Bein. «Die Wunde ist gut verheilt. Aber Usama spielt seither nicht mehr Fussball. Und wir konnten die Benutzung des Platzes nicht mehr verantworten.» Drei Monate später wurde der Spieler Nasir Abed auf seinem Weg zum regelmässigen Lauftraining in der Nähe des Geländes von israelischen Soldaten erschossen.

Der Spielfeld des Clubs liegt direkt zwischen Psagot und Beit El, einer weiteren Siedlung, die ausserdem die grösste israelische Militärbasis im besetzten Cis-Jordanien beherbergt. Von dort aus dringen die Soldaten zu jeder Tages- und Nachtzeit nach Bireh und Ramallah vor. Noch vor zwei Jahren waren Schusswechsel mit Siedlern weit häufiger als heute. Bewaffnete Palästinenser feuerten damals fast jede Nacht auf Psagot. Und die Siedler und Soldaten antworteten mit Schüssen auf palästinensische Zivilisten. Seit dem letzten Jahr ist es um Psagot ruhig geworden.

Deshalb wurde vor vier Monaten beschlossen, den mittlerweile versandeten Platz wieder zu nutzen. Aber sicher ist nichts. «Wenn du in Palästina Fussball spielen willst, musst du bereit sein, ein Risiko einzugehen», sagt Burkan, und es klingt überhaupt nicht wie Sprücheklopferei. Er meint, was er sagt, sonst hätte er schon lange aufgegeben. Ob die Eltern der Spieler nichts dagegen haben? «Erstens ist schon lange nichts mehr passiert», so die Antwort, «und zweitens muss man hier nicht unbedingt Fussball spielen, um zur Zielscheibe zu werden.» Burkan ist der Überzeugung, den Kindern und Jugendlichen mit seinem Training eine Alternative zu bieten. «Es gibt ja so gut wie keine Treffpunkte oder Freizeiteinrichtungen für Jugendliche bei uns. Statt auf der Strasse rumzuhängen, sollen sie zu mir ins Training kommen.»

«Insgesamt fehlt es aber am richtigen Bewusstsein», sagt Burkan. Waren die seltenen Spiele vor dem Beginn der Intifada noch gut besucht, so kommen jetzt keine Zuschauer mehr. Der ehemalige Nationalspieler macht dafür die Wirtschaftsmisere unter der Militärbesatzung verantwortlich. «Die Menschen haben andere Dinge im Kopf.» Die Leute haben kein Geld, dürfen den Ort nicht verlassen, werden von den israelischen Soldaten ab und zu ungestraft beschosssen – das alles rüttelt ziemlich an der kollektiven Verfassung. Da ist einem weder nach Fussball noch sonstigen kulturellen Aktivitäten zumute.

Nur langsam kann diese Stagnation durchbrochen werden. Beim Fussball geschieht das mit lokalen Turnieren, die auch schon mal die Namen von getöteten Widerstandskämpfern oder Selbstmordattentätern tragen. «Fussballturnier nach Terroristen benannt», heisst dies in den Pressemitteilungen der israelischen Militärs.

Mittlerweile hat sich Amer warm gelaufen und sich schnell ein Trikot von einem anderen Spieler geliehen. Zusätzlich soll der laufstarke Verteidiger Nadim ins Mittelfeld aufrücken, um die Stürmer zu unterstützen. Die Anweisungen des Trainers in der Halbzeitpause haben geholfen. Das Ausgleichstor fällt fünf Minuten vor dem Abpfiff, Torschütze Nadim. Und wenn die Gegner aus Jerusalem nicht einen halben Kopf grösser gewesen wären, hätte Burkans Mannschaft sicherlich gewonnen.

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