05.12.2002

Warum haben Kühe Hörner?

Von Florianne Koechlin

Wird die Gentechnologie und die Giftkeule für Pflanzen und Tiere bald Vergangenheit sein? Wird es möglich, die den Pflanzen und Tieren eigene Intelligenz für innovatives Landwirtschaften zu nutzen?

Angenommen: 2020 gibt es in der Schweiz, in Europa und im Süden nur noch vielfältige und moderne Biolandwirtschaft. Agrogifte und Gentechnik sind als veraltete Optionen ausgeschieden. Wie sieht eine solche Biolandwirtschaft aus, welches sind die Konzepte und Leitbilder?

Beginnen wir mit der Vielfalt, einem zentralen Baustein jeder Art von Biovision: Wer von uns kennt sich bei Kartoffeln aus? Nun gibt es Gelegenheit, bei einer Kartoffeldegus-tation dies für sich selber zu testen und die Unterschiede zwischen einer hellgelben Naturella, einer tiefgelben Charlotte, einem blauen Schweden und einer tiefvioletten Ludiano zu sehen, schmecken, riechen.

Das Blauen-Institut für kritische Beurteilungen von gentechnischen Projekten und Entwicklungen und Swissaid organisieren den einjährigen Zukunfts-Zyklus «Voraus, über Genetik hinaus»: neue Ansätze in der Wissenschaft, Landwirtschaft, Medizin und Politik. Es geht um den Paradigmenwechsel in der Molekularbiologie, um Leitbilder und Visionen einer Welt von morgen, um umfassende Konzepte auch zur Malariabekämpfung. Die Vision ist eine ökologische Landwirtschaft für die ganze Schweiz, für grosse Teile Europas und vor allem auch für die Dritte Welt: von Mali bis Muttenz – von Bombay bis Bern. Das riesige Potenzial des Biolandbaus ist aber nur mit viel Forschung erschliessbar. Mit innovativer und interdisziplinärer Forschung, welche die Natur respektiert und mit Bauern zusammenarbeitet. An acht thematischen Abenden, an denen jeweils auch die Kultur ihren Platz hat, werden Gegenentwürfe zur Diskussion gestellt.

In Ostafrika ist der Stängelbohrer der gefürchtetste Maisschädling, der oft ganze Felder zerstört. Der Stängelbohrer kann mit Düften bekämpft werden: Um das Maisfeld pflanzen die Bauern und Bäuerinnen ein Futtergras, dessen Duft den Stängelbohrer anzieht und aus dem Maisfeld herauslockt, und im Maisfeld pflanzen sie ein Bohnengewächs, dessen Duft den Stängelbohrer abstösst und aus dem Maisfeld vertreibt: Push-and-Pull heisst die geniale Biomethode, die vom afrikanischen Forschungsinstitut ICIPE entwickelt wurde. Direktor Hans Herren, ein gebürtiger Schweizer, erhielt letzte Woche den Preis der renommierten Brandenberger-Stiftung.

Bio-Vision Schweiz: Ein anderes Forschungsinstitut für biologischen Landbau befindet sich im schweizerischen Frick. Das FiBL ist das europaweit grösste unabhängige Forschungsinstitut dieser Art. In Direktor Urs Nigglis Visionen spielt daher auch die innovative und vernetzte Forschung eine zentrale Rolle, um das riesige Potenzial des Biolandbaus zu erschliessen:

Wie zum Beispiel kann das Immunsystem einer Pflanze angeregt werden, damit sie sich selber gegen Schädlinge wehrt? Wir wissen heute, dass der Wirkstoff des bekannten Hausarzneimittels Alcacyl (die Salicylsäure) die pflanzliche Immunabwehr in Gang setzt: Die Pflanze heilt sich wie von selbst. Am FiBL werden noch andere Wirkstoffe getestet. Daraus kann intelligenter Biolandbau natürlich Nutzen ziehen.

Gegen Graufäule, die schlimmste Krankheit bei Erdbeeren, kommen bei einem Experiment im FiBL Hummeln als «flying doctors» zum Einsatz. Beim Verlassen des Stockes krabbeln die Hummeln durch ein biologisches Pilzmittel. Beim Bestäuben der Erdbeerblüten hinterlassen sie es präzise an den Stellen, die von Graufäule besiedelt werden. Mit den «flying doctors» können Pilzmittel eingespart werden, und die Erdbeeren ergeben bis zu 50 Prozent mehr Ertrag.

Nikolai Fuchs ist Leiter der landwirtschaftlichen Abteilung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum, verantwortlich für Forschung und Entwicklung in der biodynamischen Landwirtschaft. Seine Visionen zielen in eine etwas andere Richtung: Er wünscht sich, dass Landwirtschaft zu «Lebenswirtschaft» wird. Wie ein Gesamtkunstwerk komponiert. Dass jeder Hof zwölf Tierarten hält, also neben Kühen und Schweinen auch Tauben und Fische. Dass viele Kinder auf den Höfen leben. Dass landschaftlich reizvolle Stadt-Land-Korridore mit Fahrradwegen und für kleine Solar- und Wasserstoffmobile geschaffen werden. Dass moderne Technik hilft, schwere Arbeit zu sparen. Dass Zeit für Pflegetätigkeiten, Musse und Kunst ist. Dazu braucht es unter anderem eine Wissenschaft, die zum Wesen der Dinge vordringt: Warum haben Kühe Hörner und fressen kein Fleisch?

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