08.08.2002

Spielen hinter Sandhaufen

Interview: Tobias Gasser

WoZ: Das israelische Militär hat die grössten Teile der Westbank wiederbesetzt, Gaza aber noch nicht. Wie sieht das Leben in Gaza aus?
Mussa Saba: Auch hier ist die Lage sehr angespannt. Die Bevölkerung befürchtet jederzeit neue Luftangriffe. Im Süden wurden die Stadt Rafah und die umliegenden Flüchtlingslager vom Rest des Gazastreifens abgetrennt. Momentan kommt niemand in den Süden. Der Checkpoint an der einzigen Verbindungsstrasse wurde dichtgemacht, und die Feldwege wurden verbarrikadiert. In Rafah und auch in der südlichen Stadt Khan Yunis rechnen die Leute mit einer Invasion israelischer Truppen. Auch die Grenzen zur Aussenwelt sind nicht passierbar: Meine Tochter besuchte mit meinen Enkeln in Ägypten Verwandte. Nun können sie nicht mehr zurück. Die israelische Armee hat sie in Rafah beim Grenzübergang zu Ägypten nicht durchgelassen.

In den letzten Wochen bombardierten israelische Kampfflugzeuge mehrere Male Ziele mitten in Wohnquartieren. Wie reagieren die Menschen darauf?
Sie fühlen sich gedemütigt, frustriert und erniedrigt. Sie haben Angst. Sie denken, Israel hätte ihnen persönlich den Krieg erklärt. Die Angriffe auf belebte Quartiere erinnern mich ans Jahr 1955, als die israelische Armee fünfzig Mörsergranaten auf ägyptische Stellungen im Stadtzentrum von Gaza abfeuerte. Etwa zehn Personen starben dabei. Es herrscht die gleiche Stimmung wie damals: Wut macht sich breit, und es gibt Proteste auf der Strasse. Bald gehen die Ferien zu Ende. Aber die Familien wollen ihre Kinder nicht zur Schule schicken, weil sie sich vor israelischen Angriffen fürchten. StudentInnen gehen nicht mehr zur Universität, weil sie keine Perspektiven sehen. Sie sprechen nur noch vom – illusorischen – Weggehen. In den Strassen der Flüchtlingslager nahe den israelischen Siedlungen haben die Bewohner Sandhaufen aufgebaut, damit die Kinder dahinter vor Gewehrschüssen sicher sind und in Ruhe spielen können. Eine ganze Generation junger Leute geht so zugrunde.

Welche Form haben die Proteste?
Im Zentrum von Gaza-Stadt zum Beispiel setzten sich die Händler heute Morgen mitten auf die befahrene Strasse. Sie verkaufen nichts mehr. Die Leute haben kein Geld, um einzukaufen.

Wovon leben die Menschen denn?
Einige nichtstaatliche Organisationen und das Uno-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge UNWRA organisieren medizinische Hilfe und Nahrungsmittel, aber das reicht nirgends hin. Mein Freund Khaled müsste mit seiner Tochter nach Ägypten, für eine medizinische Untersuchung, die man in Gaza nicht machen kann. Er hat kein Geld dazu, und die Grenzen sind sowieso geschlossen. Die Ersparnisse der Menschen sind aufgebraucht. Wir befinden uns wirklich in einem Notstand. Viele Kinder sind schlecht ernährt. Über sechzig Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Die Arbeitslosigkeit ist ebenso hoch. Die Leute können nur noch den kleinsten Teil ihrer täglichen Ausgaben selber bezahlen. Sogar den Angestellten der PNA geht es miserabel. Viele Leute hoffen auf Gottes Hilfe. Aber ich weiss nicht, wie Gott uns helfen will.

Die PNA sei korrupt, heisst es hier in Palästina. Aber auch von ausserhalb, vor allem aus den USA und aus Israel, wird die Bekämpfung der Korruption gefordert. Die PNA hat Reformen und freie Wahlen angekündigt. Können Reformen erfolgreich sein?
Uns wird immer wieder vorgeworfen, wir seien korrupt. Klar, die PNA hat ein Korruptionsproblem. Bei denen ist das Scheckbuch wichtiger als ein politisches Programm. Viele Palästinenser und Palästinenserinnen sind schon lange unzufrieden, meinen aber, die Korruptionsbekämpfung komme nach dem Kampf gegen die Besetzung. Verglichen mit den Skandalen der US-amerikanischen Konzerne stehen wir ja noch gut da.

Ich glaube nicht, dass Wahlen abgehalten werden können. Freie Wahlen sind unter Besetzung nicht möglich. Es gibt keine unabhängigen Kontrollmöglichkeiten in der jetzigen Situation. Wie wollen Sie Wahlen organisieren, wenn die Leute ihre Wohnungen nicht verlassen dürfen? Solange wir nicht frei von der israelischen Fremdherrschaft sind, können Wahlen nicht demokratisch und fair sein. Es gibt zu viele Kräfte, die manipulieren wollen, israelische wie palästinensische. Deshalb habe ich schon das letzte Mal meinen Wahlzettel nicht ausgefüllt.

Was kann die Zivilgesellschaft bewirken?
Wenn die Waffen sprechen, bleibt wenig Raum für friedliche, politisch ausgehandelte Lösungen. Darum macht sich Desillusionierung breit. Immerhin können wir uns hier, anders als in der Westbank, noch frei bewegen. Die politischen Organisationen können weiterarbeiten. Die nichtstaatlichen Organisationen versuchen, ihre sozialen Projekte vor dem Stillstand zu bewahren. Einige Gruppierungen organisieren sogar Proteste gegen die PNA und zivilen Widerstand gegen die Besetzung. Wir versuchen, der Erstickung zu widerstehen.