12.02.2004

Was uns gehört

Die Migros gehört uns GenossenschafterInnen. Wie viel besitzen wir eigentlich?

Von Urs Bruderer

Wir halten die Migros für eine unübersehbare Ladenkette. Dabei ist sie ein diskretes Imperium. Eines, das uns Migros-GenossenschafterInnen gehört. Momentan sind wir zwei Millionen. Höchste Zeit, dass wir uns Übersicht über unseren Besitz verschaffen.

Fangen wir bei den Läden an. Es sind fast 600, mit total 1,1 Millionen Quadratmetern Verkaufsfläche. Platz für 5500 Tennisplätze. Nicht einberechnet sind in dieser Zahl 117 Ex-Libris-Filialen, 136 Migrol-Tankstellenshops, 3 MMM-Läden in Frankreich und 2 MMs in Deutschland. Hinzu kommt weiter die Globusgruppe, die seit 1997 auch uns gehört: 12 Globus-Warenhäuser, 22 Herrenglobus-Filialen, 25 Interios (davon 5 in Deutschland und einer in Frankreich), 86 Office Worlds (14 in der Schweiz, 10 in Deutschland, 5 in Frankreich und 57 in Grossbritannien). Nicht zu vergessen die 78 Häuser, die einmal ABM waren und heute ABM, Oviesse, Nannini oder Globest heissen. Die Globusgruppe, das sind total noch einmal 1500 Tennisplätze Verkaufsfläche.

Bei den Nahrungsmitteln sind wir besonders stark. Ein Viertel des Geldes, das in der Schweiz für Food ausgegeben wird, landet in unseren Kassen. Umgekehrt kaufen wir der Schweizer Landwirtschaft über ein Drittel ihrer Produktion ab. Darum brauchen wir auch den grössten Tiefkühlschrank der Schweiz. Er steht in Neuendorf und fasst 162 000 Kubikmeter. Darin könnten wir 250 Einfamilienhäuschen auf minus 28 Grad abkühlen.

Wir sind nicht nur die grössten Krämer der Schweiz, wir stellen auch viele Waren selber her. Die 874 Mitarbeitenden der Chocolat Frey produzieren über ein Drittel des Schweizer Schokoladebedarfs. Die Jowa-Bäckerei (3541 Mitarbeitende) ist auch in Deutschland, Österreich und den USA präsent. Die Optigal produziert in der Romandie jährlich 27 Millionen Kilo Pouletfleisch. Unsere weiteren grossen Industrieunternehmen sind:
Aproz: Mineralwasser, 164 Mitarbeitende
MBB: Kaffeerösterei, 322 Mitarbeitende
Mibelle: Kosmetik, 424 Mitarbeitende
Mifa: Waschmittel, 324 Mitarbeitende
Midor: Süsswaren, 784 Mitarbeitende
Mifroma: Käse, 212 Mitarbeitende
Bischofszell: Konserven, 911 Mitarbeitende
Estavayer Lait: Milchprodukte, 535 Mitarbeitende
Micarna: Fleisch, 1490 Mitarbeitende
Alles in allem erzielte unsere Industrie einen Nettoumsatz von 3,82 Milliarden Franken, davon 172 Millionen im Ausland.

Wer nicht kochen mag, den lassen wir nicht im Stich: Die Migros betreibt 217 Restaurants. Und die bei uns zugelegten Kilos wird man auch wieder los bei uns. Nobel, in einem unserer sechs Golfparks, oder – weniger nobel – in unseren 24 Fitnessklubs und Wellnesszentren. Auch auf diesen beiden Gebieten ist die Migros Marktleaderin.

Unsere Besitztümer im Ausland sind schwer zu überblicken. Sie gehören alle zum Migros-eigenen Reiseanbieter Hotelplan, der 2,5 Millionen Passagiere befördert und über die Hälfte des Umsatzes im Ausland erzielt. Allein über unsere Interhome-Gruppe gehören uns über 20 000 Ferienunterkünfte in fünfzehn verschiedenen Ländern. Hotels und Clubanlagen besitzen wir in der Toskana, an der Côte d'Azur, auf Kreta, in Spanien und Tunesien, auf den Malediven und wahrscheinlich noch an einigen anderen schönen Ecken dieser Welt. Seit zwei Jahren fliegen wir übrigens mit der eigenen Airline, der Belair.

Mit dem «Brückenbauer» geben wir die auflagenstärkste Wochenzeitung der Schweiz heraus. Alle zwei Millionen GenossenschafterInnen bekommen sie. Gedruckt wird sie von der Limmatdruck (546 Mitarbeitende), die uns gehört. Im Feuilleton ist der «Brückenbauer» zugegeben nicht sehr stark. Kulturfreaks können aber unser Migros-Museum für Gegenwartskunst oder einen Kongress des Gottlieb-Duttweiler-Instituts besuchen. Oder eine vom Migros-Kulturprozent unterstützte Veranstaltung. Oder die Migros-Klubschule. Wir unterrichten dort jährlich eine halbe Million SchülerInnen. Oder eine der 25 Sprachschulen in elf Ländern unserer Eurocenter-Stiftung.

Sind Sie erschöpft? Möchten Sie jetzt einmal darüber nachdenken, was wir mit all dem tun könnten? Sich vorstellen, wie die Schweiz aussähe, wenn nicht nur die M an unseren Läden, sondern alles, was uns gehört, orange wäre? Dann besuchen Sie doch einen unserer Parks (in Rüschlikon, Münchenstein, auf dem Berner Hausberg Gurten, in Signal de Bougy bei Lausanne) und setzen Sie sich auf eine Bank.

Ach ja, eine Bank haben wir auch. Sie ist die Nummer sechs der Schweiz.

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