06.06.2002

Abrechnung mit den «Neuen Historikern»

Von Ilan Pappe, Haifa

An meiner Universität, der Uni Haifa, an der ich in der Fakultät Internationale Beziehungen lehre, bin ich angeklagt. Der Anklagevertreter, der Dekan der Geisteswissenschaften, verlangt, mich vom Campus auszuschliessen wegen meiner Positionen in der Kontroverse um Teddy Katz. Der Student Katz hatte 1999 in seiner Abschlussarbeit, für die er die Bestnote erhielt, unter anderem ein Massaker während des Krieges von 1948 im Dorf Tantura aufgedeckt – vermutlich eine der schlimmsten Gewalttaten der israelischen Armee in diesem Krieg. Veteranen der Einheit, die dieses Massaker anrichtete, verklagten Katz, doch zu einem Prozess kam es nie. Unter dem unerträglichen Druck seiner Familie und der Öffentlichkeit entschuldigte sich Katz zunächst dafür, ein Ereignis fabriziert zu haben. Bald aber nahm er seine Entschuldigung zurück und bat darum, das Gerichtsverfahren wieder aufzunehmen. Das wurde abgelehnt. Daraufhin untersuchte eine Kommission der Uni seine These und fand einige falsche Zitate (sechs von mehreren hundert) – ein gängiges Verhältnis in den Arbeiten etablierter HistorikerInnen, das seine Schlüsse und Befunde über das Massaker in Tantura in keiner Weise infrage stellt. Doch Katz wurde im November 2001 von der Uni ausgeschlossen.

In dieser Zeit kritisierte ich das Verhalten der Uni und beschuldigte sie der moralischen Feigheit und politischer Motive. Gleichzeitig forschte ich selber, was in Tantura geschah, und arbeitete alles relevante Material durch. Meine Schlussfolgerung: Im Mai 1948 starben etwa 250 unschuldige PalästinenserInnen bei einem Massaker in Tantura (das Dorf gehörte bereits zum jüdischen Staat, alle Opfer waren also BürgerInnen des neuen Staates).

Ich wurde zum Ziel einer von der Fakultät für Erez-Israel-Studien lancierten Boykottkampagne. Diese Abteilung wurde als ideologische Truppe gegründet, um die zionistische Geschichtsschreibung mit wissenschaftlichen Grundlagen zu versehen. Jene, die sich als Wächter der nationalen Geschichtsversion verstehen, konnten es nicht zulassen, dass eine These wie die von Katz als legitimes Produkt akademischer Forschung akzeptiert wird. Die Tantura-Affäre entblösste die brutale Art der ethnischen Säuberung von 1948 und gab dadurch den palästinensischen Forderungen nach Entschädigung und Rückkehr Legitimität. Die Aufdeckung solcher Grausamkeiten durch die israelischen Hochschulen macht sie in den Augen der Welt zu unbestreitbaren Tatsachen, und wer weiss, vielleicht vermag sie auch in den Köpfen der Israelis Zweifel auszulösen. Die Geschichte von 1948 ist direkt mit dem heutigen Friedensprozess und mit der Form einer zukünftigen Lösung verbunden.

Doch die Affäre Katz endete schon vor einem halben Jahr. Warum erfolgte der Angriff gerade jetzt? Der Zeitpunkt hat sicher mit meinen aktuellen Arbeiten zu tun. Konkret sehe ich drei Gründe dafür. Einerseits unterstützte ich vor ein paar Wochen in einem Aufruf die Entscheidung europäischer AkademikerInnen, die israelischen Hochschulen zu boykottieren. Das brachte die Uni-Verwaltung auf den Gedanken, dass nun das richtige Klima herrschte, um ältere Rechnungen mit mir zu begleichen. Der zweite Grund ist ein vorgesehener Artikel von mir in einer hebräischen akademischen Zeitschrift höchsten Ansehens über die Katz-Affäre. Drittens schlug ich vor, im nächsten Semester eine Vorlesungsreihe über die Nakba («Katastrophe» nennen PalästinenserInnen die Staatsgründung Israels, durch die sie vertrieben wurden) abzuhalten – den ersten solchen Kurs überhaupt an einer israelischen Uni.

Schon die Idee, dass die PalästinenserInnen ein legitimes Thema sind, ist ziemlich neu für die israelischen Unis, das begann erst in den achtziger Jahren. Aber nicht aus Einfühlungsvermögen in die palästinensische Notlage, sondern eher als Teil eines nachrichtendienstlichen Ansatzes, «den Feind» zu kennen. Ich aber spreche von einem Kurs, der – entsprechend meiner Kenntnisse und meines Verständnisses der Geschichte – von der palästinensischen Version der Nakba ausgeht und die Implikationen für eine künftige Lösung offen diskutiert. In meiner Uni ist das Häresie.

Doch der Zeitpunkt hat auch mit der gegenwärtigen Atmosphäre in Israel zu tun, die sich am besten als bewusstes jüdisch-israelisches Verlassen des demokratischen Spiels – oder soll man sagen der Vortäuschung von Demokratie? – durch Regierung und Gesellschaft beschreiben lässt.

Diese neue Stimmung manifestiert sich in zwei Arten. Zum einen wird noch die mildeste Kritik zum Schweigen gebracht. Etwa die israelische Nationalsängerin Jaffa Jarkoni, die es wagte, die Dschenin-Operation infrage zu stellen. Sie ist heute geächtet. Der öffentliche Druck brachte einige kritische israelische Wissenschaftler dazu, ihre Unterstützung für Frieden und Demokratie zu widerrufen. Wenn alte Rechnungen mit den «Neuen Historikern» beglichen werden, ist es nicht angenehm, einer davon zu sein. Für Einzelne war es zu viel. Mein Kollege Benny Morris erlag dem Druck. Er rechtfertigte die ethnischen Säuberungen von 1948, die er selbst enthüllen half, und kündigte an, sie auch jetzt zu unterstützen, falls die Krise andauert (die israelischen Botschaften rund um die Welt verteilen nun seine Bekenntnisse).

Zum anderen wird die politische Elite geschickt manipuliert durch eine Konsensstimmung, die bisher als rechtsextrem geltende Positionen und Ideologien ins Zentrum der öffentlichen Debatte bringt. Die bemerkenswerteste darunter ist der Ruf nach ethnischer Säuberung von PalästinenserInnen, egal ob sie in Israel oder in den besetzten Gebieten leben. Überraschenderweise arbeiten Medien und AkademikerInnen willig daran mit.

Die Erosion des freien Denkens und Redens lässt nur einen Schluss zu. Es braucht grossen wirtschaftlichen und kulturellen Druck auf Israel, nicht nur, um die destruktive Politik gegen die PalästinenserInnen zu stoppen, sondern um die ganze Region vor einem Krieg zu bewahren, der das Leben aller zerstören würde – von Juden und Jüdinnen, Arabern und Araberinnen, in Israel, Palästina und darüber hinaus.