29.07.2004

«Im Krieg gibt es keine Zuschauer»

Von Judith Huber

Der ehemalige kroatische Polizist Milan Levar hat einen tragischen Fehler begangen. Er hatte über Kriegsverbrechen in seiner Heimatstadt Gospic ausgesagt und geglaubt, danach weiter dort leben zu können.

Am 28. August 2000 wurde Levar von einer Bombe getötet. Erst nach seiner Ermordung leiteten die kroatischen Behörden Ermittlungen im Fall der Stadt Gospic ein. Levar hatte bereits Mitte der neunziger Jahre den kroatischen Behörden berichtet, dass in seiner Heimatstadt im Oktober 1991 über hundert Menschen, SerbInnen und KroatInnen, exekutiert worden waren und eine Gruppe um den kroatischen General Mirko Norac eine Terrorherrschaft aufgebaut hatte.

Doch die Behörden reagierten nicht. Danach gelangte Levar an die kroatische Presse. Doch seine Aussagen wurden von der kroatischen Öffentlichkeit mit Gleichgültigkeit aufgenommen. Schliesslich wandte er sich an das Internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. 2003, zwei Jahre nach Levars Ermordung, wurden der ehemalige General Norac und zwei andere Mitglieder der Gospic-Gruppe von einem Gericht im kroatischen Rijeka verurteilt. Bis heute gilt Norac in Kroatien als Kriegsheld. Seine Verhaftung führte zu einer Regierungskrise und wütenden Demonstrationen. 2002 ernannte ihn das Adriastädtchen Split zusammen mit zwei anderen vom Tribunal gesuchten Generälen zum Ehrenbürger.

Das Schicksal des kroatischen Polizisten, der das Schweigen brach, wird von der kroatischen Schriftstellerin und Journalistin Slavenka Drakulic im Buch «Keiner war dabei» eindrücklich geschildert. Doch Levar ist eine Ausnahme. Bis heute weigerten sich die meisten Menschen in Kroatien und Serbien, die Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen, stellt Drakulic fest. Kaum jemand wolle vom Krieg sprechen, ganz so, als habe es ihn nicht gegeben: «Zu viele Menschen waren am Krieg beteiligt, und sehr viele haben von ihm profitiert. Es ist leichter und bequemer, mit Lügen zu leben als mit der Wahrheit, mit der Möglichkeit von individueller Schuld und kollektiver moralischer und politischer Verantwortung.» Doch die Wahrheit, davon ist Drakulic überzeugt, müsse unbedingt ausgesprochen werden. Sonst werde der Boden für ein nächstes Blutvergiessen bereitet.

Drakulic verbrachte mehrere Monate als Prozessbeobachterin in Den Haag. Sie verfolgte nicht nur die «prominenten» Fälle, wie den Prozess gegen den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, sondern auch Verfahren gegen weniger bekannte Angeklagte. Ihre Beobachtungen führten sie zum Schluss, dass es keine Ungeheuer, sondern normale Menschen waren, die die Verbrechen begingen – in einer «allgemeinen Atmosphäre des Hasses», der sich nur wenige zu widersetzen vermochten. Einer dieser normalen Menschen ist Radislav Krstic, Berufsmilitär und ehemaliger General der Serbischen Republik in Bosnien. Krstic war für das Massaker von Srebrenica mitverantwortlich. Der bosnische Serbe hatte neun Jahre in Sarajevo gelebt. Diese Zeit schilderte der Angeklagte vor Gericht als «wunderbar». «Wir fragten nie nach der nationalen Herkunft der anderen. Alle waren Bürger von Sarajevo», schwärmte Krstic. Wie kommt es, dass derselbe Mann später für die Ermordung von über 7000 Muslimen mitverantwortlich wurde? «Seit der Krieg begonnen hatte, mussten die Menschen eine Wahl treffen, Partei ergreifen», schreibt Drakulic dazu.

Als der Berufssoldat Krstic in die Armee der Serbischen Republik trat, war dieser Entscheid gefallen. Krstic war ein Opportunist und hatte nicht die Stärke, seinen Vorgesetzten gegenüber Nein zu sagen – genauso wie tausende andere. Er widersprach nicht, als General Ratko Mladic das Kommando über seine Truppe übernahm und befahl, die Enklave von Srebrenica einzunehmen. Krstic wies während des Prozesses immer wieder die Verantwortung von sich und «wäre gern als Zuschauer angesehen worden». «Doch im Krieg», so Drakulic, «gibt es keine Zuschauer.» Krstic wurde vom Tribunal wegen Völkermord zu 46 Jahren Gefängnis verurteilt; im Berufungsverfahren wurde die Strafe auf 35 Jahre verkürzt.

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