06.12.2001

Der diskrete Charme der Bürokratie

Eine serbischstämmige Österreicherin wagt es, Aufklärung über die Zerstörung ihres Hauses in Kroatien zu fordern - und wird nicht nur von der kroatischen Bürokratie zur Schnecke gemacht.

Von Hannes Hofbauer

Am 30. Januar 1992 frühmorgens erhielt Jelena Rajkovic (Name geändert) in ihrer Wiener Wohnung einen Anruf. Ihr Haus sei gesprengt worden, teilte ihr eine Freundin mit und fügte gleich hinzu, dass auch andere Häuser in serbischem Besitz verwüstet worden seien. Jelena Rajkovic war fassungslos. Noch zwei Jahre bis zur Rente wollte sie in Wien verbringen, um dann zurück in ihr Dorf in Slawonien, im östlichen Teil Kroatiens, zu ziehen. Sie brach in Tränen aus. Ihr erster Gedanke: Welche Riesendummheit, dort unten, in Mutters Geburtsort, gebaut zu haben. «Ich hatte fast vergessen, dass ich im Konzentrationslager geboren bin. Man soll niemals vergessen», meint sie bitter. Das Dorf, in dem nun die Bauruine steht, will Jelena ebenso wenig genannt wissen wie ihren wirklichen Namen. Sie hat Angst. Vor allem, seit ihr auch das österreichische Aussenministerium indirekt gedroht hat, sie notfalls abzuschieben, wenn sie keine Ruhe gebe. Jelena Rajkovic will keine Ruhe geben.

Mitten im Zweiten Weltkrieg, im kroatischen Konzentrationslager Jasenovac, wurde Jelena geboren. Es war eine Schockgeburt, sie kam viel zu früh. Am Tag zuvor hatten Lagersoldaten, die zu den kroatischen Faschisten, den Ustaschi, gehörten, ihrer Mutter mit einem Bajonett eine Wunde in den hochschwangeren Leib gerissen. Beide, Mutter und Tochter, überlebten. Ende der siebziger Jahre ging die gelernte Ingenieurin nach Österreich, Mitte der achtziger Jahre nahm sie die österreichische Staatsbürgerschaft an. Man wird sehen, was sie davon hatte. In ihrem Heimatdorf nahe Virovitica, wenige Kilometer südlich der ungarischen Grenze gelegen, baute sie auf dem Grund ihrer Mutter eine moderne Villa. Erst im März 1991 war alles fertig. Neun Monate später: die Sprengung.

Am Abend vor dem Vandalenakt, dem ein halbes Dutzend von SerbInnen gebauter Häuser zum Opfer fielen, bemerkten die NachbarInnen kroatische Soldaten im Ort, die sich umsahen und Notizen machten; ein ungewöhnlicher Vorgang in dem kaum 500 EinwohnerInnen zählenden Weiler. In der Nacht darauf kamen Vermummte und legten Sprengstoff. Die zerstörten Häuser gehörten entweder serbischen GastarbeiterInnen im EU-Gebiet oder SerbInnen, die sich weigerten wegzuziehen. Bereits seit Wochen waren Drohbriefe zirkuliert, die alle NichtkroatInnen zum Aufbruch mahnten. Jelena war zuletzt im Spätherbst 1991, also nach der kroatischen Unabhängigkeitserklärung, zu Hause gewesen, um nach dem Rechten zu sehen. Die Lage war gespannt, manche serbische NachbarInnen packten gerade ihr bewegliches Hab und Gut und machten sich nach Bosnien oder Serbien auf. Virovitica und Umgebung blieb ansonsten vom Bürgerkrieg verschont, hier wurde nicht geschossen. Weder die jugoslawische Armee noch die kroatische Territorialverteidigung waren hier stationiert. An einen Krieg dachte niemand.

Am Tag nach der Zerstörung ihres Hauses begann Jelena Rajkovic um Wiedergutmachung zu kämpfen. Als gut dotierte Managerin in der österreichischen Privatwirtschaft nutzte sie alle Kontakte, die sie im Berufsleben aufgebaut hatte. Eine Bekannte von ihr war mit Österreichs Aussenminister Alois Mock befreundet und schickte ihm ein Fax, worin sie um Hilfestellung bat. «Um Gottes Willen, die Frau soll nicht hinunterfahren», soll Mock mitgeteilt haben. «Die bringen sie um. Niemand kann ihre Sicherheit garantieren.» Was als ehrliche Warnung gedacht war, rief Jelena dramatisch ihre aussichtslose Position als Österreicherin serbischer Abstammung in Erinnerung. «Ihr» Aussenminister liess ausrichten, ja nicht nach ihrem Haus zu sehen, weil er offensichtlich nicht einmal garantieren konnte, dass jene KroatInnen, die er und sein deutscher Amtskollege Hans-Dietrich Genscher unterstützt hatten, eine besorgte Frau am Leben lassen würden, die ihr zerstörtes Haus inspizieren wollte.

Also schickte Jelena Rajkovic einen österreichischen Freund, um zumindest Fotos von ihrer gesprengten Villa zu machen - ein nicht ungefährliches Unterfangen. Noch Jahre später, 1997, wurde ein serbisches Kamerateam von vermummten kroatischen Nationalisten verprügelt, als es in einem der slawonischen Dörfer Aufnahmen von den Verwüstungen machen wollte. Die gesamte Ausrüstung wurde beschlagnahmt, die Presseleute selbst mussten sich nackt ausziehen, wurden verprügelt und im Wald ausgesetzt. Nach einer demütigenden Odyssee kamen sie erst Tage später nach Belgrad zurück.

Für Jelena Rajkovic nahmen die Demütigungen zu, als sie die ersten Antworten auf ihre schriftlichen Eingaben las. Die österreichische Botschaft in Agram, wie Zagreb auf dem Briefkopf genannt wurde, erklärte sich für nicht zuständig, das Kreisgericht in Virovitica liess die Schriftstücke lange liegen, bevor es in einer Antwort am 28. Oktober 1992 feststellte: «Wir haben Ihr Schreiben an die Polizei weitergeleitet. Diese hat dem Gericht bislang keine Meldung gemacht, aus der hervorgeht, wer das Haus zerstört hat. Deshalb bitten wir Sie, Daten über eventuelle Täter an uns zu übergeben. Hochachtungsvoll: (...)» Briefe an den kroatischen Staatspräsidenten Franjo Tudjman, die Polizei und die Staatsanwaltschaft wurden in ähnlichem Tonfall oder gar nicht beantwortet. Als Jelena Rajkovic dann Ende 1992 einen, wie sie selbst sagt, «unschönen» Brief an das Kreisgericht in Virovitica verfasste, änderte sich die Gangart der kroatischen Behörden. Jelena hatte ihnen darin unterstellt, sehr wohl zu wissen, wer die Täter seien, schliesslich seien systematisch alle Häuser von SerbInnen gesprengt worden, die nicht vorher «freiwillig» das Feld geräumt und ihre Häuser billig an Kroaten verkauft hatten. «Diese Sprengungen haben Ihre Leute durchgeführt», empörte sie sich und schrieb sich ihren Frust von der Seele. Prompt folgte eine Anklage wegen Verleumdung des kroatischen Staates und seiner Organe, und ebenso prompt wurde Jelena Rajkovic - im Zuge eines Rechtshilfeverfahrens über das österreichische Aussenministerium - von ihrem zuständigen Bezirksgericht in Wien vorgeladen. Sie bestätigte den Inhalt des Briefes und wurde in Kroatien in Abwesenheit zu einer Haftstrafe von einem halben Jahr verurteilt.

Nun wandte sie sich an Hans-Dietrich Genscher, der ihr empfahl, an das Uno-Flüchtlingshilfswerk zu gelangen, sowie erneut an die österreichische Botschaft in Zagreb und an das Aussenministerium in Wien. Die Antwort, die sie vom Wiener Aussenministerium erhielt, ist atemberaubend in ihrer Drohgebärde: «Im Zuge der Bearbeitung Ihres Schreibens vom 14. September 1993 wurde festgestellt», schrieb eine Frau Gesandte Liebenwein, «dass Sie den seinerzeitigen [1983, d.A.] anlässlich der Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft vorgeschriebenen Nachweis der Entlassung aus der jugoslawischen Staatsangehörigkeit bislang nicht erbracht haben. Es muss daher seitens des Bundesministeriums für auswärtige Angelegenheiten davon ausgegangen werden, dass Sie damals die jugoslawische Staatsangehörigkeit nicht aufgegeben haben und somit nunmehr auch kroatische Staatsbürgerin sind. (...) Nach den Grundsätzen des Völkerrechts kann ein Heimatstaat für einen Doppelstaatsbürger gegenüber dem anderen Heimatstaat nämlich nicht das diplomatische Schutzrecht in Anspruch nehmen.» Mit anderen Worten: Kusch! Oder wir überlegen eine Aberkennung der österreichischen Staatsbürgerschaft, was eine Abschiebung nach Kroatien zur Folge hat. Dort können Sie dann, nach Verbüssung einer halbjährigen Haftstrafe, in die Ruinen Ihres gesprengten Hauses einziehen. Jelena Rajkovic verstand die Botschaft und beendete den Schriftverkehr.

Von Hannes Hofbauer ist 2001 erschienen: «Balkankrieg. Zehn Jahre Zerstörung Jugoslawiens». Verlag Promedia, Wien.

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