18.11.2004

Augenblicke für das Ohr

Von Christine Wanner

«Den Klängen unserer Welt können wir nicht entfliehen. (...) Das Leben in den Grossstädten ist erbarmungslos.» Dramatisch beginnt die Publikation «Augenblicke für das Ohr –, der Mensch und sein Gehör»; der Einstieg erinnert an die Klagen um 1900 über «das nervöse Zeitalter» mit seiner permanenten Reizüberflutung. Viel will die Publikation, zu viel, sodass sie als Ganzes nicht überzeugt. Dennoch beinhaltet sie starke, lesenswerte Passagen.

Auf knapp 300 Seiten erklären die Journalistin Susanne Wagner und der Facharzt Thomas Spillmann die ausgeklügelte Funktionsweise und die komplexe Entwicklungsgeschichte des Ohres; nebenbei flechten sie die Kulturgeschichte des Hörens und den gesellschaftlichen Umgang mit Hörbehinderten seit der Antike ein, lassen Betroffene zu Wort kommen, zeigen Therapiemöglichkeiten für Hörbehinderte und Gehörlose auf und gelangen via Sounddesign, Tierreich, Religion und Philosophie zur künstlerischen Umsetzung von Hören und Nichthören.

Dabei überdehnen die AutorInnen auch den sprachlichen Bogen. Während Spillmann in seinen Ausführungen zur Entwicklung des Ohres die Details sogar aus dem chromosomalen, genetischen Bereich heranzieht, finden sich in den kulturgeschichtlichen Texten von Wagner salopp nacherzählte Begebenheiten wie «die Wurzeln dieser Erkrankung gehen auf die Antike zurück». Wie bitte? Interdisziplinäres Arbeiten bedeutet in dieser Publikation nicht viel mehr, als dass die netten Kultur- und Sozialwissenschaften die ernsthafte Naturwissenschaft illustrieren.
Stark ist die Publikation dort, wo sie mit Rat und nützlichen Checklisten Betroffenen zur Seite steht. Feinfühlig und lesenswert sind die neun Porträts von hörbehinderten Personen. Sie sensibilisieren eindrücklich für die «nicht sichtbare Behinderung», von der in der Schweiz schätzungsweise bis zu einer halben Million Menschen betroffen sind.

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